Oberentfelden

«Es fehlt hier an Schuhmachern»

Marc Ammann, CEO und sein Vater Rolf Ammann, Geschäftsführer von Ammann & Co, am 14. August 2017 in Oberentfelden. Der Familienbetrieb Ammann produziert seit 100 Jahren Schuhe.

Marc und Rolf Ammann, Amman Shoes 1917

Marc Ammann, CEO und sein Vater Rolf Ammann, Geschäftsführer von Ammann & Co, am 14. August 2017 in Oberentfelden. Der Familienbetrieb Ammann produziert seit 100 Jahren Schuhe.

Warum die Familie ihre Schuhfirma Ammann & Co. auch nach 100 Jahren nicht verkauft.

Im Oktober 1917 hat der Oberentfelder Alfred Ammann-Bodmer seine Schuhfabrik gegründet. Mitten im Ersten Weltkrieg, mit einer «grossen Dosis Optimismus» und «unternehmerischem Wagemut», wie es in der frisch gedruckten Jubiläumsbroschüre steht. 100 Jahre danach wird Ammann & Co. von Marc Ammann (45) in vierter Generation geführt, während Vater Rolf Ammann (71) sich um das Immobiliengeschäft kümmert. Ein Gespräch mit Vater und Sohn über Vergangenes und über die Zukunft.

Marc Amman, wie viel «unternehmerischen Wagemut» braucht es heute, das Geschäft fortzuführen?

Marc Ammann: Heute beliefere ich pro Jahr rund 200 Kunden in zwölf Ländern mit 14 000 bis 15 000 Paar Schuhen. Mein Vater hat in den goldenen Neunzigerjahren allein mit den drei, vier grössten von über 80 Kunden fast die gleiche Menge gemacht. Im Vergleich zu den Neunzigerjahren ist es nicht schwieriger, sondern vor allem anders geworden. Ein Vergleich mit 1917 ist nicht mehr möglich, zu viel hat sich verändert.

Sie sind 2006 als vierte Generation eingestiegen. Wie war das?

Marc Ammann: Ich habe zu Beginn harte Zeiten erlebt, in denen ich an Messen stand und hundert Gespräche führte, aber keinen Auftrag schreiben konnte. Erst nach drei, vier Jahren ist Schwung ins Geschäft gekommen.

Sind Sie mit dem Geschäftsgang zufrieden?

Marc Ammann: Noch nicht.

Sie könnten es sich einfach machen und das Unternehmen teuer nach China verkaufen.

Marc Ammann: Das könnten wir. Tun wir aber nicht.

Warum?

Marc Ammann: Ich war einige Jahre lang in China für eine grosse Schuhfirma tätig. In China muss man nicht 15 000, sondern 1,5 Millionen Paar Schuhe verkaufen. Als ich damals ins Geschäft eingestiegen bin, haben mein Vater und ich klar definiert, dass wir da produzieren, wo wir daheim sind, in der Schweiz und in Italien. Und dass wir hochwertige, teure Schuhe machen, die etwas Spezielles sein sollen und im Laden 250 bis 300 Franken kosten. Mit einer Produktion in China würden unser Name und unser Qualitätsanspruch nicht passen.

Wie viel Schweiz steckt heute noch in einem Ammann-Schuh?

Marc Ammann: Unser Team in Oberentfelden besteht aus vier Damen und uns beiden. Hier ist das Herz der Firma. Daneben arbeiten wir in Italien mit einem Designer und seit 25 Jahren mit einem Familienunternehmen, das seit Generationen Schuhe näht. Wir bieten ein Schweizer Produkt mit Schweizer Qualität an, Made in Italy. So deklarieren wir das auf der Website und auf dem Schuh selber.

Sie haben sich auch schon überlegt, einen Teil der Produktion in die Schweiz zurückzuholen. Woran ist es gescheitert?

Rolf Ammann: Die Produktion zurückzuholen ist nicht einfach. Es fehlt hier an ausgebildeten Schuhmachern.

Und das in der einstigen Schuhmacher-Hochburg? Wo sind sie hin?

Marc Ammann: Viele ehemalige Bally-Leute trifft man in Asien. In den Achtzigerjahren in der Schweiz ausgebildet, sind sie dahin ausgewandert, wo die Schuhe produziert werden. Heute gibt es weltweit vier grosse Schuhzentren: zwei in China, eines in Vietnam und eines im südindischen Madras.

Rolf Ammann: Die Schuhindustrie ist eine Karawane, die weiterzieht, sobald die Produktion an einem anderen Ort günstiger ist. Und der Preiskampf ist enorm. Früher war Vietnam mit einem Monatslohn für einen Schuhfabrikarbeiter mit 30 bis 35 Dollar das günstigste Land. Heute liegt der Lohn bei rund 100 Dollar.

