Hotel Kettenbrücke 1910
«Elektrisches Licht» und Stall beim Haus: Alles für 1 Franken pro Nacht

Mal war das Vierstern-Hotel «Kettenbrücke» eine Taverne, dann ein Wellnessbad und schliesslich ein Bierlager. Und um ein Haar wäre das Haus auf «Bellevue» getauft worden.

Hermann Rauber und Katja Schlegel
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Kettenbrücke Aarau
13 Bilder
Das Inserat aus dem Jahr 1910.
Eine undatierte Menukarte aus der Ära Frey
Mina Frey hat über jeden Anlass in der Kettenbrücke Buch geführt
Der Menuplan vom 13. März 1932 für Ostern.
Werbe-Ansichtskarte aus der Zeit von Wirt August Schilling, um 1905. Stadtarchiv Aarau
Undatierte Aufnahme des Restaurants aus dem Fotoalbum von Mina Frey. Stadtarchiv Aarau
Undatierte Aufnahme aus dem Fotoalbum von Mina Frey. Stadtarchiv Aarau
Der Chetti-Stammtisch, genannt Ententeich. Stadtarchiv Aarau
Mina Frey mit ihren Zetteln, Aufnahme von 1981. Stadtarchiv Aarau
So sahen die Hotelzimmer in der Ära Frey aus. Stadtarchiv Aarau
Der Blick in den grossen Saal mit Platz für bis zu 400 Gäste. Stadtarchiv Aarau.
Früher wuchs das Gemüse fürs Restaurant noch auf dem Pflanzblätz am Fuss der Kettenbrücke. Stadtarchiv Aarau

Kettenbrücke Aarau

Zur Verfügung gestellt

Im «Gasthof zur Kettenbrücke» am Zollrain bekommt man etwas für sein Geld: nicht nur ein «gutes, reinliches Bett» im «bestrenommiertesten Haus», sondern auch «elektrisches Licht» und eine «Gaststallung beim Hause». Und das alles für ein bis zwei Franken, die Tagespension gibt es schon für drei Franken, «den Herren Geschäftsreisenden speziell empfohlen». So steht es zumindest im Inserat aus dem Jahr 1910. Es ist die Zeit, in der die «Kettenbrücke» ihren schlechten Ruf abschüttelt.
Die Geschichte der Liegenschaft ist lang und abenteuerlich. Erst wollte sie keiner haben: Der bis 1830 errichtete Rohbau des neuen Zollhauses bleibt wegen Geldmangels unvollendet. Die Stadt will es verkaufen, um den Erlös in den Bau einer neuen Brücke zu stecken (die alte Brücke hat ein Hochwasser mitgerissen). Doch trotz aller Bemühungen wird der Rohbau erst 1838 von Hauptmann und Lederhändler Johann Georg Hagnauer ersteigert. Er nutzt das auf der Liegenschaft verbriefte Tavernenrecht und richtet die Gaststätte «Zu den drei Sternen» ein. Mit dem Bau des solideren Aareübergangs 1840 wird das Haus in «Zur neuen Brücke» umbenannt und um eine Scheune erweitert. Dann wechselt das Haus mehrfach seinen Besitzer: 1842 übernimmt Xavier Grob aus Cham das Gasthaus. Grob ist als Eigentümer einer Camera obscura der erste Aarauer «Kino»-Besitzer. Ab 1847 führt ein J.J. Grob aus Flawil den Betrieb, jedoch mit fragwürdigem Erfolg: Im Gemeinderatsprotokoll von 22. März 1850 wird das Haus als «übelbeleumdet» bezeichnet.
Mit der Konstruktion der Kettenbrücke bekommt das Haus 1852 unter Besitzer Samuel Geissberger schliesslich seinen definitiven Namen «Kettenbrücke» – obwohl er es anscheinend erst «Bellevue» nennen wollte. Um 1860 versucht ein Samuel Fricker mit einer «Badwirtschaft» mit «kalten und warmen Aarebädern» unter dem schicken Titel «Bain de l’Aar» sein Geld zu machen. Doch mit der Herrlichkeit ist es bald vorbei. In die Bade-Hallen zieht eine private Brauerei ein. Später unterhält die «Actienbrauerei Basel» jahrelang ein Depot.
Vom Bierlager zum Hotel
Mit der Umnutzung zum Hotel taucht um 1910 der südliche Anbau mit einem grossen Saal und Theaterbühne auf. Um 1916 wird das Hauptgebäude zur Flussseite hin mit einem Sockelvorbau und einer Terrasse erweitert, ebenso werden der Tanzsaal, die Waschküche, der Heuboden mit Stall, der Wein- und der Eiskeller sowie die Spedition und eine Spülerei um- und eingebaut.
Im Jahr 1920 beginnt die Ära Frey auf der «Kettenbrücke», die mehr als sechs Jahrzehnte dauern wird. Anfänglich wirtet der gelernte Metzger Emil Frey. Nach dessen Tod übernimmt Witwe Sophie Frey-Zimmermann das Geschäft. 1943 beginnt die zweite Generation mit Sohn Emil und Mina Frey Zimmerli, die ab 1960 als Witwe den Betrieb bis 1982 weiterführt.
Das sind die Jahre, in denen sich die «Kettenbrücke» zum gesellschaftlichen und gastlichen Zentrum Aaraus entwickelt. Während am Stammtisch – im Volksmund wird er Ententeich genannt – die Arbeiter ihr Feierabendbier trinken und Pontoniere fachsimpeln, tagt im ersten Stock der Lions-Club Aarau im Säli. Gern gesehen sind sie aber alle: Militaristen, Rösseler, Pfarrherren, Stadtpolizisten, Briefträger, Jasser oder Mitglieder der Fischerzunft. Über Mittag sitzen die Senioren an den Tischen, am Abend mischen sich die Hotelgäste unter die Restaurantbesucher und am Sonntag führen die Herren ihre Familien zu «Poulet und Braten» in der «Kettenbrücke» aus.
Auch im Saal herrscht ständig Betrieb: Parteien und Verbände kommen für ihre Anlässe zusammen, an den Wochenenden finden auf den Bühnen Konzerte, Filmvorführungen und Theaterabende statt. Immer auf den Beinen, von frühmorgens bis zur Polizeistunde: Wirtin Mina Frey, die für alle ein offenes Ohr hat – und ein fabelhaftes «Zettel-System», dank dem ihr nichts entgeht, was von der Küche oder aus dem Keller auf den Tischen landet.
Fast Casino, dann Club
1982 hat die Ära Frey ein Ende. Die Familie verkauft die Liegenschaft dem Bauunternehmen Zubler AG und dem Gipser Rudolf Wernli. Mitte der Neunzigerjahre existieren Pläne, ein Casino einzurichten. Die Idee wird aber wieder aufgegeben. Später ziehen die Disco «Kettenbrücke Aarau», kurz KBA, und die «Opium Lounge» in die Liegenschaft ein, die Partygänger aus dem ganzen Mittelland nach Aarau holen. Im Oktober 2013 werden die beiden Lokale geschlossen.