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Er träumte von rudernden Aarauern – und galt als «viel zu wenig gewürdigt»

Gottlieb Lüscher (1868–1949) wollte die Aare stauen und die Staffeleggbahn bauen – und wurde als Spinner abgetan.

Katja Schlegel
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Davon träumte Lüscher: Das Schloss Biberstein mit Seeanstoss.

Davon träumte Lüscher: Das Schloss Biberstein mit Seeanstoss.

ZVG

Wäre es nach Gottlieb Lüscher gegangen, würden die Aarauer am Sonntagabend nach einer Runde im Ruderboot ermattet in den selbstgefischten Seeforellen stochern. Wäre es nach Lüscher gegangen, würde zwischen Aarau und Rupperswil nicht die Aare fliessen – dann läge da ein stattlicher Stausee. Wäre es nach Lüscher gegangen, würde nicht das Postauto über die Staffelegg kurven – dann würde die Staffeleggbahn durch einen Tunnel untendurch zischen. Und zwischen dem Tellirain und Rombach wäre bereits in den Zwanzigerjahren eine zweite Aarebrücke gebaut worden, um die Stadt vom Verkehr zu entlasten.

Seinen fantastischen Ideen zum Trotz – Gottlieb Lüscher war kein Spinner, er war ein hoch dotierter Visionär, ein «Universalgenie», wie ihn der legendäre Aarauer Journalist Gustav Aeschbach bezeichnete, einer, der sich «in die Galerie der spärlichen grossen Geister einreiht, über die die kleine Aaremetropole verfügte».

Mit 12 Jahren in die Fabrik

Dabei standen die Vorzeichen für Lüschers Laufbahn alles andere als günstig: Mit zwölf Jahren schickten ihn die ärmlichen Eltern in die Fabrik, wo er mit 14 zum Aufseher aufstieg. Später wurde er bei einem Ingenieur Messgehilfe, besuchte eine Geometerschule, absolvierte an der ETH das Diplom als Ingenieur und schliesslich noch den Doktortitel. 1909 machte sich Lüscher selbstständig und eröffnete im Lindenhof am Kreuzplatz in Aarau sein eigenes Ingenieurbüro. Er baute unter anderem den Hauenstein-Basistunnel, die Aarebrücke Olten oder die erste Etappe der Jungfraubahn. Ausserdem war er Stadt- und Grossrat und Oberst im Militär.

Den Anstoss für Lüschers Idee vom Aarestausee gaben die Pläne für den Bau des Kraftwerks Rupperswil-Auenstein. Wie Kurt Hauser in den Neujahrsblättern 1985 schreibt, fasste die Generaldirektion der SBB bei der Aufstellung des Elektrifizierungsprogramms der Bundesbahnen 1918 unter anderem ein Niederdrucklaufwerk an der Aare bei Rupperswil ins Auge. Ein Steilpass für Ingenieur Lüscher: Er sah in einem Stausee die Möglichkeit, die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Schweiz zu sichern und einen «Gartenhag» gegen die «Steine» zu errichten, die die Nachbarländer in den Schweizer Garten warfen – und meinte damit die für die Energiegewinnung notwendige Kohle.

Spannende Aarauer ohne Marmorsockel

In der Dauerausstellung «100×Aarau» im Stadtmuseum Aarau werden 100 Aarauer porträtiert. Viele kennt in Aarau jedes Kind – die meisten Namen und Geschichten aber sind nur wenigen Besuchern ein Begriff. Es sind die Aarauer ohne Gedenktafel oder Marmorbüste. Acht spannenden Lebensgeschichten widmet die az in Zusammenarbeit mit dem Ausstellungsteam um Kuratorin Dominique Frey eine Serie.

Seine Ideen für einen Stausee präsentierte Lüscher in einer zwölfseitigen Schrift unter dem Titel «Der Aarauer Aaresee – zukünftiger Hafen der Stadt Aarau, Stausee des Kraftwerkes Rupperswil der SBB.» Mit grosser Überzeugungskraft stellte er seine Pläne vor, das Gebiet zwischen Aarau und Rupperswil, Biberstein und Rohr auf einer Länge von 3,5 Kilometern und einer Breite von einem Kilometer zu stauen. Dadurch sollte ein Stausee entstehen, der «mit den grössten derartigen Anlagen der Welt in Konkurrenz treten» könnte, so Lüscher.

Bereits auf dem Umschlag war skizziert, was Lüscher vorschwebte: Schleppkähne, grosse Hafengebäude und Silos, riesige Kranen. Daneben schrieb er wortgewandt von Seerestaurants mit grossen Terrassen und Bootanlegestellen, er träumte von sportlichen Ruderern und gemütlichen Fischern, von Gondeln zwischen Aarau und Biberstein.

Industrielle versenkten See-Idee

Doch Lüschers Stausee-Träume platzten. Genauso wie gegen das Staffeleggbahn-Projekt und die zweite Aarebrücke gab es heftigste Widerstände. Lüscher wurde zum Spinner degradiert und für seine Idee der Verkehrsentlastung der Stadt gar angefeindet: Man wollte keine Beruhigung, sondern im Gegenteil noch viel mehr Betrieb für das verschlafene Städtchen. Es kam sogar so weit, schreibt Journalist Aeschbach, dass wenn Lüscher durch die Strasse ging, die Leute grinsend die Köpfe zusammensteckten und tuschelten.

Gegen das Aaresee-Projekt erhob sich gewichtiger Widerstand: Nicht etwa von Naturschutzseite aus, sondern von den Industriellen Zurlinden und Jenny-Kunz, deren Zementfabrik beziehungsweise Färbereibetrieb in der Telli vom höheren Grundwasserspiegel betroffen gewesen wären.

Ausserdem hatte sich Lüscher mit seiner eigenmächtigen Publikation selber in die Nesseln gesetzt: Zwei Jahre zuvor war er von der Stadt in Bezug auf das Kraftwerk als unabhängiger Experte angestellt worden – durch seine Publikation war er befangen und wurde von der Stadt entlassen. Und auch die Herren Zurlinden und Jenny-Kunz hatten mit ihren mehrseitigen Klageschreiben an Regierungsrat und SBB Erfolg: Lüschers Stausee-Vision wurde sang- und klanglos versenkt. Übrig blieben nur die Pläne für das Kraftwerk Rupperswil.

Gottlieb Lüscher starb 1949 an einer Lungenentzündung, als Inhaber einer Speiseessig-Fabrik und, wie Aeschbach schreibt, «viel zu wenig gewürdigt».