Aarau
Erinnern Sie sich noch? Die Leidensgeschichte des Projektes im Torfeld Süd

Die Leidensgeschichte des Aarauer Stadions im Torfeld Süd begann bereits 2005. Eine Chronologie der Ereignisse.

Urs Helbling
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Christian Stebler, damals Präsident der MittellandPark AG, Stadtpräsident Marcel Guignard und Vizepräsident Beat Blattner (v. l.) 2005 hinter dem Modell mit dem MittellandPark.

Christian Stebler, damals Präsident der MittellandPark AG, Stadtpräsident Marcel Guignard und Vizepräsident Beat Blattner (v. l.) 2005 hinter dem Modell mit dem MittellandPark.

André Albrecht

Alles begann mit einem Nein. Im September 2005 lehnten die Aarauer ein Darlehen in der Höhe von 25 Millionen Franken an die MittellandArena ab (siehe Box ganz unten). Und zwar deutlich: mit 3831 Nein zu 2824 Ja – bei einer hohen Stimmbeteiligung von 63 Prozent.

«Das ist die bitterste Niederlage des FCA», erklärte der damalige Vereinspräsident Michael Hunziker. Im Abstimmungskampf hatte er erklärt: «Ja oder Nein zur MittellandArena heisst ja auch Ja oder Nein zum FC Aarau. Ohne neues Stadion wird es den Verein in dieser Form nicht mehr geben. Nach der Saison 2006/07 ist Schluss.»

Drei Tage später berichtete die AZ: «Soll die Stadt Aarau die gesamten Kosten für ein neues Stadion im Torfeld Süd übernehmen? SVP-Einwohnerrat Philipp M. Bonorand ist dieser Ansicht und lanciert eine Motion ‹MittellandArena ohne Einkaufszentrum›.» Philipp Bonorand ist heute designierter Präsident des FCA.

Das erste Ja gabs im Oktober 2007

Anderthalb Jahre lang evaluierte der Stadtrat, wie es weitergehen könnte. Unter anderem mit einer Bevölkerungsbefragung. Im Frühling 2007 beantragte er dem Einwohnerrat einen Planungskredit (Raumplanung) von 1,7 Millionen Franken für ein Stadion im Torfeld Süd. Das Einkaufszentrum sollte deutlich kleiner werden. Der «Plan A» war geboren.

Der Einwohnerrat stimmte dem Kredit mit 36 gegen 10 Stimmen zu. Dagegen kam mit 1350 Unterschriften das Referendum zustande. Noch vor dem Urnengang versuchte Stephan Müller die «Obermatte» mittels einer Volksmotion wieder ins Spiel zu bringen.

Der Urnengang im Oktober 2007 war eine klare Sache: Mit 4363 Ja zu 2185 Nein (Stimmbeteiligung 63 %) genehmigte der Souverän die 1,6 Millionen Franken.

Das zweite Ja gabs im Februar 2008

Nicht einmal ein halbes Jahr später wurden die Aarauer schon wieder wegen des Fussballstadions an die Urne gerufen: Im Februar 2008 ging es um einen Kredit von 17 Millionen Franken, mit dem sich die Einwohnergemeinde am Bau des Fussballstadions beteiligen wollte. Über diesen Kredit werden die Stimmbürger am 24. November wieder zu befinden haben. Das Bundesgericht hatte – nach einer Stimmrechtsbeschwerde – die Wiederholung verlangt, weil das Stadion mit Hochhäusern («Plan B») nicht mehr das Stadion mit Einkaufszentrum ist.

Im Februar 2008 haben die Aarauer den 17 Millionen Franken mit 3747 zu 1928 Stimmen (Beteiligung nur noch 53,7 %) zugestimmt.

Es war ein XXL-Projekt

MittellandPark

Aarau sollte im Süden des Bahnhofs nicht nur ein neues Stadion, sondern einen neuen Stadtteil bekommen. Der MittellandPark hätte 520 Millionen Franken gekostet und weit mehr als ein Stadion (MittellandArena) umfasst. Der Stadtrat wollte 25 Millionen Franken an die Stadion-Kosten von 127 Millionen Franken (inklusive Mantelnutzungen) beitragen. In Form eines A-fonds-perdu-Darlehens.

Neben dem Stadion mit 12'500 Plätzen und dem Einkaufszentrum mit 16'000 Quadratmetern sollten 350 bis 400 Wohnungen und rund 1300 Arbeitsplätze entstehen. Das waren 500 Jobs mehr, als sich damals im Quartier befanden. Zur Diskussion stand auch eine multifunktionale Grosshalle.

