Es kommt nicht häufig vor, dass der Chauffeur eines öffentliches Busses vor Gericht steht – erst recht nicht wegen Fahrerflucht. Dabei sind Zwischenfälle mit Passagieren keine Seltenheit. Stürze beim Ein- oder Aussteigen, Verletzungen wegen Bremsmanövern oder an der automatischen Tür gehören zum Arbeitsalltag. «so was passiert sicher einmal pro Woche», sagt Max (Name geändert).

Der stämmige Mann in dunkelblauer Uniform sitzt händereibend auf der Wartebank vor dem Gerichtssaal. Gleich wird das Urteil eröffnet. Der 62-jährige Schweizer fährt seit vier Jahren für die BBA, die Busbetriebe Aarau. Ihm wird Führerflucht nach einem Verkehrsunfall mit Verletzten vorgeworfen. Er hatte mit dem Seitenspiegel eine Frau auf dem Trottoir gestreift. Jetzt bangt er um seine Fahrbewilligung.

«Knallte gegen meinen Kopf»

Was war passiert an jenem Donnerstagabend, Mitte Juli 2017? Der Unfallhergang ist unbestritten. Es war gegen 17 Uhr. Feierabendverkehr. Max steuerte seinen Gelenkbus durch die Aarauer Feerstrasse in Richtung Bahnhof. Gleichzeitig war eine Gruppe junger Leute auf dem Trottoir ebenfalls zum Bahnhof unterwegs. Maria* ging ganz links aussen. «Als der Bus vorbeifuhr, knallte etwas von hinten gegen meinen Kopf», sagt die grossgewachsene Frau, die als Zeugin in den Gerichtssaal geladen ist, in gebrochenem Deutsch.

Max, der BBA-Chauffeur, schildert den Vorfall so: «Es herrschte Verkehrschaos. Ich war nicht viel mehr als im Schritttempo unterwegs.» An der Einfahrt zur Bahnhofstrasse habe er am Rotlicht gestoppt. Da sei an der rechten Fahrertür ein gestikulierender Mann erschienen. Max hebt seine Hände, lässt sie wieder fallen. «Es kommt öfters vor, dass Leute unterwegs einsteigen wollen, wir machen die Tür nicht auf.»

Die Ampel schaltete auf Grün. Beim Weiterfahren habe er im rechten Rückspiegel gesehen, wie sich eine Frau auf dem Trottoir mit der Hand an den Kopf greife. «Hoffentlich habe ich die nicht mit dem Spiegel getroffen», sei sein erster Gedanke gewesen. «Ich habe daraufhin mein Fahrzeug am Bahnhof abgestellt, die Gäste aussteigen lassen und bin Richtung Kreuzung gegangen, um nach der Frau Ausschau zu halten.

Aber es war niemand mehr da, der infrage gekommen wäre.» Also habe er seine Arbeit wieder aufgenommen. Am Abend hält der BBA-Chauffeur in einer internen Meldung fest, möglicherweise eine Person mit dem Spiegel gestreift zu haben.

Max hatte Maria nicht mehr sehen können, weil sie die Unterführung in der Feerstrasse genommen und mit dem Zug direkt nach Baden nach Hause gefahren war. Es habe nicht geblutet, aber sehr weh getan, sagt sie vor Gericht. Auf Drängen ihres Freundes sei sie ins Spital gegangen. Eine Prellung wurde festgestellt, man riet ihr zur Polizeimeldung.

Das tat sie, unterschrieb aber später einen Strafantragsverzicht. «Sie habe nur gewollt, dass jemand dem Bus-Chauffeur die Leviten lese», zitierte der Verteidiger die Zeugin aus dem Polizeibericht. Er plädiert auf Freispruch. Allein der Umstand, dass sich jemand am Kopf halte, lasse nicht auf die Verschuldung an einem Unfall mit Verletzten schliessen. Max habe den Unfall nicht bemerkt. Er habe sich darum auch nicht wissentlich und willentlich, also vorsätzlich entfernt.

Letztes Wort nicht gesprochen?

Gerichtspräsident Andreas Schöb (CVP) sieht das anders: Er spricht Max der Führerflucht schuldig und folgt den Anträgen der Staatsanwaltschaft. «Sie sind – das schreiben Sie auch in Ihrer internen Meldung – davon ausgegangen, dass sie jemanden verletzt haben könnten», sagt er in seiner Begründung an Max gewandt. «Es wäre darum Ihre Pflicht gewesen, die Polizei zu benachrichtigen.»

Er verurteilt Max zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 90 Franken, bedingt aufgeschoben bei einer Probezeit von zwei Jahren, sowie zu einer Busse von 1300 Franken – dreimonatiger Führerausweisentzug inklusive. Max ist konsterniert, sein Anwalt kämpferisch. Das letzte Wort ist wohl noch nicht gesprochen.