In der az war unlängst die Rede von einem Brief, der am 29. Dezember 1899 in Frankfurt am Main abging und an Rosi Winteler in Aarau gerichtet war. Eine Julia ohne Nachnamen bat ihre Freundin um die aktuelle Adresse von deren «Adoptiv-Bruder» Albert. Gemeint war Albert Einstein, der während seiner Aarauer Kanti-Zeit bei der Familie Winteler zu Gast war. Mithilfe des Einstein-Kenners Herbert Hunziker liess sich Julia identifizieren: Julia Niggli, Tochter des langjährigen Aarauer Stadtschreibers Arnold Niggli (1873–1959). Sie gehörte zum Kreis jener Damen, mit denen der Charmeur Einstein in irgendeiner Form in Kontakt stand. Julia Niggli war Erzieherin, Lehrerin und Schriftstellerin. So erschien 1945 ihr kulturhistorisches Werk «Bernhardine und ihre Kinder», das auch Illustrationen des als «Aarauer Spitzweg» in die Geschichte eingegangenen Malers Fritz Brunnhofer (1886–1966) enthielt.

Albert und Julia: eine private Episode, nichts Pikantes, das bekannt wäre, und schon gar nichts von Belang für die Nachwelt? Mag sein, vielleicht aber hatte Julia Niggli den Schlüssel zur Klärung der Frage, von wem die Relativitätstheorie wirklich stammt. Das deutet zumindest der Wissenschaftsjournalist Hubert J. Giess in einem Artikel an, der am 22. März 1991 in der Zeitung «Die Rheinpfalz» erschienen ist. Titel des Artikels: «Stammt die Relativitätstheorie von Albert Einsteins Frau?»

Giess bezieht sich auf den amerikanischen Physiker Evan Harris Walker. Dessen ketzerische, in der US-Fachzeitschrift «Physics Today» veröffentlichte These: Die grundlegenden Ideen zur Relativitätstheorie habe Mileva Maric, Physikerin und erste Frau Albert Einsteins, entwickelt. Der Nobelpreisträger war von 1903 bis 1919 mit der gebürtigen Serbin verheiratet. Ab 1914 lebte er von ihr getrennt. Der Nobelpreis wurde ihm übrigens 1921 nicht für die Relativitätstheorie, sondern für seine Lichtquantenhypothese zugesprochen.

Giess beschränkt sich auf die Feststellung, «in letzter Zeit», also vor gut einem Vierteljahrhundert, hätten sich die Anhaltspunkte vermehrt, «dass Walker nicht ganz unrecht haben könnte». Als mögliche Kronzeugin für eine Lösung des Rätsels bringt Giess ausgerechnet Julia Niggli ins Gespräch: «Aufschluss über den Anteil Mileva Marics an Einsteins wissenschaftlicher Leistung hätte vielleicht ein Buch der Schweizer Schriftstellerin Julia Niggli geben können, die die Familie Einstein kannte. Ein Zürcher Verlag kündigte es vor Jahren an, erschienen ist es bis heute nicht, wegen juristischer Hindernisse.» – Wer wohl dem ominösen Buch Hindernisse in den Weg legte? Und: warum?

Vielleicht, wer weiss, hat Julia Niggli Wichtigeres geschrieben, das der Weltöffentlichkeit vorenthalten blieb, als das Brieflein vom 29. Dezember 1899, mit dem sie sich nach Einsteins Adresse erkundigte. Ein Rätsel, das zu lösen bliebe. Der Nachlass von (Mathilde) Julia Niggli lagert übrigens in der Handschriftenabteilung der ETH-Bibliothek Zürich, zusammen offenbar mit mehreren Briefen Albert Einsteins an sie.