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Erdbeerrüsten zur Geisterstunde – für das allererste Aargauer Joghurt

Bei Gody Neeser gabs das erste Früchte-Joghurt im Kanton – und auch Käse.

Bei Gody Neeser gabs das erste Früchte-Joghurt im Kanton – und auch Käse.

Gottfried Neeser eröffnete den Milchladen in der Halde, Sohn Gottfrieder fand das Früchte-Joghurt – und Enkel Gottfried erinnert sich an schnetzelnde Trachtenfrauen.

Da sassen sie, die Frauen der Trachtengruppe, mit Rüstmesserchen in der Hand um den grossen Küchentisch gedrängt, vor sich Berge von Erdbeeren. Lustig hatten sie es, die schnetzelnden Frauen, die Backen rot vom Lachen und der Gluthitze, die Finger rot vom Erdbeersaft. Und draussen schlug die Stadtkirche zur Geisterstunde.

Godi Neeser (72) erzählt diese Geschichte aus seinen Kindheitstagen gern: Wie die Trachtengruppe zum Erdbeerrüsten über Nacht antrabte, weil Vater Gody Neeser im Tessin einen Eisenbahnwaggon voller Früchtchen bestellt hatte, die schleunigst gerüstet und zu Mark gemixt werden mussten, um sie tags darauf ins Joghurt zu mischen. Die Zeit drängte, Kühlschränke gab es nicht und die Ware wurde rasch schlecht. Das Ergebnis aber war ein exklusives: das Früchte-Joghurt Neea, das erste Früchte-Joghurt weit und breit im Kanton Aargau. Im Sommer war die Nachfrage jeweils so gross, dass die Neesers pro Tag zwölf Kannen Milch à 40 Liter zu Joghurt verarbeiteten.

Mit Hund und Wagen

Die Geschichte der Milchhandlung Neeser ist eine lange. Und eine mit drei Generationen Gottfrieds: Der erste Gottfried (1891– 1940) eröffnete 1920 den Milchladen in der Halde. Mit Bernhardinerhunden und Milchkarre zogen Gottfried senior und Gottfried junior, genannt Gody (1917–2001), durch die Gassen, von Haus zu Haus über das holprige Kopfsteinpflaster, sieben Tage die Woche. Wie der legendäre Aarauer Journalist Gustav Aeschbach in seinen Erinnerungen an die Kindheit in der Halde schreibt, wurde der Laden zum Quartierladen und verkaufte auch andere Lebensmittel.

Weil die Milchhändler verpflichtet waren, an sieben Tagen Milch zu verkaufen, musste der Laden auch sonntags zwei Mal geöffnet sein. Allerdings durften am Sonntag nur Milchprodukte verkauft werden, was wegen des gemischten Angebots nicht immer eingehalten wurde. Das wiederum rief prompt einen hinterlistigen Polizisten auf den Plan: Der Mann schickte seine Frau in den Laden und liess sie eine Büchse Erbsen kaufen – um die Neesers postwendend zu büssen.

Das Geschäft lief gut. 1927 eröffnete Gottfried Neeser das zweite Milchgeschäft. Am Holzmarkt, eingeklemmt zwischen dem «grünen Esel» und dem Strickwarengeschäft «Bolliger und Waldmann», wo heute Sunrise-Handys verkauft werden. 1939 wurde der Laden in der Halde an Ernst Haberstich weitergegeben.

Abwasch um 4 Uhr in der Früh

An seinen Grossvater erinnert sich Godi Neeser nicht, er wurde erst 1944 geboren. Aber auch er ging mit seinem Vater auf die Milchtour, kaum fünfjährig, noch vor dem Sonnenaufgang: «Ich rannte zu den Milchkästli, klaubte die Batzen zusammen und brachte dem Vater die Kesseli zum Füllen an die Strasse», erinnert er sich. Dass die ganze Familie mit anpackte, war selbstverständlich, und das zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Drei Generationen wohnten im Haus, dazu Onkel und Tanten. Die grosse Managerin im Hintergrund war Mutter Margrith. «Ohne Mutter wäre es nicht gegangen», sagt Godi Neeser. Sie war es, die das Steuer übernahm, wenn Vater Gody – 36 Jahre lang begeisterter Feuerwehrmann – wieder einmal wegen eines Alarms das Käsemesser fallen liess und an den Brandplatz rannte. Und sie war es, die nebst der Arbeit im Laden die drei Kinder grosszog und den ganzen Haushalt schmiss.

Später, während der Schulzeit, mussten die Neeser-Kinder vor der Schule die Joghurt-Gläser auswaschen. Und nachmittags, bevor sie die Hausaufgaben machen konnten, mussten sie Auslieferungen machen. Gody Neeser grinst. «Keine schlechte Sache, das Ausliefern, das hat immer einen Batzen Trinkgeld gegeben.» Abends um 19.40 Uhr rannten die Buben mit dem Karren hoch zum Aargauerplatz. «Dann kam die Aarau-Suhrental-Bahn mit der Milchlieferung aus dem Suhrental angefahren», sagt Neeser. Einer stieg in den Güterwagen und wuchtete die Kannen heraus, jede farbig markiert, pro Milchhändler eine Farbe, und die Buben ruckelten mit dem vollgeladenen Wagen die Vordere Vorstadt hinunter.

17 Milchhändler habe es damals in Aarau gegeben, die sich die Reviere für die Milchlieferungen teilten. Aber nur bei Gody Neeser am Holzmarkt gab es Früchte-Joghurt. «Und den besten Käse», behauptet der Sohn. Jungen Emmentaler kaufte der Vater, ganze Laibe, und liess sie im Keller reifen. «Das war noch Käse.» Dazu gab es viele französische Käse und einen Limburger, der so fürchterlich stank, dass ein stadtbekannter Hobbyfischer darin seine Maden züchtete und so die dicksten Fische an Land zog. Ausserdem war Gody Neeser der Erste, der aufgrund von Jeannette Bettenmanns Angebot im Restaurant Grabenallee hin Raclette- und Fondue-Käse ins Sortiment aufnahm.

Unvergessen: Beguttenalp und MAG

Gody Neeser war aber nicht nur für sein Früchte-Joghurt bekannt. Da gibt es die Geschichten aus den Sommerlagern auf der Beguttenalp, die jedes Jahr mit drei Kolonien voll besetzt war. Vater und Sohn Neeser karrten nicht nur jeden Tag in aller Herrgottsfrühe zwei Kannen Milch und andere Lebensmittel hoch zu den ewig-hungrigen Jung-Aarauern, sondern waren auch Pöstler und Krankenwagenfahrer, denn einen Telefonanschluss gab es damals noch nicht. Die Neesers brachten also auch Päcklein hoch oder das eine oder andere heimwehgeplagte oder verletzte Kind zurück nach Aarau.

Und dann ist da noch die Erinnerung an den MAG: Vater Gody stellte jedes Jahr eine Ländlerkapelle ins Schaufenster, aus Holz geschnitzte Figuren, mit Klarinetten und Handörgeli. «Im Keller unten stellten wir Lautsprecher auf und liessen die Tonbänder mit der Ländlermusik in Endlosschlaufe laufen, während sich die Puppen dazu bewegten.» Ein Heidenspass für Gross und Klein, sagt Godi Neeser. «Da reden die Leute heute noch darüber.»

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