Er war es, der dafür sorgte, dass die deutsche Trainerlegende und Fussball-Europameister Otto Rehhagel in Aarau auf den Rücken eines Knie-Elefanten klettern musste. Er war es, der die Aarauer Männer dermassen für einen Schuh begeistern konnte, dass er höchstpersönlich alle zwei Wochen nach Mailand fahren und Nachschub holen musste. Und er ist es, der jetzt seine Kundinnen reihenweise traurig stimmt: Ueli Ammann, Inhaber der Schuh- und Modeboutique «Nuovo Style». Ende Juli wird das Stammhaus an der Hinteren Vorstadt 12 in Aarau geschlossen, 48 Jahre nach der Eröffnung.

Die Geschichte von «Nuovo Style» ist eine aussergewöhnliche, geprägt von familienbedingten Prägungen, dem richtigen Riecher, guten Freunden – und der Leidenschaft für Fussball.

Italienische Schuhe statt Wolle

Das Faible für Schuhe bekommt Ueli Ammann als Enkel von Alfred Ammann, dem Oberentfelder Schuhfabrikanten (Firma gegründet 1917, heute «Ammann of Switzerland»), in die Wiege gelegt. Zwar träumt er als Bub von einer Fussballerkarriere. «Aber damals liess sich mit Fussballspielen nicht viel Geld verdienen.»

Also lernt Ueli Ammann etwas Rechtes und tschuttet nebenbei. Während sein Bruder Rolf in den Familienbetrieb einsteigt, verkauft Ueli Ammann Schuhe als Geschäftsführer der Bata-Filiale in Oerlikon.

1970 bekommt er die Geschäftsliegenschaft in Aarau vermittelt. Wo bis anhin Anna Wildi ihre Wollknäuel verkauft hat, stellt der zwanzigjährige Ueli Ammann schönste italienische Lederschuhe ins Regal – und trifft damit ins Schwarze. «An der Eröffnung im September 1970 waren einige hundert Personen da», sagt er. Und schon dannzumal lockt ein guter Freund die Massen zusätzlich an: Pepe Lienhard.

Bald nach der Eröffnung nimmt Ueli Ammann auf Kundenwunsch Kleider ins Sortiment auf, als Erster weit und breit verkauft er die Kollektionen von Hugo Boss. In den Jahren darauf eröffnet er Filialen in Olten und Baden – «immer da, wo ich gerade Fussball gespielt habe, habe ich auch eine Filiale eröffnet» –, es folgen solche in Lenzburg und Gränichen und schliesslich 1980 die in St. Moritz. Filiale Nummer sieben ist der zweite Laden in Aarau, nur ein paar Häuser weiter, an der Hinteren Vorstadt 30.

Ammann organisiert Modeschauen im Kurhaus in Bad Schinznach, im «Happy Landing» im Bahnhof Aarau oder auf der Pferderennbahn, und bei jeder Eröffnung oder Präsentationen neuer Kollektionen sind prominente Freunde mit dabei: Otto Rehhagel, mal allein, mal mit der Mannschaft von Werder Bremen, Ex-Miss-Schweiz Mahara McKay, Ciriaco Sforza, Hans-Peter «Bidu» Zaugg, die Liste wäre noch lang.

Die goldenen Zeiten sind vorbei

1980 beschäftigt Ammann 35 Angestellte, allein in Aarau beträgt der Umsatz 1,5 Millionen. «Das waren die goldenen Jahre», sagt Ammann. «Da wurde investiert, da gab es Jobs im Überfluss, man hatte Geld und gab es gern aus.» Auch locker 200 Franken für ein Paar Schuhe. Und das nicht etwa nur für Damenschuhe, sondern auch für Männerschuhe. «Die Brooks-Herrenschuhe waren damals so begehrt, dass ich alle zwei Wochen mit dem Büssli nach Mailand fahren musste, um Nachschub zu holen.»

Diese goldenen Zeiten sind vorbei. Geblieben sind das Stammhaus in Aarau und die Filiale in Oberentfelden. «Wir haben eine sehr grosse und treue Stammkundschaft, der Laden in Aarau ist immer gut gelaufen.»

Aber da ist eben auch das Marken-Outlet in Schönenwerd, eine grosse Konkurrenz, ganz zu schweigen vom Online-Handel. «Die jüngeren Leute gehen fürs Kleiderkaufen nicht mehr in die Stadt.» Und als ob die zurückgehenden Kundenzahlen nicht schon genug wären, machen auch die Liegenschaftsbesitzer den Mietern das Leben schwer. So musste Ammann die Filiale an der Hinteren Vorstadt 30 schliessen, weil der Mietzins auf weit über 10 000 Franken geklettert war.

Für 100-jährige Mieterin gesorgt

Jetzt also schliesst Ueli Ammann auch das letzte Aarauer Kapitel. «Es ist Zeit», sagt er. Seit Mittwoch läuft der Ausverkauf, das Haus wird per 1. August verkauft, nächste Woche ist Vertragsunterzeichnung. Verantwortlich für den Verkauf war Roger Bay, Inhaber der Oberentfelder Immobilienfirma Bay & Partner. «Beim Verkauf gab es einige Hürden zu überwinden», sagt Roger Bay.

Die 100-jährige Mieterin, die seit bald 60 Jahren im Haus lebt – zum Mietzins von anno dannzumal, für 300 Franken pro Monat. «Dieser Punkt war uns sehr wichtig und wurde den Interessenten entsprechend mitgeteilt», sagt Roger Bay. Und natürlich hätten die Pläne des künftigen Eigentümers für das Haus stimmen müssen, da mache er keine Kompromisse, sagt Ammann. «Ich habe einen Ruf zu verlieren.»

An Kaufinteressenten hätte es nicht gemangelt, sagt Roger Bay. Bereits ohne öffentliche Ausschreibung boten Anfang Jahr drei Investoren um das Haus, nach der Ausschreibung auf einer Immobilienplattform im März waren es 20. Einen solventen Käufer und würdigen Nachfolger zu finden, der die 100-jährige Mieterin im Haus wohnen lässt, ist Roger Bay nun gelungen. Auch der Mieter für das Ladenlokal ist inzwischen fix, wegen der für nächste Woche geplanten Vertragsunterzeichnung will Roger Bay den Namen aber noch nicht verraten. Nur so viel: Es wird kein Unternehmen aus der Fast-Food-Branche sein. Zwar habe man verschiedene entsprechende Angebote erhalten. «Aber davon gibt es schon genügend in der Stadt», so Roger Bay.

Trotz Schliessung des Aarauer Stammhauses – ganz kann Ueli Ammann das Mausen nicht lassen, auch wenn ihn seine Hobbys als Vermittler von Fussballtalenten und aktiver Fussballer stark beanspruchen. Im Ammann-Center in Oberentfelden führt er den «Nuovo Style» samt Outlet-Bereich weiter. «Meinen Kunden zuliebe», sagt er. «Sie haben mir gesagt, ich könne nicht einfach aufhören.»