Essay

Es hätte Platz für 50 000 Einwohner – Aarau ist noch lang nicht gebaut

Auch ausserhalb des mittelalterlichen Stadtkerns könnte Aarau dicht werden.

Auch ausserhalb des mittelalterlichen Stadtkerns könnte Aarau dicht werden.

Aarau sollte auch ausserhalb des Stadtkerns für Fussgänger gebaut sein. Wäre die Stadt in der Region um den Bahnhof dichter, wäre dies nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch für Bewohner und Wirtschaft.

Aarau erhält den Wakker-Preis für qualitätsvoll verdichtetes Bauen am richtigen Ort. Der Preis markiert einen Wendepunkt in Aaraus Siedlungsentwicklung: Nachdem die Fläche pro Kopf im 19. und 20. Jahrhundert stetig wuchs, soll die Stadt nun wieder dichter werden. Dies sind die Fakten: Seit dem Jahr 1800 ist die Bevölkerung der Stadt Aarau von rund 2500 auf 20 000 Einwohner um mehr als das Achtfache gewachsen.

Die bebaute Fläche jedoch weitete sich um das fast Siebzigfache von 0,1 km² auf gegen 7 km² aus. Sogar zwischen 1960 und 2000, wo die Bevölkerung um 1500 Einwohner schrumpfte, wurde die überbaute Fläche grösser. Seit der Jahrtausendwende stieg die Einwohnerdichte nur leicht – trotz Verdichtung der Innen- und Gartenstadt. Seit 1800 sank die Dichte von 24 500 Einwohner pro Quadratkilometer, auf 2600 im Jahr 2000. Aktuell liegt sie bei 2900.

Dichtes Leben in der Altstadt

Wie kam das? Ein Blick zurück: Gegründet wird Aarau um 1248. Reges Treiben herrscht in den schmalen Gassen des mittelalterlichen Stadtkerns. In den oberen Geschossen wird gewohnt. Gewerbebetriebe und Handwerker teilten sich die Erdgeschossflächen der Hauptgassen. In der Stadt sind die Wege kurz, man ist zu Fuss unterwegs.

Ab dem frühen 18. Jh. etabliert sich die Textilindustrie, mit ihr wird der Wandel von der Handwerker- zur Industriegesellschaft eingeleitet. 1858, nach der Eröffnung des Bahnhofs, entwickelt sich die Bahnhofstrasse zur Hauptverkehrsachse. Ab 1920 entsteht die Einfamilienhausstruktur mit kleineren Parkanlagen. Zum Ende der ersten Etappe dieser Gartenstadt im Jahr 1930 liegt der Siedlungsrand vom Zentrum der Altstadt und vom Bahnhof maximal 1,5 Kilometer entfernt.

Zwischen 1880 und 1960 verdreifacht sich nicht nur die Einwohnerzahl, sondern auch die Siedlungsfläche. Der enorme Landkonsum soll 1959 mit der ersten Bau- und Nutzungsordnung mit Zonenplan gebremst werden. Teile der Innenstadt werden verdichtet und am Stadtrand Wohnblöcke und Hochhäuser gebaut.

Das Telli-Quartier ist mit den überdimensionierten Strassen ein Abbild einer auf das Auto ausgelegte Siedlungsentwicklung dieser Zeit. Fussgänger und Läden ziehen sich ins Einkaufszentrum zurück, die Strassen wirken leblos. Die vier hohen Wohnzeilen, das Einkaufszentrum und das höchste Hochhaus im Kanton stehen in einer Parkanlage und tragen dadurch wenig zur Belebung der Strassen bei. Die Überbauung ist nicht dicht: Die Netto-Ausnützungsziffer beträgt laut Stadtbauamt 0,9.

Der Bevölkerungsrückgang zwischen 1960 und 2000 ergibt sich aus der Abwanderung in die Vorortgemeinden. Die Quartierversorgung wird aufgrund fehlender Einwohnerdichte und steigender Mobilität teilweise ebenfalls in die Fachmarkt- und Einkaufszentren der Vororte ausgelagert. Viele pendeln zur Arbeit nach Aarau, zu Spitzenzeiten gibt es Stau.

Nach der Stadt- die Landflucht

Nach gut 50 Jahren Stadtflucht liegen seit der Jahrtausendwende Wohnen und Arbeiten in der Stadt wieder im Trend. Die Altstadt ist fast autofrei und pulsiert wieder, nun meist in den Abendstunden. Die Wissens- und Konsumgesellschaft zieht es dort hin, wo die Auswahl an Unterhaltung und der Austausch am grössten ist: in die Stadt. Dazu gehören vor allem Singles, Doppelverdiener, wie auch Senioren, deren Kinder ausgezogen sind. Die Nachfrage ist gross, der Raum knapp. Dies führt zu steigenden Wohnungspreisen.

