Aarau
Entdeckung in Stadtkirche: Unter dickem Staub kommt gläserner Schatz ans Licht

Zwei Kisten im Stadtkirche-Keller geben ein Geheimnis preis, das 40 Jahre lang gehütet wurde. Der Aarauer Gemeindepfarrer und eine az-Redaktorin entdeckten zufällig – wenig später wird er gehoben.

Katja Schlegel
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Pfarrer Christian Bader und Reto Nussbaumer, kantonaler Denkmalpfleger, mit einer der Ersatzscheiben für die Guignard-Fenster.

Pfarrer Christian Bader und Reto Nussbaumer, kantonaler Denkmalpfleger, mit einer der Ersatzscheiben für die Guignard-Fenster.

Mit einem erschöpften Kreischen ergeben sich die Nägel Hammer und Stechbeutel, fahren aus den Brettern, in denen sie die letzten 40 Jahre eingezwängt lagen. Was wohl unter den Brettern liegt? Worauf sie gleich den Blick freigeben werden?

Es ist der Gwunder, der uns treibt. Die Spannung beim Blick ins Verborgene, in die dunklen Winkel, die nüchternen Kellerlöcher. In einem solchen Raum haben Christian Bader, Aarauer Gemeindepfarrer, und die Schreibende die beiden Holzkisten vor ein paar Wochen gefunden, bei einem spontanen Rundgang.

Unten an der stotzigen Treppe, im Felsen unterhalb der Stadtkirche. Nicht versteckt, aber gewohnt und deshalb wohl unauffällig. Der Staub, der dicht auf den Etiketten liegt, klebt schwarz an den Fingern. «Reserveglas Stadtkirche Aarau» steht darauf, daneben ein Inventar mit Formaten, eine Adresse: «Glasmalerei Wüthrich, Nachf. Konrad Vetter». Was für Gläser, aus welcher Zeit? Für welche Fenster? Keiner weiss es.

Die beiden Kisten müssen vor rund 40 Jahren per Zug nach Aarau transportiert worden sein
9 Bilder
Dicker Staub klebt auf den Etiketten
Ganz unscheinbar stehen die Kisten im Keller der Stadtkirche
Pfarrer Christian Bader hebelt mit Hammer und Stechbeutel die Kiste auf
Ein erster Blick in eine der beiden Kisten
Die Scheiben stecken gut gepolstert zwischen Wellkarton und Holzwolle
Pfarrer Christian Bader und Reto Nussbaumer, kantonaler Denkmalpfleger, bestaunen eine Scheibe
Nahaufnahme von einer der Scheiben
Künstler Guignard und Glasmaler Vetter haben die Fenster gemeinsam gezeichnet

Die beiden Kisten müssen vor rund 40 Jahren per Zug nach Aarau transportiert worden sein

Annika Bütschi

Wir brechen die Kisten auf. Bader hämmert zaghaft. Reto Nussbaumer, der kantonale Denkmalpfleger, steht daneben und stellt Vermutungen an. Auch ihn hat die Neugierde angelockt, auch wenn er sich das Entdecken kleiner Geheimnisse gewohnt ist.

Es sei nicht ungewöhnlich, meint er, dass in Kirchen Glasscheiben aufbewahrt würden, klassisch gelagert in exakt solchen Kisten wie hier. Oftmals seien es alte Gläser, die in der Nachkriegszeit ausgewechselt wurden, seltener Ersatzgläser für den Fall von Steinwürfen und Hagelschlag. Er erzählt von der Herstellung der Gläser, von Farbverläufen, von gezogenen Scheiben – dann hebt Bader den Deckel hoch.

Die Gläser stecken zwischen Holzwolle und Wellkarton. Die meisten Scheiben sind gross, fast so gross wie die Kiste. Eigentlich fasse er solche Funde nur im Notfall an, meint Nussbaumer, zieht dann aber eine kleine Scheibe aus ihrem Nest und hält sie ins Licht. Auf der einen Seite ist sie in einem Gelbton gehalten, auf der anderen bläulich. Bewegt man sie im Licht, schimmert sie wie die Innenwand einer Muschel. Es sind eindeutig die Ersatzgläser für die Seitenschifffenster von Kunstmaler Roland Guignard. Zwischen 1968 und 1970 hat er die Fenster zu den acht Gebetsabschnitten des Unservaters gestaltet, abstrakte Werke in ruhigen, zurückhaltenden Farben, als Kontrast zu den farblich wuchtigen Chorfenstern von Felix Hoffmann. Für uns Laien steht fest: Wir haben einen Schatz gefunden.

«Das konnte kaum einer bezahlen»

Und was sagt der Experte?«Überfangglas, zusammengebrannte Scheiben. Irrsinnig schönes Glas». Ist das wertvoll? «In dieser Qualität und Quantität ist so ein Fund eher ungewöhnlich.» Beziffern kann Nussbaumer den Wert nicht, aber eines steht fest: «Als Einzelbestellung in genau diesen Farben und Glasoberflächen könnte das heute kaum einer bezahlen.»

Bezahlen – das richtige Stichwort. Das Fieber hat uns gepackt. Entwürfe, Berichte, Abrechnungen; irgendwo müssten doch Unterlagen zu diesen Fenstern zu finden sein, zur Geschichte, dass sowohl Guignard als auch Hoffmann Entwürfe für diese Seitenschifffenster erarbeitet haben.

Und tatsächlich: Es gab keine öffentliche Ausschreibung, Guignard und Hoffmann wurden eingeladen, Entwürfe zu gestalten. Im Archiv findet sich ein Bericht der Expertenkommission, datiert vom 30. Mai 1967: Guignards Entwürfe passten besser zur schlichten, spätgotischen Architektur der Stadtkirche und seien so eine gute Ergänzung zu den Chorfenstern.

Die Abrechnung für die Herstellung und den Einbau der Fenster belief sich auf 107 000 Franken. Auch aufgelistet sind die 49 Franken, die das Bauamt für das Gerüst verrechnete. Und die 153 Franken für ein Znacht für das Preisgericht.