Damals schon mit dabei: Martin Kull, CEO der Investorin HRS. (uhg)

Das dritte Ja gabs im Juni 2010

Ende 2009 waren die Planungsarbeiten für die Spezialzone Torfeld Süd derart weit vorangekommen, dass der Einwohnerrat darüber befinden konnte: Er stimmt 35 Ja zu 2 Nein zu (bei 9 Enthaltungen). Doch wieder wurde das Referendum ergriffen, das problemlos zustande kam.

Es gab eine Schlappe für die Stadion-Gegner: Die Aarauer genehmigten die Spezialzone im Juni 2010 mit 4029 zu 1771 Stimmen (Beteiligung 43,9 %). Damit war auch der Weg frei für die Überbauung des Aeschbachareals.

Und jetzt? Am 24. November wird es neben dem 17-Mio-Kredit um die «Teiländerung Nutzungsplanung Torfeld Süd» gehen.

Die unendliche Geschichte des Aarauer Stadions in Bildern:

Seit über 30 Jahren ist klar, dass der FC Aarau ein neues Stadion braucht. Was bisher geschah, erfahren Sie in der Bildergalerie.
35 Bilder
1985: Cupsieg und Erkenntnis Der FC Aarau feiert 1985 seinen bisher einzigen Cupsieg. Vier Jahre spielt der FCA schon in der Nationalliga A. Es wird klar: Für die höchste Spielklasse ist das Brügglifeld zu klein.
1994: Erstes Projekt Sie nennen es "Vision 2002": Architekt und Ex-Fc-Aarau-Präsident Ernst Lämmli sowie Bauingenieur und Landbesitzer Peter Zubler wollen in Schafisheim ein Stadion in der Kiesgrube bauen. Für 30 Millionen Franken und 20'000 Zuschauer, inklusive Casino.
2000: Mittellandarena Der Gestaltungsplan Mittellandpark wird erarbeitet. Er umfasst das Stadion «Mittellandarena», ein grosses Shopping-Center und Büros. 2006 soll im 70-Millionen-Franken-Stadion im Torfeld Süd gekickt werden.
2001: "Vision 2002" am Ende Das weit fortgeschrittene Projekt scheitert an der Finanzierung, Zonenvorschriften und dem Widerstand "von ein paar wenigen im Verein", wie Lämmli (rechts) in einem Interview sagt.
2003: Mittellandpark nimmt erste Hürde Der Aarauer Einwohnerrat heisst einen Kredit von 900'000 Franken für die Planung des Mittellandparkes deutlich gut.
2005: Niederlage an der Urne Das Aarauer Stimmvolk lehnt das 25-Millionen-Darlehen der Stadt für den Mittellandpark ab. Eine Umfrage ergibt, dass sich die Ablehnung primär gegen das Einkaufszentrum richtet. Wenig später geben die Initianten auf.
2006: Standort Buchs Neben der Sanierung des Brügglifelds und dem Torfeld Süd (Mittellandpark) kommen zwei neue Varianten aufs Tapet. Beide sehen Standorte in Buchs vor: Lostorf und die Obermatte.
2007: Torfeld Süd setzt sich durch Der Aarauer Einwohnerrat genehmigt im Juni einen Kredit von 1,6 Millionen Franken für ein Stadion mit Mantelnutzung im Torfeld Süd. Die Einkaufsfläche ist gegenüber dem Mittellandpark halbiert. Ebenfalls zur Diskussion steht die Buchser Obermatte. Sie findet lediglich bei einer linken Minderheit Anklang. Das Stimmvolk segnet den Kredit im Herbst ab.
2008: Volk sagt Ja Der Souverän der Stadt Aarau stimmt deutlich für einen Betrag von 17 Millionen Franken für ein neues FCA-Stadion im Torfeld Süd. Bauherrin ist die private HRS AG. Vorbild für das Stadion soll die Neuenburger "Maladière" sein (Bild). Insgesamt kostet das Stadion 36 Millionen Franken.
2009: Einsprachen Gegen Gestaltungsplan und Stadion-Baugesuch gehen 41 Einsprachen ein.
13.5.2010: Abstieg Schock für den FC Aarau: Der "unabsteigbare" Klub muss nach einem 1:4 gegen GC und dem gleichzeitigen Sieg von Bellinzona den Gang in die Challenge League antreten. David Marazzi (Bild) wird von seinen Emotionen überwältigt.
13.6.2010: Erneuter Abstimmungserfolg Die Nutzungsplanung "Torfeld Süd" schafft auch die letzte politische Hürde. In einer Referendumsabstimmung heisst das Volk die Spezialzone mit einer Ja-Mehrheit von 69,5 Prozent gut. Das Stadion könnte jetzt eigentlich gebaut werden. Wenn da nicht die Einsprachen wären.
