Im September 2017 schnappte die Aarauer Stadtpolizei in flagranti vier sturzbetrunkene Eritreer, die auf der Suche nach alkoholischem Nachschub gegen 3 Uhr früh im Restaurant Mürset «fündig» geworden waren.

Die vier Männer im Alter von 17 bis 35 Jahren stiegen die Aussentreppe hoch, öffneten ein Fenster und gelangten so aufs Flachdach. Dort schlugen sie eine Scheibe ein und entwendeten Alkoholika im Wert von 260 Franken.

Der Sachschaden belief sich auf rund 3000 Franken. In der Gartenwirtschaft wollten sie die Beute konsumieren. Freilich kamen sie dort zum Schluss, dass das Diebesgut ihrem Durst nicht genügen dürfte. So wiederholten sie die Tour. Doch bevor sie eine Flasche öffnen konnten, schnappten die Handschellen zu.

Einer der vier, der inzwischen 20-jährige Isidor (Name geändert), hatte sich gestern vor dem Bezirksgericht zu verantworten. Der junge Mann, der seit April 2015 in der Schweiz lebt und seit Ende November 2015 als Flüchtling anerkannt ist, bringt es bereits auf ein beeindruckendes Vorstrafenregister: 2016 und 2017 wurde er unter anderem wegen Diebstahls und Raufhandels verurteilt.

Als ihn Gerichtspräsidentin Patricia Berger auf einen dieser Fälle konkret ansprach, konnte er sich an nichts mehr erinnern. Die Richterin staunte: Nach bloss zwei Jahren erinnere er sich nicht mehr an ein solches Ereignis – als ob es sich bloss darum handelte, einen Kaffee getrunken zu haben? «Ich trinke keinen Kaffee», meinte der Beschuldigte dazu.

«Eine gewisse Uneinsichtigkeit»

Auf Patricia Bergers Frage, ob er sich seit dem Vorfall im «Mürset» wohl verhalten habe, antwortete Isidor mit einem uneingeschränkten «Ja». Allerdings läuft im Kanton Solothurn eine Untersuchung gegen ihn – wegen Sachbeschädigung.

Passiert ist das Ganze eben erst, am 18. Januar. Was Isidor dazu gestern zu Protokoll gab, lässt auf eine weitere Keilerei schliessen. Die Gerichtspräsidentin stellte bei ihm «eine gewisse Uneinsichtigkeit» fest. Als Flüchtling ist Isidor nach wie vor anerkannt. Den Asylanspruch hat er dagegen verloren. Er lebt nach eigenen Angaben von der Sozialhilfe.

Wegen der «Mürset»-Geschichte forderte die Staatsanwaltschaft für Isidor eine Freiheitsstrafe von neun Monaten und den Widerruf des bedingten Teils einer zwölfmonatigen Freiheitsstrafe, die ihm das Regionalgericht Bern-Mittelland im letzten Sommer aufgebrummt hat. Zudem sei Isidor für zehn Jahre des Landes zu verweisen.

Zur Last legte ihm die Staatsanwaltschaft drei strafbare Handlungen: Diebstahl, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch. Bei Ausländern führt Diebstahl in Zusammenhang mit Hausfriedensbruch zwingend zu einer Landesverweisung von fünf bis fünfzehn Jahren.

So etwas wie im «Mürset», beteuerte Isidor, werde nicht mehr vorkommen. Was in jener Nacht passiert sei, habe auch damit zu tun gehabt, dass er stark betrunken und bekifft gewesen sei. Und Kokain habe er auch noch durch die Nase gezogen. – Ganz zufällig hat Isidor gestern Montag einen zweijährigen Deutschkurs begonnen, der ihn an fünf Tagen in der Woche von 8 bis 17 Uhr absorbiert. Er werde sich anpassen, versprach Isidor. Auch das schweizerische Gesetz habe er «langsam besser kennen gelernt».

«Anklageprinzip verletzt»

Pflichtverteidiger Franz Hollinger warf der Staatsanwaltschaft vor, das Anklageprinzip verletzt zu haben. Aus der Anklageschrift gehe punkto Sachbeschädigung nicht klar hervor, wem was zur Last gelegt werde. Isidor sei von diesem Anklagepunkt freizusprechen. Der Tatbestand des Hausfriedensbruchs, räumte Hollinger ein, sei erfüllt.

Da der Wert des Diebesguts aber nur 260 Franken betrage, liege bloss ein geringer Diebstahl vor, der mit einer Busse und nicht mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe zu ahnden sei. Der Verteidiger beantragte für den Hausfriedensbruch eine Freiheitsstrafe von 30 Tagen, für den Diebstahl eine Busse von 100 Franken.

Mit dem Antrag auf zehn Jahre Landesverweisung, so Hollinger, habe die Staatsanwaltschaft vollend übers Ziel hinausgeschossen.

Für Gerichtspräsidentin Patricia Berger war dagegen klar, dass die Staatsanwaltschaft den Anklagegrundsatz nicht verletzt hat. Aus der Anklageschrift gehe klar hervor, dass alle vier die Absicht hatten, sich Alkohol zu beschaffen. Dass nur einer von ihnen die Scheibe eingeschlagen habe, spiele keine Rolle.

Auch dass es sich um einen geringfügigen Diebstahl gehandelt habe, verneinte die Richterin: Wenn man den Sachschaden dazurechne, sei die Schwelle der Geringfügigkeit von 300 Franken um ein Mehrfaches überschritten. Patricia Bergers Urteil: Isidor fasst eine Gesamtstrafe (einschliesslich des Widerrufs des bedingten Vollzugs aus dem letzten Jahr) von 12 Monaten. Abzüglich der Untersuchungshaft muss Isidor rund sieben Monate sitzen.

Auch um eine sechsjährige Landesverweisung konnt er nicht herum. Es liege kein Härtefall vor. Das Gericht müsse so urteilen. Darüber, ob die Landesverweisung vollzogen werden kann, muss dann das Migrationsamt befinden. Dem Vernehmen nach will der Verteidiger das Urteil anfechten.