Herr Crivaro, Sie expandieren in der Altstadt zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres. Was machen Sie besser als andere?

Alessandro Crivaro: Ich mache es nicht besser, einfach anders. Weil ich kein Gastronom bin, überlege ich nicht primär, wie sich etwas umsetzen lässt. Ich baue zuerst und beschäftige mich nachher mit den Problemen. Als Beispiel: Auf dem Buffet im Café kochen wir Pasta, bereiten Antipasti zu und organisieren das Catering. Ein Gastronom hätte das nie so gemacht, der hätte gesagt: «Das geht nicht.» Und ein breiteres Buffet gebaut. Aber ob es dann noch ein gemütliches Café wäre?

Sie sind kein Koch, aber kochen Pasta. Wie sind Sie in der Gastronomie gelandet?

Crivaro: Einerseits war ich immer begeistert vom Veranstaltungsmetier. Mit 14 organisierte ich die ersten Partys. Andererseits bin ich auf den Feiern von Kollegen jeweils am Herd gestanden und habe die Gäste bedient. Ich bin ein geborener Gastgeber.

Und warum eröffneten Sie gleich ein Café?

Crivaro: Mein Bruder und ich trinken gerne Kaffee... Jetzt hat es sich zwar verbessert, aber vor fünf Jahren, als wir das Café eröffneten, war es in Aarau schwierig, guten Espresso zu trinken. Irgendwann kam der Moment, wo wir sagten: «Jetzt reichts, wir machen es selbst.» Zwei Monate später verkauften wir den ersten Kaffee.

Sie eröffnen bald das dritte Lokal. Einige Altstadtbewohner wollen nicht mit dem Lärm leben müssen.

Crivaro: Vor einem Jahr sagte der Gastronom, er wolle Leben in der Altstadt, er lasse sich nicht bremsen. Der alte Liegenschaftsbesitzer widersprach und versuchte das lärmende Nachtleben zu verhindern. Heute besteht ein Dialog, um herauszufinden, wo das Problem liegt. Oder was die Anwohner ertragen müssen.

Und wie viel müssen sie ertragen?

Crivaro: Die Anwohner realisieren, dass Leben in die Altstadt einzog. Und das bedeutet Littering, es bedeutet eine Ruhestörung mehr. Das Leben bringt auch Negatives. Wir haben ein gutes Gericht gemacht, aber es gab einen Eimer Abfall dazu.

Lärm als notwendiges Übel ?

Crivaro: Der Grossteil der Anwohner zog wegen des «Lärms» in die Stadt. Ich akzeptiere nicht, dass man sagt, die Anwohner müssen den Lärm ertragen. In den letzten Jahren gab es viele Mieterwechsel, das Durchschnittsalter sank massiv. Es sind junge Leute, die in der Altstadt wohnen, weil die Stadt sich bewegt, weil etwas läuft. Gute 50 Prozent unserer Gäste sind Leute, die in der Altstadt wohnen.

Am Dienstag unterstellte Ihnen Altstadtbewohner Bruno Nüsperli in der az Aargauer Zeitung, dass Sie sich auf «dem Rücken der schlaflosen Bewohner bereichern».

Crivaro: Darauf will ich nicht eingehen. Für mich ist das Wichtigste, dass wir die Stadt für alle öffnen. Die Altstadt gehört nicht ihren Anwohnern, sie gehört aber auch nicht den Betreibern. Ich nehme jeden Bewohner ernst. Doch der historische Wert der Altstadt gehört allen Aarauern, den Aargauern und dem Mittelland. Darum suche ich auch die Diskussion, den Konsens mit allen Parteien. Der Streit, den Herr Nüsperli sucht, wird er bei mir nicht finden.

Eine andere Konsequenz der sich ausbreitenden Gastronomie ist die Verdrängung des Detailhandels.

Crivaro: Eine Altstadt ohne Detailhandel kann und will ich mir nicht vorstellen. Ich sehe das nicht als Konsequenz der Gastronomie. Der Detailhandel ist schweizweit im Wandel. Da müssen wir als Stadt frisch sein und den Detailhandel gewinnen, der ein Zielpublikum anspricht, das kaufkräftig ist. Und das sind die Jungen zwischen 25 und 35 Jahren.

Nehmen wir als Beispiel den Wollladen von Käthy Zubler. Sie will vermeiden, dass aus ihrem Geschäft eine weitere Beiz entsteht.

Crivaro: Den Laden müsste man zum Beispiel mit Kunst verbinden, damit er genügend hip ist, um auch ein junges Publikum anzusprechen. In Zürich gelingt das. In Aarau gäbe es viele junge Leute, die auch bereit wären, für Qualität mehr zu bezahlen. Die traditionelle Form des Wollladens hat aber keine Zukunft.

Die Stadtentwicklung erwägt, Bars und Clubs aus der Altstadt zu verbannen und in die Peripherie umzusiedeln.

Crivaro: Das höre ich zum ersten Mal. Diese Idee finde ich schwierig, zumal wir das Gastrogesetz befolgen. Der Grossteil der Gastro-Szene würde damit ausgelöscht – nicht nur Bars. Denn das Ausgehverhalten der Aarauer kann man nicht ändern. Um acht geht es ins Restaurant, um halb zehn in die Bar.

Die Bars wären ja nicht weg, sondern einfach an einem andern Ort.

Crivaro: Wir sahen das in anderen Städten, die Leute verschieben sich nicht. Heute wollen alle am selben Ort sein. Das KiFF hat Probleme, obwohl es nur fünf Minuten entfernt ist. Die Leute verschieben sich nicht.

Sie waren früher als DJ unterwegs, besitzen ein Café, eine Bar und bald einen Take-away. Wann kommt der eigene Club?

Crivaro: Mit 22 Jahren verfolgten Renato Schmid und ich dieses Projekt, suchten 5, 6 Jahre nach Lokalitäten für einen Club. Das Thema ist für mich heute abgehakt, weil ich Familie habe. Ich würde mich freuen, wenn es eine Gruppe junger Aarauer in Angriff nehmen würde.

Hat es denn noch Platz für einen weiteren Club?

Crivaro: Ja, unbedingt! Ein gutes Ausgehangebot ist wichtig, sonst wandern die Jungen ab. Der «Boiler» ist permanent überfüllt. Die «Kettenbrücke» entspricht nicht jeder Altersgruppe. Darum hätte es sicher noch Platz für einen Club. Von mir aus auch im Torfeld Süd.