«Jo, dä hett ou früh müesse gho», René Dätwiler, der Wirt der Altstadtbeiz Sevilla, erinnert sich noch sehr gut an den 1985 verstorbenen Aargauer Maler Werner Holenstein, der mit nur 53 Jahren starb. «Aber noch mehr weiss meine Frau über ihn. Sie war dabei, als Holenstein das besagte Bild gemalt hat», so Dätwyler. «Fragen Sie sie.»

Die Frau, Annalise Dätwiler, war ein Mädchen, als Werner Holenstein als junger Mann regelmässig im Sevilla sass. Ihr Vater, Ernst Maurer, war der Wirt der spanischen Beiz. «Holenstein hat halt gerne eins gezwitschert», sagt Annalise Dätwiler und lacht. Schon damals sei er bekannt gewesen und habe Bilder verkauft. Trotzdem reichte das Geld offenbar nicht aus, um die Trinkschulden zu begleichen. So hat er eines Nachts seine Schulden abbezahlt, indem er ein Bild an die Beizen-Wand pinselte. Das war im Herbst 1957. Annalise war 14 Jahre alt. «Es war das erste Mal, dass ich die ganze Nacht wach bleiben durfte», erinnert sich die heute 67-Jährige. Am nächsten Tag sei sie fast eingeschlafen in der Schule. Die Erinnerungen an diese spezielle Nacht sind bis heute geblieben. Holenstein hatte eine Farbpalette dabei mit Ölfarben. «Dann malte er einfach drauflos, alles aus dem Kopf.»

Bei vielen Sammlern hängen Bilder

Dazu habe er immer wieder ein «Zweierli Roten» bestellt, dieses getrunken und dann ohne zu reden weitergemalt. Eine kleine Gruppe schaute ihm dabei zu: Annalise, eine ihrer älteren Schwestern, ihr Vater der Wirt und ein Schriftsetzer des Tagblattes, der damals um ein Uhr morgens die Zeitung des nächsten Tages vorbeibrachte.

Mit der Morgendämmerung war auch das Bild fertig. Kann sich Annalise Dätwiler erinnern, was Holenstein sagte, als es so weit war? «Ja», entfährt es ihr. «Er legte den Pinsel ab und meinte: tipptopp, es hätte nicht besser werden können.»

Sie erinnert sich weiter: «Holenstein war stockkanonenvoll – mein Vater bestellte ihm ein Taxi, das ihn nach Buchs brachte», erinnert sie sich weiter. «Natürlich musste er keinen Rappen mehr bezahlen. Mein Vater hat ihm sogar noch eine Flasche Whiskey mit auf den Weg gegeben.»

Das mittlerweile 54 Jahre alte Bild gefällt dem Wirtepaar Dätwiler äusserst gut: «Mir imponiert diese spanische Frau und die ganze Hafenkneipenstimmung gefällt mir sowieso», so Annalise Dätwiler.

Aber auch der Öffentlichkeit ist nicht entgangen, dass hier im kleinen Altstadt-Beizli ein besonderes Bild zu sehen ist: Es gibt Stadtführungen, die wegen des Werks durch das «Sevilla» führen. «Dann kommt jeweils eine Schar Interessierter in die Beiz und verlässt sie kurz darauf wieder.»

Und einmal, da kamen wichtige Herren aus Zürich ins Sevilla: Es waren Kunstspezialisten aus Zürich. Sie wollten das Bild sachte lösen und es auf eine Leinwand übertragen. Sie hofften, es sei auf eine Unterlage gemalt worden. Doch das Bild liess sich nicht ablösen. Und die Herren mussten wieder davonziehen. Dätwyler schätzt, dass das Wandbild im «Sevilla» auf Leinwand bis zu 40000 Franken kosten würde. Aber genau weiss sie es nicht.

«Gemalt wie verrückt»

Die Kellnerin ruft in die Runde, ob jemand den Holenstein noch gekannt habe. «Ja», meldet sich ein Gast. Er habe sogar noch Bilder von ihm daheim hängen. So geht es auch anderen: Es gibt etliche Sammler, die Bilder des Künstlers zu Hause hängen haben. Eine andere Frau, die Holenstein gut kannte, ist Marlis Lienhard aus Buchs. Sie lebte lange im selben Haus wie der Künstler. «Holenstein», erinnert sie sich, «hat sich manchmal stundenlang eingeschlossen und gemalt wie verrückt.» «Lass niemanden rein», habe er dann zu ihr gesagt.

Manchmal habe er richtiggehend mit dem Leben gekämpft. Dann waren seine Bilder nicht mehr fröhlich, sondern wurden schwarz. Er sei auch ausgenutzt worden, betont Lienhard. Für ein läppisches Mittagessen habe er manchmal an Bekannte Bilder verschenkt. Dies, obwohl eines seiner Bilder bis zu 10000 Franken kostete.

Werner Holenstein (1932–1985) Kunstmuseum Olten. Bis 15. Mai.