Was hat das für Auswirkungen auf die Schweizer Schuhfabriken?

Marc Ammann: 1985 noch gab es in der Schweiz 120 Schuhfabriken. Heute sind es noch vier; Künzli, Kandahar, Fretz Men und Bally.

Das sind doch aber düstere Aussichten. Was lässt Sie an die Zukunft glauben?

Marc Ammann: Unsere Nische. Wir werden nie in Masse produzieren. Wir sind vor allem für unser Lammfellfutter berühmt, für Winterschuhe. Und auch wenn die letzten Winter nicht so kalt waren, haben wir doch gut verkauft. Ich bin zuversichtlich, dass ein Produkt mit dem gewissen Etwas weiter seine Berechtigung hat.

Rolf Ammann: Eine Schuhfabrik allein kann heute fast nicht mehr existieren. Es bedarf eines zweiten Standbeines, wie bei uns das Ammann-Center.

War das Ihre Kunst, zu überleben?

Rolf Ammann: Genau. Wir haben rechtzeitig gesehen, dass wir in der Schweiz nicht mehr alleine Schuhe machen können. Also haben wir einen Partner gesucht und schliesslich mit Bally eine gute Lösung gefunden. Ab 1991 haben wir zusammen Schuhe gemacht. Und Bally hat entschieden, auf den Standort Schönenwerd zu setzen und nicht auf Oberentfelden.

War das gut oder schlecht für Sie?

Rolf Ammann: Gut, denn der Standort Oberentfelden ist viel besser. Wir konnten unsere Liegenschaften optimal vermieten, aus der alten Fabrik wurde ein Shoppingcenter. Und 2004 schliesslich haben wir dann das Projekt für die Alterswohnungen ausgearbeitet. Damals war es noch neu, sich um Alterswohnungen mitten im Zentrum zu kümmern. In direkter Nähe zur Infrastruktur, zu Ärzten, Apotheke, Café und Einkaufsmöglichkeiten, statt oben am Waldrand.

War das einer der Meilensteine?

Marc Ammann: Unbedingt. Mitsamt der Zusammenarbeit mit Bally und dem Entscheid, gemeinsam mit Michel Jordi einen Schuh zu kreieren und das Ethno-Retro-Heimatgefühl auszuleben. In den Schuhgeschäften gab es damals Wartelisten, eine einmalige Geschichte.

Apropos Jordi: Wie wichtig sind Promis für Sie als kleine Marke?

Rolf Ammann: Zu meiner Zeit war das sehr wichtig, so etwas hat den Verkauf richtig angekurbelt. Heute mit Social Media ist das anders.

Marc Ammann: Wenn Mikaela Shiffrin unsere Schuhe trägt und sie ein Foto davon auf Social Media verbreitet, verkaufen wir vielleicht einige Paare mehr. Das freut uns natürlich. Aber wir sponsoren keine Promis, wir könnten uns das gar nicht leisten. Damit ein Promi unsere Schuhe trägt, müssten wir mindestens zehn Paar Schuhe liefern und dann noch ordentlich zahlen.

Leiden Sie mit Ihrem Premium-Schuh unter dem Online-Handel?

Marc Ammann: Unsere Kunden sind bereit, 250 bis 300 Franken für einen Schuh zu bezahlen. Direkt trifft uns der Online-Handel nicht. Aber indirekt: Die Leute bummeln nicht mehr durch die Städte, entdecken die Schuhe nicht mehr im Geschäft und bekommen so auch keine optimale Beratung.

Was bringt Ihnen die Zukunft?

Marc Ammann: Wir nehmen pro Jahr ein bis zwei neue Märkte in Angriff. 2017 haben wir unseren Wunschpartner für Holland gefunden. Jetzt stehen England und Skandinavien auf der Liste.

Das tönt nach viel Arbeit.

Marc Ammann: Es gibt glückliche Menschen, die ihren Beruf mit Freude ausleben und die ein schönes Produkt herstellen, hinter dem sie stehen können. Und es gibt Branchen, die ein Produkt verkaufen müssen, das weniger Freude macht als ein Schuh, der in 150 Arbeitsschritten hergestellt wird, der fünf bis acht Jahre getragen werden kann. Solange und das eine so grosse Freude macht, machen wir weiter.

Jubiläumsfest 25. und 26. August (Freitag 9 bis 18.30 Uhr, Samstag 9 bis 17 Uhr) auf dem Gelände des Ammann-Centers in Oberentfelden mit diversen Aktionen. Konzert ChueLee am Samstag, 16.30 Uhr.

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