Grüne Einwohnerräte halten weniger lang durch – gegen diese Aussage wehrt sich Markus Hutmacher, Fraktionspräsident von Grüne und Jetzt!. Fünf Rücktritte verzeichneten die Grünen – bei einer Ratsstärke von sechs. Hutmacher findet jedoch, wenn alle per Ende Legislatur zurücktreten würden, bedeute das auf einen Schlag einen grossen Know-how-Verlust. Und: «In unserer Fraktion beteiligen sich alle an den Diskussionen und reichen Anträge ein. Es gibt keine Hinterbänkler, das ist es, was zählt.» Ausserdem seien in dieser Legislatur zwei langjährige Einwohnerräte zurückgetreten.

Tatsächlich absolvierten Daniel Schneider und Mariette Patry zwei Legislaturen (8 Jahre). Die durchschnittliche Amtsdauer verbessert dies aber wenig: Die Grünen erreichen mit 3,6 Jahren die kürzeste Verweildauer im Aarauer Parlament.

Durchschnitt bei 5,5 Jahren

Die Amtszeit im ganzen Rat beträgt im Schnitt 5,5 Jahre. Die Zahl beruht auf der bisherigen Amtszeit aller 72 Personen, welche von 2009 bis 2013 im 50-köpfigen Einwohnerrat sassen. 22 davon sind inzwischen zurückgetreten – knapp die Hälfte.

Auf die Parteien heruntergebrochen, beeinflussen bei kleinen Parteien einzelne Einwohnerräte den Durchschnitt stark: So kommt die Gruppierung «Jetzt!» mit ihrer einzigen Vertreterin Lelia Hunziker auf 8 Jahre. Die CVP erreicht den höchsten Durchschnitt (8,4) wegen Sonja Eisenring. Die Einwohnerrätin ist seit 1996 im Amt – 18 Jahre, das ist Rekord im Aarauer Parlament.

Die drei grössten Parteien, SVP, SP und FDP, gruppieren sich denn auch um den Gesamt-Durchschnittswert von 5,5 Jahren. Die SVP steht mit 6,3 Jahren Amtsdauer am besten da.

Die Einwohnerräte sind sich einig: Man braucht fast eine ganze Amtszeit, um sich im Ratsbetrieb auszukennen. Die meisten finden deshalb, Einwohnerräte sollten zwei Legis-
laturen im Amt bleiben.

Momentan gibt es nur 19 Einwohnerräte, die mehr als 4 Jahre im Rat sind. Das heisst: Die Hauptlast verteilt sich auf wenige Schultern. Dabei lohnt es sich, nicht gleich aufzugeben, finden die Alteingesessenen. Die Ratsarbeit werde mit den Jahren immer spannender. Dann nämlich, wenn die Einwohnerräte Fraktionschefs oder Mitglied von Kommissionen werden. «An den Einwohnerratssitzungen sind die Meinungen längst gemacht, es geht bloss ums Abstimmen», sagt Hanspeter Hilfiker (FDP; 10,5 Jahre). «Das Interessante läuft im Vorfeld in den Kommissions- und Fraktionssitzungen.»

Erfahrung nötig, um nachzuhaken

«Die meisten Projekte wie der Bahnhof, die Keba oder das Stadion dauern länger als eine Legislatur», sagt Hans Fügli (SP; 9,5 Jahre), «da braucht es Erfahrung, um nachfragen zu können.» Das sagt auch Lelia Hunziker und erzählt von Abstimmungen, bei denen Ratsmitglieder zur falschen Zeit aufgestanden seien, weil sie die Frage nicht verstanden hätten. «Ich profitierte am Anfang extrem von den älteren Räten. Es braucht das Ratsgedächtnis», sagt Hunziker.

Auch Ueli Hertig (Pro Aarau, 12 Jahre) findet: «Wir bräuchten mehr Kontinuität im Wissen und in der Vernetzung.» Hertig findet es aber nicht schlimm, wenn Fragen schon nach zwei Jahren wieder gestellt werden: «Es gibt manchmal plötzlich neue Sichtweisen und Geschäfte werden durchsetzbar.»

Oliver Bachmann (SP, 10,5 Jahre) sagt, er habe immer sehr von Lotty Fehlmann Starks Erfahrung profitiert. Kurze Amtszeiten findet er jedoch weniger schlimm: «Klar ist die Arbeit in einem eingespielten Team einfacher, aber neue Leute mit neuen Ideen und Kontakten tun auch gut.»

Kandidat muss mit Wahl rechnen

Was raten die Erfahrenen den neu Kandidierenden? Lelia Hunziker sagt: «Ich wurde auch aufgestellt, um die Liste zu füllen, und prompt gewählt. Damit muss man rechnen und dann motiviert antreten, sonst bleibt die Arbeit an den anderen hängen.»

Die befragten «alten Hasen» äusserten sich generell äusserst positiv über ihr Amt. Obwohl die Sitzungen auch langweilig sein könnten, hätten sie sehr viel gelernt, könnten mit den Jahren viel mitgestalten und lebten am Puls von Aarau. Interessant ist: Häufig wurde gesagt, die Zusammenarbeit über Fraktionsgrenzen hinweg, das Schmieden von Allianzen quer durch den Rat um ein Geschäft durchzubringen, sei am spannendsten. Wenn man zudem gute Kontakte zur Stadtverwaltung habe, sagt Sonja Eisenring, sei manchmal nicht einmal ein Postulat nötig, um etwas zu klären. «Dann reicht ein Anruf. Das macht das politische Leben leichter.» Bloss dauert es seine Zeit, bis dies möglich ist.