23.2.2011: Kein Asyl für GC Mitten in die Stadionplanung platzt die Meldung, dass die Grasshoppers mit einem Umzug nach Aarau liebäugeln. Die Miete im Letzigrund ist GC zu hoch. Der FCA ersucht den Stadtrat, den Zürchern Asyl zu gewähren – wegen Synergien im geplanten Stadion. Der Stadrat lehnt das Begehren ab. Grund: Die Zusatzbelastung wäre für das Volk nicht zumutbar. Bild: Aarau's Michele Polverino, links, fällt nach im Zweikampf mit GC's Rolf Feltscher im Brügglifeld.
11.5.2011: Einsprachen abgelehnt Jetzt ist der Aargauer Regierungsrat an der Reihe: Die Kantonsregierung weist die verbliebenen Beschwerden vom Sommer 2009 ab und genehmigt sowohl die Spezialzone Torfeld Süd als auch den Gestaltungsplan. Mehrere Bewohner des Aarauer Gönhard-Quartiers ziehen ihre Beschwerde ans kantonale Verwaltungsgericht weiter.
9.12.2011: HRS muss Projekt erneuern Nach dem Entscheid des Einwohnerrates vom 14. November 2011, auf die Realisierung von polysportiven Mantelnutzungen im Stadionkomplex zu verzichten (zu teuer), muss die HRS das Projekt überarbeiten. Das Baugesuch muss ein zweites Mal aufgelegt werden. Die Grundeigentümerin Mobimo rechnet mit der Inbetriebnahme des Stadions im Jahr 2015.
2012: Stadionprojekt komplett überarbeitet Weil gegen das erste Baugesuch viele Einsprachen eingingen, präsentiert die HRS ein völlig überarbeitetes Projekt (Bild). Es ist der dritte Anlauf für ein Stadion im Torfeld Süd. Gegen das neue Projekt gehen vier Einsprachen ein. Drei werden später nach langen Verhandlungen zurückgezogen.
2013: Aufstieg Erfolg auf dem Rasen: Der FC Aarau steigt nach drei Jahren in der Zweitklassigkeit in die Super League auf.
2014: Durchbruch und neue Sorgen Der FCA jubelt: Der Stadtrat erteilt die lang ersehnte Baubewilligung für das Stadion. Doch neues Ungemach folgt sogleich: Der letzte verbliebene Einsprecher reicht Beschwerde gegen die Baubewilligung ein. Er wird als Stadionverhinderer landesweit bekannt, weil der "Blick" seine Identität teilweise aufdeckt. Er findet das geplante Einkaufszentrum zu gross.
2015: Beschwerde-Marathon 2015 ist das Jahr der Justiz im Fall Torfeld Süd: Der Aargauer Regierungsrat weist die Beschwerde des Anwohners am 21. Januar ab. Er zieht vor Verwaltungsgericht, unterliegt und gelangt ans Bundesgericht. Die Bundesrichter entscheiden vorerst, dass das laufende Verfahren keine aufschiebende Wirkung hat. Trotzdem warten Stadt und die Bauherrin HRS mit dem Baubeginn zu. Auch mit einem Ausstandsbegehren scheitert der Anwohner vor Verwaltungs- und Bundesgericht.
29.5.2015: Abstieg Der FC Aarau steigt in die Challenge League ab. Mit einem 3:2-Sieg gegen den FC Thun verabschiedet sich der Klub in die Zweitklassigkeit. Bild: Sandro Burki (links) und Kollegen applaudieren zum letzten Mal in der Super League.
2016: Machtwort Das Bundesgericht weist die Stadionbeschwerde ab. "Endlich: Das Stadion kann gebaut werden", titelt die Aargauer Zeitung. Heute wissen wir: Es ging noch immer nichts.
1.5.2017: Plan B Wegen den Einsprachen, strengeren Auflagen der Liga und neuen Gesetzen kostet das Stadion nun 20 Millionen Franken mehr. Die HRS präsentiert darum den Plan B: kein Einkaufszentrum, dafür Hochhäuser für Wohnungen, Gewerbe und kleine Läden im Erdgeschoss.
15.11.2017: Stadion-Retter? Erster Auftritt von "meinstadion.ch": Die Initianten um den früheren FCA-Präsidenten Michael Hunziker (Bild Mitte) halten nichts vom Plan B. Sie wollen, dass der ursprüngliche Plan umgesetzt wird, damit die am 18. Mai 2018 ablaufende Baubewilligung nicht verfällt. Um das fehlende Geld aufzutreiben, haben sie unter anderem ein Crowdfunding lanciert. Vier Millionen Franken sollen so zusammenkommen.
