Suhr
Es gibt immer weniger Schneesportlager – so können sie überleben

Schulen haben immer mehr Mühe, Schneesportlager zu organisieren. Suhr hat nun einen anderen Weg gewählt.

Katja Schlegel
Merken
Drucken
Teilen
Schneesportlager sind teuer, aber eine wertvolle Erfahrung für Kinder.

Schneesportlager sind teuer, aber eine wertvolle Erfahrung für Kinder.

Zur Verfügung gestellt

Eine Skination ohne Skilager; das geht eigentlich nicht. Eine Schulzeit ohne Lagerleben schon gar nicht. Und doch wird es für Schulen immer schwieriger, Ski- beziehungsweise Schneesportlager zu organisieren. Den einen fehlt es an Kindern, den andern an Lagerleitern, den meisten an Geld.
Schneesportlager werden immer teurer. Reise, Unterkunft, Skibillett; alles schenkt mehr ein.

Den Löwenanteil der Kosten bezahlen die Eltern mit einem freiwilligen Beitrag. Der muss so gehalten sein, dass jedem Kind die Teilnahme möglich ist. Das lässt sich mit den wachsenden Kosten schlecht vereinbaren. War’s das also mit den Tagen auf der Piste, mit Eingeklemmten und überzuckertem Früchtetee, mit verbotenem Geschnatter zur Geisterstunde und dem bunten Abend?

In Suhr beispielsweise stellte man sich die Frage tatsächlich: Lohnt es sich noch, ein Schneesportlager durchzuführen? Wann ist die finanzielle Schmerzgrenze für Eltern erreicht? «Letztes Jahr kostete eine Woche Skilager pro Kind 350 Franken», sagt Gesamtschulleiterin Denise Widmer. Kein Pappenstiel, aber im Rahmen.

«Wir hätten die Elternbeiträge noch weiter erhöhen müssen»

«Ich weiss von Schulen, an denen der Elternbeitrag zwischen 500 und 600 Franken betrug.» Möglich war dieser vergleichsweise moderate Betrag in Suhr aber nur, weil die Schule nebst dem Gemeindebeitrag vom «Madulain-Fonds» (Genossenschaft Ferienhilfe Schule Suhr) profitieren kann. Neu führt Suhr das Lager als freiwilligen Anlass durch, bisher war es eines von diversen Angeboten im Bereich Themenwoche.

Für Schülerinnen und Schüler ist die Teilnahme an einer Themenwoche obligatorisch, die Eltern müssen an obligatorische Schulanlässe 16 Franken pro Tag zahlen. Die Konsequenz für den Wechsel von obligatorisch auf freiwillig: «Wir hätten die Elternbeiträge noch weiter erhöhen müssen», so Widmer.

Doch Suhr hat eine andere Lösung gefunden: Die Schule nutzt erstmals das Angebot «GoSnow» des Vereins Schneesportinitiative Schweiz. Einem Verein aus nationalen Verbänden verschiedener Schneesportbranchen, mehreren Kantonen und dem Bund, der Schneesportlager zu attraktiven Bedingungen organisiert (Präsidentin ist Snowboardcross-Olympiasiegerin Tanja Frieden).

«Wir bekommen ein fertig geschnürtes Päckli»

Mit «GoSnow» sind nun 75 Suhrer Kinder (letztes Jahr waren es 90) für fünf Tage nach Arosa gereist. Hin- und Rückreise, Vollpension, Mietmaterial, Skibillett, Skilehrer, alles inklusive. Die Eltern kostet das 350 Franken, dazu kommen die Gemeindebeiträge und die aus dem «Madulain-Fonds». «Für uns ist das ein super Angebot, das wir niemals hätten bieten können», sagt Denise Widmer.

«Alleine der Skipass für fünf Tage würde für uns 205 Franken pro Kind kosten, die Reise nach Arosa und zurück 65 Franken.» Begleitet wird die Gruppe von sechs Suhrer Lehrpersonen, die dafür entschädigt werden. Und das Beste, so Widmer: «Der Verein übernimmt die gesamte Organisation, bis hin zur Schlussrechnung. Wir bekommen ein fertig geschnürtes Päckchen.»

Ein Skilager mit Vollpension; geht da nicht vieles vom Lagergroove verloren? Kein Tischdecken, kein Abwasch, kein Bettenmachen? Im Gegenteil; ohne diese Ämtchen bleibe viel mehr Zeit fürs Abendprogramm, sagt Denise Widmer und lacht: «Den Kindern wird der Küchendienst bestimmt nicht fehlen.»

15 Schulen reisen mit «GoSnow»

«GoSnow» Etwas Entlastung für die Lager-Budgets brachte Bundesrätin Viola Amherd: Seit Dezember 2019 zahlt der Bund nicht mehr nur 7,60 Franken pro Tag und Kind an Schneesportlager (nach Regeln von Jugend+Sport), sondern 12 Franken. Ein wichtiges Zeichen, findet Christian Koch, Leiter Sektion Sport beim kantonalen Departement Bildung, Kultur und Sport: «Sportlager sind extrem wichtig für Kinder und Jugendliche. Das Lagerleben vereint so viele Komponenten, die heute nicht mehr selbstverständlich sind.» Das Arrangieren mit der Gruppe beispielsweise, die Trennung von daheim.

Wichtig am Ermöglichen des Schneesportlagers sei aber noch etwas anderes, so Koch: «Das Leitmotiv von ‹GoSnow› ist es, die Kinder in den Schnee, in die Berge zu bringen. Insbesondere auch solche Kinder, die keinen Bezug zur Bergwelt haben. Diesen zu schaffen, ist uns extrem wichtig.» Entsprechend zufrieden ist Koch, dass dieses Jahr 15 Aargauer Schulen mit insgesamt 800 Teilnehmenden dank «GoSnow» in die Berge fahren. Nebst Suhr sind dies unter anderem die Kreisschule Lotten (Hunzenschwil, Rupperswil und Schafisheim), die Bez Aarau, die Regionalschule Lenzburg oder die Primarschule Schafisheim.

Die Nachfrage nach Lagern mit «GoSnow» zieht schweizweit an, wie Geschäftsführer Ole Rauch sagt. Alleine von letzter auf diese Saison um über 30 Prozent, von 167 Lagern mit 7500 Teilnehmern auf 213 Lager mit 11000 Teilnehmern. Und es sollen noch mehr werden: «Wir kommunizieren sehr aktiv; unter anderem in Lehrermagazinen, über die kantonalen Sportämter und Erziehungsdepartemente», so Rauch. Das Ziel von «GoSnow» sei aber nicht primär Wachstum: «Wir wollen nicht in erster Linie bestehende Lager übernehmen. Wir wollen die Schwelle vielmehr so niedrig halten, dass Schulen die Schneesportlager-Kultur wieder neu aufleben lassen und so möglichst viele Kinder mit dem Schneesportvirus infiziert werden.» (ksc)