Aarau
Einst wollte er auf die Kanzel, jetzt träumt er vom Bartresen

Der abtretende Pfarrer Christian Bader freut sich auf das Leben als Rentner und Hausmann, abseits der Öffentlichkeit. Aber zuerst muss er lernen, Knöpfe anzunähen.

Katja Schlegel
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Christian Bader wird die Stadtkirche vermissen.Emanuel Freudiger

Christian Bader wird die Stadtkirche vermissen.Emanuel Freudiger

Der Pfarrerssohn war einer der grössten Lausbuben im Dorf. Er wollte nicht braver sein als die anderen, nur weil die Leute das von ihm erwarteten. Die besondere Rolle des Pfarrers und seiner Familie wurde ihm als Teenager regelrecht suspekt.

Und erst recht die Idee, seinen Glauben nicht bloss in den eigenen vier Wänden zu leben, sondern Woche für Woche von der Kanzel hinunterzupredigen. Glaube könne man nicht berufsmässig leben, war seine Meinung. Jetzt wird der Lausbub von damals pensioniert. Und zwar als Gemeindepfarrer von Aarau.

Warum das? Christian Bader überlegt lange. «Mich hat die Kirche als Lebensform, als Gemeinschaft fasziniert. Irgendwann kam der Punkt, da wollte ich da mitten hinein. Und ja, vielleicht hat es trotz allem auch etwas mit dem Reiz der Selbstdarstellung zu tun.» Bader lacht.

Diese Wahl nie bereut

Zum Lausbuben kommt der Wunderfitz dazu, der er damals war und der er ein Leben lang geblieben ist. Der, der fragt, nachbohrt, mehr wissen will, dessen Wissensdurst sich nicht erschöpft. «Dafür war das Theologiestudium das beste Studium überhaupt. Das Gebiet ist so vielseitig wie kaum ein anderes.» Sprache, Geschichte, Philosophie, alles in einem. Fasziniert davon hängte Bader an sein Germanistikstudium mit Nebenfach Theologie noch ein Theologiestudium an.

1982 übernahm er sein erstes Pfarramt in Gränichen, wo er bis 1996 blieb. