Gefühlter Schotte
Entfelder Unikat: Er pendelt täglich im Schottenrock zur Arbeit nach Zürich

Joachim Morgenthaler ist ein Paradiesvogel. Er spricht Gälisch und fertigt schottische Kilts – damit ist er nur einer von zwei Personen in der ganzen Schweiz, der dieser Beschäftigung nachgeht.

Ann-Kathrin Amstutz
Merken
Drucken
Teilen
Joachim Morgenthaler trägt nicht nur Kilts, sondern stellt sie in der «Stoff-Fältnerey» selbst her.

Joachim Morgenthaler trägt nicht nur Kilts, sondern stellt sie in der «Stoff-Fältnerey» selbst her.

Ann-Kathirn Amstutz

Ein Mann, ein Kilt. Joachim Morgenthaler (50) aus Oberentfelden sieht aus wie ein schottischer Highlander. Lange rötliche Haare, in einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Rotgrauer Bart, die Enden des Schnurrbarts kunstvoll hochgezwirbelt. Gerne genehmigt er sich eine Pfeife. «Sie dürfen auch rauchen hier drin, wenn Sie mögen», sagt er freundlich und bringt ein Glas Wasser. Glas? Nein, es ist ein mittelalterlich aussehender Trinkpokal. Alles ist aussergewöhnlich an Joachim Morgenthaler und seiner Wohnung, die er zusammen mit Partnerin Sabrina Renner, zwei Maine-Coon-Katzen und zwei Kornnattern bewohnt.

Joachim Morgenthaler trägt nicht nur Kilts, sondern stellt sie in der «Stoff-Fältnerey» selbst her.

Joachim Morgenthaler trägt nicht nur Kilts, sondern stellt sie in der «Stoff-Fältnerey» selbst her.

Ann-Kathirn Amstutz

Unter den Kilt schauen – so nicht

Am Stubentisch erzählt Morgenthaler von seinem seltsamsten Erlebnis im Kilt: «Als ich einmal am Bahnhof herumstand und eine Bratwurst ass, hat eine Touristin von hinten meinen Kilt angehoben und darunter geschaut. Sie glaubte, ich sei irgendein Clown und man dürfe das sowieso.» Dieser Frau hat Morgenthaler ordentlich die Leviten gelesen. Das ist jedoch ein Einzelfall gewesen. Häufiger sind die positiven Erlebnisse, ein anerkennendes Lächeln oder Nicken. «Die Schweizer sind diskret und äussern sich vor allem durch Gesichtsausdrücke. Nur selten werde ich auf den Kilt angesprochen.»

Joachim Morgenthaler pendelt täglich im Zug von Oberentfelden nach Zürich, wo er als Projektleiter im Logistikbereich arbeitet. Und er trägt immer den Kilt. Im Geschäft heisst es: «Ah, der mit dem Kilt!» Grundsätzlich trennt der 50-Jährige aber streng zwischen Arbeit und Freizeit. Das kommt nicht immer gut an: «Ich gehe nie mit den Kollegen auf ein Bier. Das Arbeitsumfeld blende ich nach Feierabend aus, es ist mir zu reglementiert und stier. Zu bünzlig.»

Zwei Kilt-Maker in der Schweiz

Lieber verbringt Morgenthaler Zeit mit Gleichgesinnten und Hobbys, die ihm Freude bereiten. Er erzählt, wie er die Leidenschaft für Kilts und Schottland entdeckt hat: «Früher war ich in der Gothic- und Mittelalterszene unterwegs. Vor neun Jahren sah ich an einem Schiessanlass in Deutschland einen Schotten in Vollmontur. Da wusste ich: So etwas will ich auch!»

Mit Feuereifer ging Morgenthaler zur Sache und lernte im Internet-Selbststudium das Handwerk der Kilt-Maker. Später reiste er zum ersten Mal nach Schottland, wo er einem traditionellen Meister über die Schulter schauen durfte. «Damals hatte ich schon etwa 50 Kilts gefertigt, doch er konnte mir noch einige Geheimnisse verraten.»

