Analyse

Erleidet das geplante Kantonsspital Aarau das gleiche Schicksal wie das geplante Stadion?

Das Aarauer Spitalprojekt «Dreiklang» darf nicht zum Spielball der Politik werden.

Mit dem geplanten Neubau ist das Kantonsspital Aarau in eine Negativspirale geraten. Je nachdem wer die kantonale Gesundheitsdirektion übernimmt, könnte sich diese Krise verschärfen. So weit darf es nicht kommen.

Über eine halbe Milliarde Franken. Noch nie stand in Aarau ein derart teures Gebäude vor der Realisierung wie der Neubau des Kantonsspitals.

Nicht nur die Investitionssumme ist gigantisch, sondern auch die Bedeutung des Baus für die Bevölkerung: Jeder kommt irgendeinmal im Leben in Kontakt mit dem Spital. Jeder ist irgendwann froh um die Hilfe – ganz besonders, wenn sie notfallmässig, so etwa nach einem Unfall, geleistet werden muss.

Das Kantonsspital Aarau (KSA) ist ein sogenanntes Endversorger-Spital. Es ist wichtig nicht nur für die Region, sondern für den ganzen Kanton. Also theoretisch für fast 700 000 Einwohner.

Das KSA ist ein betrieblicher Optimierungs- und ein baulicher Sanierungsfall. Beides hängt zusammen. Die historisch gewachsenen Strukturen, die vielen Gebäude, entsprechen nicht mehr den heutigen Anforderungen.

Ein Befreiungsschlag in Form eines zentralen Neubaus ist nötig. Es ist wie beim Brügglifeld: Ohne neues Stadion gibt es in Aarau zukünftig keinen Spitzenfussball. Ohne neues Kantonsspital längerfristig keine Spitzenmedizin – und die möchte schliesslich jeder.

Seit April verfügt das Kantonsspital über ein fast baureifes Projekt («Dreiklang»). Es hat auf seinem Areal derart viele Anpassungen vorgenommen, das Baufeld ist geräumt, dass mit der Realisierung zeitnah begonnen werden könnte – natürlich immer vorausgesetzt, die Finanzierung kann gesichert werden (scheint lösbar) und das Baugesuchsverfahren wird nicht durch Einsprachen verzögert (scheint wahrscheinlich).

Doch der Neubau, ja sogar das KSA als Ganzes, ist in den letzten Monaten in eine Negativspirale geraten. Und diese droht sich noch zu akzentuieren, je nachdem, wer zum neuen Gesundheitsdirektor gewählt wird.

Der laut AZ-Umfrage aussichtsreichste Regierungsratskandidat, SVP-Vertreter Jean-Pierre Gallati (Wohlen), hat sich in der Vergangenheit als hartnäckiger KSA-Kritiker profiliert – politisch gesehen durchaus erfolgreich.

Wird sich Gallati, sollte er gewählt werden, derart zum Staatsmann entwickeln, dass er dem KSA gegenüber zumindest neutral, wohlwollend auftreten kann? Wird er sich von seiner Partei so stark emanzipieren können, dass er nicht stur deren Linie verfolgen wird, die letztlich eine massive Verzögerung des Spitalneubaus bewirken würde?

Um die Aargauer Spitallandschaft besser verstehen zu können, ist ein kleiner Blick zurück notwendig. Es hat immer schon eine grosse Rivalität zwischen Aarau und Baden gegeben. Dank des ersten Neubaus in den Siebzigerjahren, dem Umzug auf die grüne Wiese, konnte sich das Kantonsspital Baden (KSB) in eine vergleichsweise gute Ausgangslage manövrieren.

Es hat zwar weniger Leistungsaufträge (ein kleineres Angebot), aber ist finanziell klar erfolgreicher als das KSA. Und es ist ambitioniert – was sich zum Beispiel in der Anstellung von Aarauer Herzspezialisten oder der Kooperation mit Hirslanden bei der Bauchchirurgie zeigt.

Die Badener sind auch sehr aktiv im Anwerben von Patienten – etwa, wenn sie ihr aufwendig gemachtes «Gesundheitsmagazin für den Kanton Aargau» selbst in Aarau verteilen lassen.

Und das KSB investiert: Nachdem die Politik eine Zusammenlegung der beiden Kantonsspitäler auf der grünen Wiese abgelehnt hat, lösten die Badener den Bau ihres
450 Millionen Franken teuren Neubaus («Agnes») aus, der Ende 2022 fertiggestellt sein soll.

Auch die personelle Konstellation in der Führung der Spitäler ist bemerkenswert. Erster Verwaltungsratspräsident in Aarau war der Ur-Badener FDP-Mann Philip Funk (bis Frühling 2016).

Heutiger Verwaltungsratspräsident in Baden ist der gefühlte Aarauer (er wohnt in Erlinsbach) und FDP-Mann Daniel Heller (seit 2014). Er hat sich zu einem der wichtigsten Player der Aargauer Spitallandschaft entwickelt: Heller ist auch Präsident der Barmelweid (seit 2001).

Er kennt Jean-Pierre Gallati nicht nur aus Grossratszeiten, sondern auch in seiner Funktion als Geschäftsführer des bürgerlichen Vereins «Freiheit + Verantwortung» – Gallati ist dort Präsident (dabei sind die Nationalräte Thomas Aeschi und Doris Fiala). Und der CEO des Kantonsspitals Baden, Adrian Schmitter, ist ein Parteikollege von SVP-Fraktionschef Gallati.

Spitalbauten können realisiert werden, ohne dass das Volk konsultiert werden muss. Es hat sich 2003 faktisch selber aus dem Spiel genommen, indem es der Umwandlung der Spitäler in gemeinnützige Aktiengesellschaften zustimmte.

Der KSA-Neubau («Dreiklang») muss finanziell und baulich noch optimiert werden. Das hat eine Verzögerung von einigen wenigen Monaten zur Folge, wie die AZ am Freitag berichtete. Aber das Spitalprojekt darf nicht zum Spielball der Politik werden.

Man kann auch in Schönheit sterben. Ein grundsätzlicher Neustart hätte eine jahrelange Verzögerung zur Folge. Ein Trauerspiel wie die Stadionfrage ist schon eines zu viel.

Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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