Der älteste in Aarau lebende Mann

Er ist Bergsteiger – und ein ganzes Jahrhundert auf der Welt

Stadtammann Marcel Guignard gratulliert Werner Wyssmann. Auf dem Bild über dem Ehepaar ist die Nordkante des Badile zu sehen – ein schwieriger Kletterberg.

Stadtammann Marcel Guignard gratulliert Werner Wyssmann. Auf dem Bild über dem Ehepaar ist die Nordkante des Badile zu sehen – ein schwieriger Kletterberg.

Zweiundvierzig Tritte führen hinauf zur Wohnung im 3. Stock an der Pestalozzistrasse im Zelgli. Werner Wyssmann erklimmt sie jeden Tag. Am Mittwoch wurde er 100 Jahre alt. Damit ist er der älteste in Aarau lebende Mann.

Das Jahr 1913: In Mexiko wütet die Revolution. Der erste Balkankrieg endet, der zweite beginnt. In Südafrika protestiert Mahatma Gandi gegen die Diskriminierung indischer Einwanderer. Durch den Lötschbergtunnel fährt der erste Zug. In der ganzen Schweiz gibt es rund 3000 Autos, 5000 Motorräder, keine Traktoren. Richard Nixon kommt auf die Welt. Und Werner Wyssmann.

Nixon wurde später Präsident der Vereinigten Staaten und starb 1994. Werner Wyssmann wurde technischer Angestellter bei der Aarauer Firma Kern und feierte am Mittwoch ein ganzes Jahrhundert Leben. Vor seiner Wohnung im Zelgli gleich am Waldrand gaben sich die Gratulanden die Türklinke in die Hand. Die Wohnung war voller Gäste, Blumen und Gratulationskarten.

Auch Stadtammann Marcel Guignard und Ueli Schär vom Stadtbüro überbrachten Geschenke: Eine Torte, drei Flaschen Wein und einen Blumenstrauss. Bis Ende des letzten Jahres wurden die 100-jährigen Aargauer auch von den Bezirksammännern besucht. Da diese abgeschafft wurden, überbrachte Guignard im Auftrag des Kantons Reka-Checks.

Süchtig nach den Bergen

Inmitten des Trubels sass Werner Wyssmann auf dem Sofa und sagte: «Wer hätte das gedacht.» Er erzählt wie er mit 28 Jahren während dem Aktivdienst 1940 an Tuberkulose erkrankte und eine Niere verlor.

Der Arzt beschied ihm: «Jetzt ist fertig mit der Bergsteigerei.» Für Wyssmann brach die Welt zusammen. Wann immer er konnte, war er zu den Gipfeln der Alpen geklettert. «Am Wochenende war er jeweils unterwegs», sagt seine Frau Alice, «bis am Mittwoch war er müde, am Donnerstag plante er die nächste Tour.»

Süchtig war er nach den Bergen.Dann, nach einem Jahr im Militärspital in Montana, ging er doch wieder hinauf. Zuerst sachte, dann auf die Grossen. Einmal musste er unterhalb des Weisshorngipfels auf 4300 Metern übernachten, weil der Abstieg nicht mehr zu schaffen war.

Dreimal bestieg er das Matterhorn, einmal mit seiner 12 Jahre jüngeren Frau. Die beiden blieben kinderlos und waren oft zusammen unterwegs. Werner Wyssmann sagt zu ihr: «Du warst die bessere Bergsteigerin.»

Auf jeden Fall beeindruckte sie ihn, als sie sich zum ersten Mal trafen: auf der Ramsflue ob Erlinsbach. Da sass sie so vorwitzig auf einem Felsvorsprung, dass er sagte: «Fräulein, da hätte ich Angst!» Alice lachte ihn aus, was ihn zu einem kühnen Sprung zu ihr provozierte.

Jeden Tag zur Echolinde

Verunfallt sind sie nie. Werner ging in die Berge, so lange es eben ging. Auf einem 4000er war er vor mehr als 40 Jahren das letzte Mal, pensioniert ist er seit 38 Jahren. Dafür steigt er jeden Tag die 42 Stufen hinunter auf die Pestalozzistrasse und hinauf zur Echolinde. «Das Oberholz ist jetzt mein Lieblingsberg», sagt er mit der Genügsamkeit und Vernunft des Alters.

Wyssmann ist das jüngste von sechs Geschwistern. Diese und die meisten seiner Freunde hat er verloren. Er sagt: «So ist es einfach. Ich möchte auch nicht ewig leben.» Am 100. Geburtstag aber stellte er fröhlich fest: «Es geht mir gut.» Den Arzt, der ihn einst selbstmörderisch nannte, weil er weiter in die Berge ging, hat er längst überlebt.

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