Es ist eine Marktlücke: Schweizweit fertigt neben Morgenthaler nur noch eine Frau aus der Ostschweiz Kilts. Sie benutzt eine Nähmaschine, während er ausschliesslich von Hand näht. «Ich schätze das Meditative und Gemütliche an der Handarbeit. Zudem gibt es immer ein ‹Gnosch› unter der Maschine.»

8000 verschiedene Muster

12 bis 15 Stunden Zeit braucht Morgenthaler für einen Kilt. Rund 200 Stück hat er schon hergestellt. Nicht nur für den Eigengebrauch: Seine «Stoff-Fältnerey» verkauft die Kilts an Märkten (siehe unten) und nimmt Aufträge für massgeschneiderte Exemplare entgegen. Ein guter Kilt ist nicht ganz billig: Morgenthalers Produkte kosten 500 bis 600 Franken, davon entfällt die Hälfte allein auf Stoffkosten. Die hochwertigen Stoffe bezieht der Kilt-Maker aus Schottland. Wer glaubt, beim Stoffmuster werde es bald einmal langweilig, täuscht sich gründlich: Es gibt über 8000 verschiedene Muster, sogenannte Tartans.

Mittlerweile ist Morgenthaler viermal in Schottland gewesen und spricht ein wenig Gälisch. Viele seiner Freunde sind ebenfalls vom Land und dessen Kultur begeistert: «Etwa ein Drittel meiner Freunde trägt Kilt. Allerdings laufen die meisten nur in der Freizeit darin herum.»
Was würde der Experte einem Mann raten, der sich einen Kilt wünscht, aber den Mut nicht findet, ihn zu tragen? «Sich schrittweise daran gewöhnen. Zuerst einmal zu Hause anziehen, im geschützten Rahmen. Dann auf einen Mittelaltermarkt gehen, dort laufen alle speziell gekleidet herum. Irgendwann ist man vielleicht so weit, den Kilt an Nachbars Grillparty zu tragen.»

Er lebt seine Individualität

Er selbst ist der Meinung: Aussergewöhnliche Männer dürfen Aussergewöhnliches tragen. Morgenthaler lebt seine Individualität und kümmert sich nicht darum, was andere über ihn denken. Das ist nicht allen Menschen gegeben: «Ein Feuerwehrkollege hat einmal zu mir gesagt: ‹Es bräuchte eigentlich mehr solche Paradiesvögel wie dich.›»

Kilts, Dudelsäcke und Whisky

Einmal pro Jahr öffnet in Schönenwerd die Scotch Malt Whisky Society der Öffentlichkeit ihre Türen. Anlass dafür ist der Schottische Markt. Am 29. Oktober, von
11 Uhr bis 16 Uhr, findet dieser zum 14. Mal in der Bar und auf dem Rasen vor dem Members’ Room an der Entfelderstrasse 7 statt. Der Markt hoch über dem Dorf vereint fast alles, was die schottische Kultur zu bieten hat. Bei Joachim Morgenthalers «Stoff Fältnerey» erhalten die Gäste einen Einblick ins Kilt-Maker-Handwerk. Zudem kann vor Ort ein handgeschneiderter Kilt bestellt werden. Bei «Fornax Fabularum» schmieden Besucher eine eigene Fibel oder ein Hufeisen. Für die Musik sorgen die «Black Sheep Pipers» aus Solothurn. Auch kulinarisch hat der Markt einiges zu bieten: An mehreren Ständen gibt es für die Gäste schottische Spezialitäten wie traditionellen Haggis oder Loch Fyne Lachs.

Die Scotch Malt Whisky Society bietet wie immer Degustationen an: Das Highlight ist die Spezialabfüllung eines Single Cask Whiskys, wobei alle Flaschen aus einem einzigen Fass abgefüllt werden. (aka)