Aarau

Er leitete 15 Jahre lang den Orchesterverein: «Mich interessiert, was es vor der Haustür gibt»

15 Jahre lang hat David Schwarb den Orchesterverein Aarau geleitet.

15 Jahre lang hat David Schwarb den Orchesterverein Aarau geleitet.

David Schwarb verabschiedet sich als Dirigent des Orchestervereins Aarau. Mit einer einzigen Sinfonie, was zu Beginn für Skepsis sorgte.

Mit der Aufführung der Sinfonie Nr. 2 D-Dur von Johannes Brahms verabschiedet sich David Schwarb vom Orchesterverein Aarau und seinem Publikum.

David Schwarb, Sie dirigieren nun das letzte Konzert mit dem Orchesterverein Aarau, den Sie 15 Jahre lang geleitet haben. Wie ist Ihnen zumute?

David Schwarb: Einerseits ist jetzt der richtige Zeitpunkt zum Gehen. Mit einer neuen Leitung kommt frischer Wind in die Arbeit des Orchestervereins. Andererseits verspüre ich auch Wehmut: Wir haben viele schöne musikalische Momente zusammen erlebt, intensiv geprobt und begeistert konzertiert, und natürlich habe ich vieles aufgebaut.

Sie sind im Aargau aufgewachsen, Ihr Vater Egon Schwarb war eine prägende Musikerpersönlichkeit. Was hat er Ihnen mitgegeben?

Die Leidenschaft. Ich habe vier Jahre im Chor meines Vaters gesungen, im Kirchenchor Muri, da war ich noch im Gymnasium. Dann habe ich in der Aargauer Kirchenmusikschule in seiner Klasse das Dirigieren gelernt. Wie er die Leute mitreissen, sie in zwei Stunden gemeinsamem Musizieren bereichern konnte, das hat mich begeistert.

Sie haben sich für das Studium der Musikwissenschaft an der Universität Bern entschieden. Wie fliesst Ihre wissenschaftliche Ausbildung in Ihre Arbeit als Dirigent mit ein?

Für mich ist die Zusammenstellung des Programms wichtig. Meist hat man ein zentrales Werk und fragt sich, was dazu passt. Ich bin sehr neugierig, suche nach Zusammenhängen, die Sinn machen. Zudem stelle ich in den ersten Proben die Werke „analytisch“ vor, erläutere den Musikerinnen und Musikern, wie die Form gebaut ist.

Im aktuellen Programmheft kann man lesen, dass Sie ab und zu auch in ausländische Bibliotheken reisten, um ein Werk zu finden. Worauf bezieht sich das?

Ich erinnere mich, dass ich eine Aufnahme hatte mit der britischen Klarinettistin Thea King, die ein unbekanntes Klarinettenkonzert von Julius Rietz spielte. Das Stück gefiel mir sehr, also habe ich es gesucht. Doch ich fand keinen Verlag. Deshalb kontaktierte ich sie persönlich, und siehe da, die Noten hatte nur sie. So bin ich nach London gereist und habe dort zwei Wochen lang das Notenmaterial gesetzt. Danach meldete sich sogar die international bekannte Klarinettistin Sharon Kam bei mir, weil sie das Stück auch aufführen wollte (lacht).

Hauptberuflich sind Sie Musikredaktor bei Radio SRF zwei mit Fokus auf die Schweizer Musikgeschichte. Worin liegt für Sie der Reiz des Schweizerischen?

Mich interessiert einfach, was es bei uns vor der Haustür gibt. Wohl deshalb betreue ich beim Radio die Reihe „CH-Musik“. In anderen Ländern wie Skandinavien oder in den Benelux-Ländern ist es selbstverständlich, dass man die eigene Musik spielt, bei uns gibt es da grosse Hemmungen. Nehmen wir Hans Hubers Sinfonien, das sind tolle Werke.

Was unterscheidet die Orchesterarbeit mit Laien von der mit Berufsmusikern?

Man macht mit Laien einen längeren Weg, das braucht mehr Geduld. Wir beschäftigen uns über Wochen mit der Musik, vertiefen uns in die Werke. Der Reiz liegt auch im didaktischen Moment, es ist mir ein Anliegen, den Menschen die Musik möglichst nahezubringen.
Zu Ihrem Abschied wagen Sie die Aufführung der Sinfonie Nr. 2 D-Dur von Johannes Brahms.

Weshalb?

Das ist meine liebste Sinfonie überhaupt. In ihr verwirklicht Brahms idealtypisch die Verbindung der klassischen Form mit dem romantischen Geist. Dabei findet er zu einer ausgewogenen Kombination von Gefälligkeit und Tiefgang.

Sie konzentrieren sich diesmal nur auf diese eine Sinfonie, die jedoch nicht abendfüllend ist.

Ja, beide Orchester waren skeptisch, doch ich wollte mich auf dieses eine Werk konzentrieren. Deshalb ist die Werkeinführung (mit Orchester) integraler Bestandteil des Programms.

Um die beachtliche Besetzung hinzubekommen, vereinen Sie den Orchesterverein Aarau mit dem von Rüti, den Sie seit drei Jahren ebenfalls leiten. Welche Probleme stellen sich bei so einem Miteinander?

Wir dachten, dass diese Zusammenführung viele Probleme ergebe, auch hatten wir nur ein einziges Proben-Wochenende zusammen. Ich war sehr überrascht, als es überhaupt keine Probleme gab. Man war sich sympathisch und beide Ensembles haben zuvor ja mit mir geprobt. Das grösste Erlebnis für alle war wohl der grosse sinfonische Orchesterklang. Die ersten zwei, drei Minuten waren fast ein Schock für die Musikerinnen und Musiker, diesen üppigen Klang kennen wir so nicht.

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