Der Wohnungsbau aber wird durch das Gesetz eingeschränkt: Zwar wurde die Bau- und Nutzungsordnung immer wieder angepasst, doch diese war seit ihrer Einführung vor allem dazu da, Nutzungen zu trennen und Ausnützungen zu limitieren. Jetzt wird sie zum einengenden Korsett. Um sie zu umgehen, werden grösseren Arealen Gestaltungspläne überlagert. Diese lassen eine etwas höhere Ausnützung zu. Ein Gestaltungsplan ist jedoch zeit- und kostenintensiv.

Die aktuelle Bau- und Nutzungsordnung der Stadt schreibt in der Wohnzone eine maximale Netto-Ausnützungsziffer (AZ, siehe Box) von 0,6 und in der Wohn- und Gewerbezone 1,2 vor. Das entspricht brutto auf die gesamte Siedlungsfläche bezogen (mit Strassen und Plätzen) etwa 0,3, respektive 0,6. Das ist für Schweizer Kleinstädte zwar üblich, aber fern einer Dichte, die ein Leben zu Fuss und eine Versorgung im Quartier zuliesse.

Ein Stadtgebiet ist ab einer Brutto-Ausnützungsziffer von 1,0 sogenannt begehbar. Und erst ab einer AZ 2,0 wird eine reichhaltige Mischung mit verschiedenen Nutzungen möglich. Die richtige Dichte gibt es nicht, aber sicher ist: Von gut gemachter Dichte profitieren alle. Denn jeder, der zu Fuss oder mit dem Fahrrad unterwegs ist, belebt die Stadt und entlastet Strassen- und Bahnnetze. Wird dicht gebaut, so führt das nicht nur zu mehr Bewohnern und Beschäftigten, sondern auch zu mehr zu Fuss erreichbaren Läden, mehr öV, wertvolleren Gebäuden und mehr Leben auf den Strassen.

Nebst Dichte und Durchmischung braucht es für eine begehbare Stadt auch eine hohe Qualität der Architektur und des städtischen Aussenraums. Wenn die zurückzulegende Strecke attraktiv und sicher ist, wenn Läden und Haltestellen nicht mehr als fünf Gehminuten entfernt liegen, kann auf das Auto problemlos verzichtet werden.

30 000 Personen in Bahnnähe

Würde in Bahnnähe auf einem Stadtgebiet von 0,9 Quadratkilometern eine hohe Dichte zugelassen, wäre auf dieser Fläche genug Platz für mehr als 20 000 Einwohner und 20 000 Beschäftigte. Die Wohnfläche pro Kopf müsste auf 40 Quadratmeter reduziert werden und die Brutto-Ausnützungsziffer bei durchschnittlich 2,0 liegen. Bei einer AZ 3,0 wäre dort sogar Platz genug für mehr als 30 000 Einwohner und 30 000 Beschäftigte.

Aarau würde so ihr auf Fussgänger ausgerichtetes, nachhaltiges Zentrum deutlich vergrössern und in Kombination mit diesem und den massvoll verdichteten Gartenstadtquartieren sowie der Grosssiedlung Telli zu einer noch vielfältigeren Stadt mit noch höherer Lebensqualität. Zusammen mit den heutigen 20 000 Einwohnern und den anderen Entwicklungsgebieten würde Aarau 50 000 Einwohner mit 60 000 Beschäftigten zählen. Die Dichte der Einwohner stiege auf 7300 pro Quadratkilometer.

Diese Massnahmen sind nötig

Wie könnte man ein solch nachhaltiges Stadtgebiet schaffen? Zur Sicherstellung der Nutzungsdichte und -durchmischung am richtigen Ort braucht es Regeln. Die benötigte Dichte sollte nicht über Aufzonungen, sondern über Dichtebonusse erzielt werden. Wer dichter bauen darf, muss eine Mehrwertabgabe leisten, die der Gemeinschaft zugute käme.

Dazu müssten die gesetzlichen Rahmenbedingungen angepasst werden. Der Moment ist günstig: In Aarau befindet sich die Bau- und Nutzungsordnung in Revision.

*Sibylle Wälty ist in Aarau aufgewachsen und wohnt in Baden. Wälty ist Architektin ETH und machte den Master in Real Estate an der Donau Universität in Krems. 2006 gründete sie die Researchier GmbH Forschung für Standortentwicklung. Sie bloggt zur Siedlungsentwicklung: wordpress.researchier.ch/wordpress/.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1