Gleichberechtigung

«Es brauchte Mut»: Diese Aarauerin hat 1991 am Kantonsspital für den Frauenstreik mobilisiert

«Lieber gleich berechtigt als später», ist ein Slogan, an den sich Ruth Rüdlinger erinnert.

«Lieber gleich berechtigt als später», ist ein Slogan, an den sich Ruth Rüdlinger erinnert.

Ruth Rüdlinger aus Aarau war in den 80er-Jahren Pflegefachfrau im KSA. Sie erinnert sich noch gut daran, wie der Streik vom 14. Juni 1991 zustande kam, an dem eine halbe Million Frauen die Arbeit niederlegte.

Es ist die Ungerechtigkeit, die Ruth Rüdlinger «sternsverruckt» macht. Damals wie heute. Damals war in den 80er-Jahren, als sie in Bern Frauen bei Schwangerschaftsabbrüchen beriet. «Wer Geld hatte, kam an die nötigen Informationen und konnte für eine Abtreibung ins Ausland fahren.» Aber das waren längst nicht alle Frauen.

Einiges hat sich seither verbessert, was die Stellung der Frau angeht. «Aber vieles ist noch gleich», sagt sie. Und deshalb ist auch die Wut noch da, die Ruth Rüdlinger (69) in ihrer politischen Haltung bestärkt. 1991 war sie aktiv beim Frauenstreik mit dabei, hat mobilisiert, motiviert und viel Kritik einstecken müssen.

«Ich war damals Pflegefachfrau im KSA», sagt die Aarauerin. Sie erinnert sich noch gut daran, wie der Streik vom 14. Juni 1991 zustande kam, an dem eine halbe Million Frauen die Arbeit niederlegte. «Der Gleichstellungsartikel war überhaupt nicht verwirklicht.»

Nationalrätin Christiane Brunner hat sich für die Arbeiterinnen in der Uhrenindustrie eingesetzt, die weniger verdienten als ihre Kollegen. Die Gewerkschaften riefen zum Streik auf und je mehr Aufmerksamkeit der bevorstehende Streik erhielt, desto stärker blies der Gegenwind.

«Zum Glück war schönes Wetter»

«Spinnt ihr eigentlich», hörte Ruth Rüdlinger damals von vielen. Männern und Frauen. Streiken gehöre sich nicht und die Frauen hätten es ja schon so gut. Argumente, die Ruth Rüdlinger auch heute immer wieder hört. Aufgegeben hat sie deswegen nie. Am Frauenstreik 1991 war das Wetter schön. «Zum Glück», sagt sie. Sonst wären vielleicht noch weniger gekommen.

Ein Grüppchen von 30 bis 40 Personen hatte sich vor dem Haus 7 des Kantonsspitals versammelt. Den ganzen Tag auf der Station zu fehlen, wäre mit dem Berufsethos der Pflegeleute nicht vereinbar gewesen. Aber sie organisierten sich untereinander, dass diejenigen rausgehen konnten, die das wollten. Eine kleine Gruppe bei damals ungefähr 1200 Angestellten am KSA.

Aber: «Es brauchte Mut», sagt Ruth Rüdlinger. «Gerade auch vom fremdländischen Pflegepersonal.» Neben den Pflegerinnen waren auch Physiotherapeutinnen und Frauen aus der Hauswirtschaft dabei. Die Streikenden hielten ein Transparent hoch, auf dem stand: «Lieber gleich berechtigt als später.» In ganz Aarau habe am Frauenstreiktag eine fröhliche Stimmung geherrscht.

Ruth Rüdlinger freut sich noch heute über die Solidarität, die entsteht, wenn Frauen sich vernetzen. Mit Schildern wie «Nehmen Sie Platz, Madame – Machen Sie Platz, Monsieur» luden sich die Damen gegenseitig zum Kaffee ein und sprachen über Gleichstellung.

Der Gleichstellungsartikel steht seit 1981 in der Verfassung. «Aber noch heute ziehen sich die Geschlechterunterschiede durch das ganze Leben», sagt Ruth Rüdlinger. Spätestens wenn ein Paar Kinder hat, muss es sich entscheiden: «Wer organisiert den Haushalt, wer erzieht die Kinder, wer organisiert den Kindergeburtstag?»

Heute seien viele Frauen zwar bestens ausgebildet, würden aber für Kinder den Beruf ganz oder teilweise aufgeben. Gleichstellung ist für Ruth Rüdlinger, wenn alle Menschen die gleichen Voraussetzungen haben, ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer Herkunft oder ihrer Bildung. Deshalb brauchten die ausländischen Angestellten am KSA damals auch so viel Mut.

Im Gegensatz zu anderen Frauen, die finanziell gut versorgt waren, hatten sie am meisten zu befürchten. Und diese Ungerechtigkeit macht Ruth Rüdlinger bis heute wütend. Dass dieses Jahr auch die kirchlichen Frauen und die Bäuerinnen mitstreiken, freue sie besonders. Es zeuge von einem Umbruch. Und davon, wie Frauen anderen Frauen Mut machen können.

«Viel Solidarität zu spüren»

Nach dem Frauenstreik 1991 blieb eine Leere. «Wir waren so enthusiastisch, es war so viel Solidarität zu spüren.» Danach sei die Euphorie ein wenig abgeflacht. Aber es gab auch langfristige Auswirkungen. «Ich bin überzeugt, dass es nur wegen des Streiks möglich war, die Fristenlösung durchzusetzen», sagt Rüdlinger.

Gleich wie die Mutterschaftsversicherung. Zudem habe es danach auch vermehrt Frauen in politischen Ämtern gegeben. Heuer wird sie am Frauenstreik wieder auf die Strasse gehen. Im Streikkomitee ist sie nicht mehr, aber sie hilft mit und lebt die Frauensolidarität wie damals.

Meistgesehen

Artboard 1