Küttigen/Klingnau

Einzigartige Kreationen: «Ich ging durch ein Tief und fand zu meiner künstlerischen Seite zurück»

Seine Tage verbringt er vor dem Computer. Aber sobald Reto Bochsler nach Hause kommt, kann er seine kreative Seite ausleben: An seiner Drechselbank kreiert er einzigartiges Schreibwerkzeug, Nassrasierer und Rasierpinsel.

Es riecht nach Holz und Leim. An der Wand stehen Schubladenschränke gefüllt mit Zifferblättern, Holz, Füllfederköpfen und Rasierpinsel-Köpfen. Auf der linken Seite des Raumes ein Tisch mit Lupenleuchte, gegenüber eine Drechselbank. Leise summt ein Luftfiltergerät. «Hier in meiner Werkstatt sitze ich stundenlang über der Lupenleuchte und lege in filigraner Handarbeit die Teile für meine Kreationen aus, bevor ich die Hülsen bestücke, begiesse und aushärten lasse. Danach stelle ich mich an die Drechselbank und drechsle mit viel Feingefühl», erklärt Reto Bochsler mit leuchtenden Augen.

Reto Bochsler, 49, lebt in Küttigen. Er arbeitet als Senior System Engineer bei der Firma UMB AG. Geboren und aufgewachsen ist er in Klingnau. Nach abgeschlossener kaufmännischer Lehre im Verkauf arbeitete er einige Jahre in verschiedenen Unternehmen. Sein Informatikwissen und seine Begabung für das Programmieren führten dazu, dass er vor 20 Jahren in den IT-Bereich wechselte. Ein Job, den er sehr gerne macht, aber der ihn nicht vollends erfüllt. «In meiner Brust schlägt ein Pionier-Herz», sagt Bochsler. «Ich bin ein Tüftler und Macher.» Bereits in frühen Jahren interessierte er sich für Modellflugzeuge. Später begann er sich für Drohnen, Drohnenaufbau und Filmaufnahmen zu interessieren.

Nach einem Schicksalsschlag veränderte sich sein Leben: «Ich ging durch ein Tief und fand zu meiner künstlerischen Seite zurück.» 

Drehbank auf Riccardo gekauft

Es war auf einem Mark in Laufenburg, als Reto Bochsler wunderschöne, gedrechselte Holzpfeffermühlen ins Auge fielen. Zurück in der Wohnung, setzte er sich an den Computer und erwarb auf Riccardo eine Drechselbank, inklusive Werkzeug und eines halben Kubikmeters Holz. Der Keller wurde zu einer Werkstatt umfunktioniert und der IT-Spezialist begann zu drechseln: «Ich habe Bücher gelesen und YouTube-Videos geschaut, aber es reichte nicht, um das Drechslerhandwerk zu erlernen.»

Er machte eine Ausbildung beim Drechsler Ruedi Greub in dessen Drechsel-Atelier. «Er war ein sehr guter, aber auch strenger Lehrer. Ich wäre ein paar Mal fast gegangen», erzählt der 49-Jährige. Er ist ein Stehaufmännchen und hat durchgehalten.

Heute hat er eine tolle Beziehung zu seinem einstigen Lehrer. Die alte Drechselbank musste unterdessen einer Profidrechselbank weichen. «Ich habe auf einem Fiat gelernt, heute arbeite ich auf einem Bentley», erklärt Bochsler und lächelt.

Kreationen mit Uhrenteilen

Als es darum ging, was für Produkte er herstellen will, bewies Bochsler wieder Pioniergeist: «Ich wollte nicht einfach einen Holzlöffel oder Holzbecher machen. Es sollte ein Produkt sein, das man mitnehmen kann.» Und so begann er, Kugelschreiber und Füllfederhalter aus Holz zu drechseln. Später kamen Nassrasierer und Rasierpinsel hinzu.

Auch bezüglich Materialien und Design setzte sich Bochsler keine Grenzen und liess seiner Fantasie freien Lauf. So verwendet er heute Materialien wie Carbon, Gold, Tannenzapfen, Metallpulver, und sogar Leiterplatten. Seine Spezialität sind Kreationen mit Uhrenteilen. «Wir leben in einem Uhrenland. Ich begann also Uhren auseinanderzunehmen und die Hülsen mit Zifferblättern, Zahnrädern und Zeigern in Feinarbeit zu bestücken», sagt der Küttiger.

«Das Material beziehe ich von verschiedenen Fachgeschäften, es ist von höchster Qualität. Ich verwende keine Plastikteile», so Bochsler. Er hält einen seiner Kugelschreiber vorsichtig in den Fingern. Als er von dem Material und der Verarbeitung spricht, fährt er langsam mit dem Zeigefinger über die Oberfläche des Schreibers: «Jede Kreation ist ein Unikat in höchster Präzision.» Woher kommt seine Inspiration für die verschiedenen Designs? «Die Inspiration kommt aus meinem Innern. Sie sprüht aus mir heraus. Manchmal entsteht eine Idee, während ich bereits am Arbeiten bin.» Wichtig für seinen Arbeitsprozess sei auch Musik; oft spielten die Songs des deutschen Musikprojekts Schiller im Hintergrund, wenn er wieder einmal stundenlang in seiner Werkstatt sitze.

Mundpropaganda

Zu seinen Interessenten gehören Privatleute, Sammler und auch Firmen. Je nach Kreation können seine Produkte zwischen ein paar 100 und ein paar 1000 Franken kosten. Die Werbung läuft vornehmlich über Mundpropaganda. Er befinde sich noch in der Start-up-Phase, erklärt er. «Als Nächstes kommt noch eine Website.» Einen grossen Erfolg konnte Bochsler letzten Juni verbuchen, als der ‹Rasor Shop› (ein Fachgeschäft für Rasiergeräte) in Zürich begann, seine Nassrasierer und Rasierpinsel auszustellen.

Reto Bochsler ist noch lange nicht fertig mit Ausprobieren und Experimentieren: «Ich möchte einen Kugelschreiber kreieren mit einem Zigarrenblatt», erzählt er. Träume können wahr werden.

Autor

Kim Barbara Wyttenbach

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