26.2.2018: Millionenstrafe gefordert "meinstadion.ch" fordert eine Konventionalstrafe von mindestens 5 Millionen Franken für die HRS, sollte diese ihrer Pflicht, dem Stadionbau, nicht nachkommen. HRS hat ein bewilligtes Stadion-Projekt, will aber statt eines Einkaufszentrums Hochhäuser bauen.
6.3.2018: Plan C HRS und "meinstadion.ch" skizzieren einen Plan C. In einer Mitteilung heisst es: "Eine Zwischenfinanzierung soll es ermöglichen, den Stadionbau vom Vorliegen von rechtskräftigen Baubewilligungen von Hochhäusern zu entkoppeln." Damit könnte mit dem Stadionbau begonnen werden, auch wenn für die Hochhäuser keine Baubewilligung vorliegt. Plan C würde rund 40 Millionen Franken kosten. Und Junioren müssen nicht mehr Kissen auf die Sitzflächen der besseren Plätze im Brügglifeld legen.
21.3.2018: Gemeinsam für Plan B Stadt, Bauherrin HRS, FCA und "meinstadion.ch" geben an einer gemeinsamen Medienkonferenz das Versprechen ab: Wir ziehen jetzt alle am gleichen Strick, am Strick Plan B (Stadion mit Hochhäusern). Darum braucht es eine erneute Abstimmung über die BNO-Revision (Bau- und Nutzungsordnung). Ein Ja ist die Voraussetzung für das neue Stadion. Die Bauherrin HRS unterstützt den FCA ausserdem in den nächsten fünf Jahren mit einer Million Franken, zusätzlich zu den bisher jährlich 70'000 Franken.
Plan B: Das Stadion mit Hochhäusern.
31.8.2018: Neues Baugesuch eingereicht Das Baugesuch des angepassten Projekts für das Stadion liegt auf dem Tisch der Aarauer Verwaltung. Das komplette Gesuch für das angepasste Stadion umfasst 20 Büroschachteln. Der Baubeginn für das Stadion erfolgt erst, wenn für die neben dem Stadion geplanten vier Hochhäuser eine rechtskräftige Baubewilligung vorliegt. Voraussetzung dafür ist, dass das Volk der BNO-Revision zustimmen wird.
7.2.2019: Bundesgericht hebt Urteil auf Das Bundesgericht heisst eine Beschwerde von sechs Personen gegen ein Urteil des Aargauer Verwaltungsgericht gut. Dieses hatte eine fristgerechte Eingabe der Beschwerdeführer nicht berücksichtigt. Es hatte den Fehler selbst bemerkt und vor Bundesgericht beantragt, dass die Beschwerde gutgeheissen wird.
3.5.2019: Stadion-Gegner blitzen beim Aargauer Verwaltungsgericht ab Das Aargauer Verwaltungsgericht weist drei Beschwerden zur Revision der Bau- und Nutzungsordnung (BNO) ab. Darunter auch jene, die es zum zweiten Mal bearbeiten musste, weil es beim ersten Mal das rechtliche Gehör der Beschwerdeführer verletzt hatte. Das Bundesgericht hatte das Urteil darum aufgehoben. Das Stadion geht frühestens in der Saison 2022/2023 in Betrieb.
16.8.2019: Politiker aus dem links-grünen, vereinzelt auch aus dem bürgerlichen Lager lancieren überraschend eine Volksinitiative für einen neuen Stadion-Standort – die Buchser Obermatte kommt wieder ins Gespräch.
26.8.2019: Der Aarauer Einwohnerrat heisst die Teilrevision der Bau- und Nutzungsordnung und den 17-Millionen-Kredit gut. Damit steht der Volksabstimmung im November 2019 nichts mehr im Weg. Im Bild: FDP-Fraktionschef Yannick Berner im FCA-Dress.
24.11.2019: Die Stadt Aarau sagt zu beiden Abstimmungen bezüglich Stadion im Torfeld Süd mit 61 Prozent Ja. Die Auflage der Baugesuche für Stadion, Hochhäuser und Zwischenbau ist frühestens nach den Sommerferien 2020 realistisch.
5.6.2020: Die Auflage des Baugesuches verzögert sich, das Verfahren ist anspruchsvoll und der Druck der Stadion-Gegner weiterhin gross. Es könnte darum sein, dass das Aarauer Stadion erst 2028 steht.

Seit über 30 Jahren ist klar, dass der FC Aarau ein neues Stadion braucht. Was bisher geschah, erfahren Sie in der Bildergalerie.

zvg/nightnurse images, Montage: AZ