Naturama

Elefantendame Jenny kommt heim nach Aarau

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Der einstige Museumsliebling wird 20 Jahre nach seinem Auszug zurück ins Naturama nach Aarau gebracht.

Siebzig Jahre lang stand die ausgestopfte Jenny im Aargauer Natur- und Heimatmuseum in Aarau zwischen Plastikhalmen und künstlichem Bambus. Als das Museum 1998 modernisiert und zum heutigen Naturama umgebaut wurde, wurden Exoten oder Präparate ohne wissenschaftliche Bedeutung ausrangiert.

Auch Elefantendame Jenny. Doch jetzt lässt das Naturama exklusiv die Katze aus dem Sack: Nächste Woche kommt Jenny zurück. Mit Kran, Pauken und Trompeten, als Highlight im Naturama-Kalender.

Der Grund für Jennys Rückkehr liegt in der neuen Naturama-Sonderausstellung «Fragile – gesammelt, gejagt, erforscht», die Ende April eröffnet worden ist. «Die Ausstellung dreht sich um Präparate mit ganz besonderen Geschichten», sagt Pia Viviani, Kommunikationsverantwortliche im Naturama. Bei der Suche nach speziellen Objekten sei dem Team natürlich Jenny in den Sinn gekommen.

So stand Jenny während siebzig Jahren im Natur- und Heimatmuseum in Aarau.

So stand Jenny während siebzig Jahren im Natur- und Heimatmuseum in Aarau.

«Es gibt wohl wenige Museumsstücke, die eine so spannende und blutrünstige Geschichte haben wie Jenny.» Denn der zahme Eindruck der grauen, gutmütigen Riesin, jahrzehntelang Liebling aller jugendlichen Museumsbesucher, täuscht. Jenny hat drei Menschenleben auf dem Gewissen.

Woher Jenny stammt, ist nicht ganz klar. Sicher ist, dass sie Anfang des 20. Jahrhunderts in der Wildnis gefangen wurde, vielleicht in Myanmar, vielleicht in Nepal. In Europa wurde sie für die Manege gezähmt, machte als «Miss Jenny» Männchen für das Publikum des Zirkus Krone.

Eingeübt nicht mit Geduld und gutem Zureden, sondern mit Gewalt. Jenny wehrte sich, der Dompteur starb an seinen Verletzungen. Damit war die Elefantendame zu gefährlich geworden für Zirkuspersonal und Publikum. 1919 wurde sie an den Basler Zolli verkauft.

Jenny tötet Wärter

Vier Jahre lang stand Jenny brav hinter den Gitterstangen in ihrem Gehege. 1923 tötete sie ihren ersten Wärter, 1928 den zweiten. Im Bericht in der Rheinfelder Zeitung vom März 1928 schildert ein Augenzeuge, Jenny habe den Wärter mit dem Rüssel gepackt und gegen die Eisenstangen des Geheges geschlagen.

Nur Minuten vor dem Angriff soll der Wärter noch mit einem Besucher über den Umgang mit einem solchen Tier gesprochen haben. Seine letzten Worte erklären wohl auch, weshalb sich Jenny gewehrt hat: «Man muss ihm doch auch Respekt einflössen.»

Jenny überlebte diesen Gegenangriff nicht. Nur einen Tag nach dem Drama wurde sie von einem Afrikaforscher erschossen, ein zweiter Jäger doppelte zur Sicherheit nach.

So beginnt die Geschichte von Jennys Aufenthalt in Aarau. Biologie-Professor Paul Steinmann, Lehrer an der Alten Kantonsschule und Direktor des 1922 eröffneten Museums für Natur- und Heimatkunde, erfuhr, dass beim Zolli Basel eine Elefantenhaut zu haben sei, und meldete Interesse an.

Statt der blossen Haut kam aber ein ganzer Elefant am Bahnhof Aarau an. Steinmann zögerte nicht lange und holte sich ein paar Schüler, um den Kadaver zu zerlegen. Während die Haut zu einem Präparator nach München geschickt wurde, hängte Steinmann die Knochen zur Reinigung in einem Metallkäfig für ein paar Tage in die Aare. Das Elefantenfleisch wurde vor dem Museum verkauft, um die Museumsfinanzen aufzupolieren.

Eine unglaubliche Geschichte. Eine, die auch nach ihrem Auszug aus dem Museum in Aarau 1998 noch lange nicht zu Ende ging. So hat unter anderem ein Künstler mit grossem Namen der guten Jenny ein Makeover verpasst – aber dazu nächste Woche mehr. «Ein paar Anekdoten wollen wir uns für Jennys Ankunft nächsten Freitag aufheben», sagt Pia Viviani.

Nur so viel: Angeliefert wird Jenny in Anwesenheit des Künstlers mit Lastwagen und Kran, stehen wird sie auf der Dachterrasse des Naturamas. Aus Platzgründen. Mit Jennys Rückkehr läutet das Naturama ausserdem das neue Kulturprogramm ein.

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