Die ältere Dame wird weiss um die Nase. «Das kenne ich», sagt sie und zeigt auf eines der grösseren Stücke der Ausstellung 100×Aarau im Stadtmuseum: den Gerätewagen mit Schubladen, Rollen und dünnen, spröden Gummischläuchen, gelb verfärbt. Eine spontane Reaktion, dieses Entsetzen, aber eine, die auch andere ältere Aarauer zeigen. Der Wagen stammt aus der Praxis von Max Tschamper, Spezialarzt für Hals-, Nasen und Ohrenmedizin, berühmt-berüchtigt für seine Mandeloperationen.

Max Tschamper, 1906 in Olten geboren, studierte nach seiner Kantizeit in Aarau in Basel Medizin. Mit seiner Frau, Krankenschwester Rose-Maria Brupbacher, gründete Tschamper 1945 in der Villa «zum Schlossgarten» eine HNO-Praxis. Fünf Jahrzehnte lang wirkte er als Arzt, schnitt Hunderten Aarauern die Mandeln aus dem Rachen. Noch mit über 80 Jahren empfing er Patienten in seiner Praxis in der als erstes «Bundeshaus» bekannten Villa am Schlossplatz.

Meisseln zum Ausgleich

Als engagierter Arzt setzte sich Tschamper nicht nur für den Landenhof in Unterentfelden, Zentrum und Schule für schwerhörige Kinder und Jugendliche, ein, sondern auch für eine HNO-Abteilung am Kantonsspital Aarau. Er wirkte ausserdem in zahlreichen schweizerischen, kantonalen und regionalen Gesellschaften und Vereinen. Vielen Aarauern in Erinnerung ist Tschamper auch als grosser Naturfreund: Gemeinsam mit seiner Frau verbrachte er Stunden im weitläufigen Garten der Villa, zog jede Pflanze mit viel Sorgfalt gross. Ausserdem schuf Tschamper verschiedene Büsten aus Stein, später kamen sogar fast lebensgrosse Tiere dazu, die er aus einheimischem Gestein meisselte.

Als Tschamper 1989 mit 83 Jahren seine Praxis schloss, schenkte er die gesamte Einrichtung dem Stadtmuseum. Darunter finden sich nebst dem Gerätewagen auch Nasenscheren, Stimmgabeln, Absaugschläuche und andere chirurgische Instrumente – und sogar Zangen für das Herausziehen von Zähnen. «Besonders in der Anfangszeit seiner Praxistätigkeit hat Tschamper sich bei Bedarf auch als Zahnarzt betätigt», sagt Kuratorin Dominique Frey.

Der weisse Gummischurz

Die Instrumente im Museum – sie sind eine bleibende Erinnerung an Doktor Tschampers Schaffen. Aber da sind noch andere Überbleibsel, die man nur ausserhalb der Museumsmauern findet: die blutrünstigen Räubergeschichten rund um seine Mandeloperationen, die sich nicht nur die Schulkinder in den Pausen zuraunten. «Einen weissen Gummischurz hat er getragen, wie ein Schlachter», erinnert sich ein Aarauer, der in den Fünfzigerjahren seine Mandeln in Tschampers Praxis entfernen lassen musste. Tschamper habe etwas von einem Draufgänger gehabt und seine Narkoseinstrumente hätten nicht immer nach Wunsch funktioniert, sagt ein anderer Aarauer. «Man erzählte sich, dass das Blut nur so spritzte.»

Operiert wurde in einem der Räume im Erdgeschoss, in denen heute Ausstellungen stattfinden. Der bald Neunzigjährige erinnert sich an seinen Eingriff: «Das ging Hauruck und die Mandeln waren draussen. Das hat schaurig wehgetan. Aber immerhin gab es danach Glace», sagt er und lacht. Aber er wolle den Doktor Tschamper nicht anschwärzen oder schlechtmachen, er sei gewiss ein Meister seines Fachs gewesen. «Das war damals halt einfach so und ging mit den alten Methoden und Instrumenten wohl nicht anders.»

Max Tschamper verstarb im Februar 1992. An seiner Trauerfeier seien nebst Freunden und Bekannten auch unzählige ehemalige Patienten anwesend gewesen, wie das «Aargauer Tagblatt» in den Tagen nach der Feier schreibt. Ein Indiz dafür, dass auch bei den schönsten Räubergeschichten doch nicht immer alles für bare Münze genommen werden darf.