Densbüren

«Er ist ein Teil der Familie»: Stiftung ermöglicht Beeinträchtigten die Arbeit auf Bauernhöfen

Nadia Neuhaus, Roland Nussbaum, Lars Kälin und Susann Steiner mit einem eintägigen Kalb auf dem Aemethof.

Nadia Neuhaus, Roland Nussbaum, Lars Kälin und Susann Steiner mit einem eintägigen Kalb auf dem Aemethof.

Landwirtschaft und Behinderung: Durch eine Stiftung können beeinträchtigte Menschen auf Bauernhöfen leben und arbeiten – so auch Lars Kälin auf dem Aemethof in Densbüren.

«Lars!», ruft Roland Nussbaum, Landwirt und Gemeinderat in Densbüren, die Treppe hoch. Nichts geschieht. Er ruft ein zweites Mal, seufzt, und holt sein Smartphone aus der Hosentasche. «Kommst du runter?», fragt er am Telefon und setzt sich an den Esstisch, wo seine Partnerin Nadia Neuhaus bereits Platz genommen hat. «Ich habe den Junior zwei Mal gerufen – keine Reaktion. Das Handy nimmt er nach einem Klingeln ab», erzählt er ihr. «Es ist bei allen Jungen gleich», sagt er und lacht. Im Türrahmen erscheint ein junger Mann. Er trägt ein rotes T-Shirt, seine Wangen leuchten vom Rennen in einem ähnlichen Farbton. Er beginnt mitzulachen und setzt sich an den Tisch.

Lars Kälin, 16, lebt seit August 2018 bei Roland Nussbaum und Nadia Neuhaus auf dem Aemethof in Densbüren und absolviert dort seine zweijährige Ausbildung zum Hofmitarbeiter. Vermittelt wurden die Familie und der junge Mann durch die Stiftung «Landwirtschaft und Behinderung» (LuB) aus Brugg. Lars ist in Wassen auf einem Hof aufgewachsen und hat sich deshalb für eine landwirtschaftliche Ausbildung entschieden. Neben der Arbeit auf dem Aemethof besucht er im Rahmen der Ausbildung einmal wöchentlich in Winterthur die Schule – diesen Teil findet er «nicht so cool». In die Schule sei er noch nie gerne gegangen.

Seit 25 Jahren dabei

Umso besser gefällt ihm der Alltag auf dem Hof. Seine Lieblingsaufgaben: Alles, wobei er Traktor fahren kann. «Das muss man ihm nie zwei Mal sagen», so Nussbaum lachend. Aber auch andere Pflichten gehören zu seinem Alltag, so beispielsweise Stallarbeiten, das Tränken der Kälber oder rechen – letzteres mag Lars überhaupt nicht. Aber er weiss, dass er auch die Aufgaben lernen muss, die ihm weniger gefallen. Denn er hat ein Ziel: Er will nach der Ausbildung zum Hofmitarbeiter ein eidgenössisches Berufsattest als Agrarpraktiker machen. «Und dann möchte ich den Hof meiner Eltern übernehmen», erzählt Lars. «Wenn das irgendwie geht», schiebt er leise nach. «Das geht», sagt Roland Nussbaum. «Ich habe dir immer gesagt: Du musst einfach an dich glauben.» Lars lächelt.

Mit der Betreuung von beeinträchtigten Personen auf seinem Hof hat Nussbaum bereits viel Erfahrung gesammelt. «Es war 1994, als ich auf dem Traktor sass und im Radio einen Bericht über die LuB hörte», so der Landwirt. Er habe sich sofort gemeldet. Zwei Wochen später kam eine junge Frau zum Schnuppern vorbei, eine weitere Woche später begann sie, auf dem Aemethof zu arbeiten. Seither lebten und arbeiteten sieben weitere Personen auf dem Aemethof. Einige von ihnen nur ein Jahr, andere fünf Jahre – die Stiftung bietet nicht nur Ausbildungsplätze, sondern auch Dauer- und Kurzzeitplatzierungen an. Mit Wochennend- und Ferienangeboten werden die Bauernfamilien entlastet.

Roland Nussbaum, Nadia Neuhaus und Lars Kälin passen gut zusammen. Nicht alle haben so viel Glück. «Es kann auch sein, dass es mal nicht passt und Probleme gibt», sagt Geschäftsführerin Susann Steiner. Auch in diesen Situationen stehe die Stiftung unterstützend zur Seite. Ausserdem hilft sie den Familien mit sozialversicherungsrechtlichen Aspekten, mit der Administration und der Rechnungsstellung und bietet Weiterbildungen an.

Familien gesucht

Wenn man sich entscheide, einer beeinträchtigten Person einen Platz zu bieten, dann gehöre diese zur Familie, erklärt Nussbaum. Nicht nur auf dem Hof, sondern in jedem Aspekt des Lebens. Lars sei auch im Haus ein typischer Teenager: «Wie das Rechen mag er es auch nicht, sein Zimmer aufzuräumen.» Da brauche besonders Nadia Neuhaus viel Geduld. Auch die anderen Aufgaben der Betreuung dürfe man nicht unterschätzen. «Aber es lohnt sich. Es ist unglaublich toll, zu sehen, was aus den jungen Menschen wird», sagt Nussbaum. Ausserdem sei das Zusammenleben für die Sozialkompetenz der Kinder – Nussbaum hat drei, Neuhaus zwei – vorteilhaft.

Dass er für seine Arbeit eine Entschädigung erhält, sei ein positiver Nebeneffekt. Es dürfe aber nicht der alleinige Grund sein, bei LuB mitzumachen. «Wir produzieren Bio-Produkte. Davon muss man überzeugt sein», so Nussbaum. «Davon, jemanden aufzunehmen, muss man genauso überzeugt sein.» Interessierten Bauern empfiehlt er, es im Voraus mit allen Beteiligten abzusprechen. «Wichtig ist, dass alle voll dahinterstehen. Sonst klappt das nicht», sagt Nussbaum. Landwirte, die sich dafür interessieren, werden zurzeit von der Stiftung gesucht. Denn für die hohe Nachfrage gebe es im Kanton nicht genügend Betriebe, wie Susann Steiner erwähnt.

Autor

Kelly Spielmann

Kelly Spielmann

Meistgesehen

Artboard 1