Zschokke
«Er hat die Feder mit der Tat verbunden»

Das im Zeitraum von zehn Jahren entstandene Werk des Historikers Werner Ort ist gestern Samstag im aargauischen Grossratssaal zuhanden der schweizerischen Öffentlichkeit symbolisch dem Aargauer Landammann Alex Hürzeler überreicht worden.

Hermann Rauber
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Landammann Alex Hürzeler (links) nimmt im Aargauer Grossratssaal die Zschokke-Biografie aus den Händen von Thomas Pfister entgegen; in der Mitte der Autor Werner Ort.

Landammann Alex Hürzeler (links) nimmt im Aargauer Grossratssaal die Zschokke-Biografie aus den Händen von Thomas Pfister entgegen; in der Mitte der Autor Werner Ort.

Das wahre Denkmal für einen bedeutenden Autor und eine kolossale geistig-politische Persönlichkeit ist und bleibt eine bestmögliche Biografie», erklärte Pirmin Meier am Ende seiner Festansprache.

Tatsächlich ist es nicht leicht, die Persönlichkeit dieses Mannes umfassend zu würdigen. Das gilt nicht nur für die vielen Felder von Zschokkes Wirken, der im Sockel seiner Statue im Aarauer Kasinogarten als «Schriftsteller, Staatsmann und Volksfreund» bezeichnet wird.

Der Grund liegt auch in der fast unglaublichen Schaffenskraft Zschokkes, der als Vielschreiber einen immensen Fundus hinterlassen hat. «Faszinierend, wie der junge Heinrich Zschokke 1795 als preussischer Immigrant aus widrigen Umständen Chancen machte und nutzte», erklärte Thomas Pfisterer, ein direkter Nachkomme und Präsident der Zschokke-Gesellschaft, vor der Festgemeinde.

Zschokke packte den Umbruch mit dem Untergang das Ancien Régime 1798 beim Schopf und verwirklichte in der Helvetischen Republik seine Ideale von Freiheit und Demokratie im Alltag.

Er tat dies ab 1803 nicht zuletzt im eben gegründeten Kanton Aargau, wo er in der kurzzeitigen helvetischen Hauptstadt Aarau ein günstiges Umfeld antraf. Der Aargau ist so auch heute noch «Treuhänder des Werks von Heinrich Zschokke», sagte Pfisterer.

Diesen Steilpass nahm Landammann Alex Hürzeler gerne auf. In seiner Funktion als Bildungs- und Kulturminister begegne ihm die Ausstrahlung und die Hinterlassenschaft Heinrich Zschokkes immer wieder.

«Was Zschokke damals im und für den Aargau und den schweizerischen Bundesstaat geleistet hat, hatte Signalwirkung und prägte unseren Kanton wesentlich», sagte Hürzeler vor der Festgemeinde. Das gelte nicht zuletzt für die Überzeugung, dass «die Regierenden für das Volk da zu sein haben».

Grussworte überbrachten in Aarau auch die Spitzen von zwei weiteren «Zschokke-Kantonen». So war der aus Magdeburg stammende Zschokke im Jahre 1800 helvetischer Regierungsstatthalter in Basel und musste im Konflikt zwischen der Stadt und den Bauern der Landschaft vermitteln.

Sabine Pegoraro, Regierungspräsidentin des Kantons Baselland, erinnerte an jene Zeit, die 1833 letztlich zur Trennung des Kantons führte, trotz Zschokke, der als Gesandter der Tagsatzung ausdrücklich zu einem Ausgleich und zur Versöhnung riet. «Hätte man damals auf Zschokke gehört, müssten wir heute nicht über eine Wiedervereinigung debattieren.»

Von der «staatsrechtlichen Bedeutung eines Koffers» berichten konnte Elita Florin-Caluori, die Bündner Standespräsidentin.

Dank dem verspätet eingetroffenen Gepäckstück blieb Heinrich Zschokke 1796 länger als geplant in Graubünden. Als Lehrer des Seminars in Reichenau verfasste er einen Entwurf für eine Bündner Verfassung, ein Konzept, das heute noch sichtbare Spuren aufweist.

Als wortgewaltiger Rezensent der Biografie Zschokkes entpuppte sich der historische Schriftsteller Pirmin Meier. In seine Laudatio an den Autor vermischte er aber auch persönliche Akzente im Leben und Wirken der Hauptperson, dem «Aufklärung und Unterhaltung des Publikums lebenslang ein Anliegen war».

Zschokke sei beseelt gewesen von «einem unerhörten und meistens auch erfolgreich umgesetzten Reformwillen».

Der selbstverantwortliche Mensch stehe dabei nicht als Individuum für sich allein, sondern «der Mensch steht bei den Leuten», führte Meier weiter aus.

Ein «Schmiermittel der Kommunikation» sei für Zschokke die Bildung gewesen. Eine zeitlose Metapher, die zeigt, wie aktuell das Werk von Zschokke heute noch ist.

Werner Ort gab sich trotzt der mannigfachen Lorbeeren bescheiden. Wenn dank der Biografie nun «der Dialog mit Heinrich Zschokke neu beginnt, so muss der Autor in den Hintergrund treten». Trotzdem erhielt der Historiker am Ende der Veranstaltung den verdienten Applaus, ist es doch auch ihm wie Zschokke selbst gelungen, «die Feder mit der Tat zu verbinden».

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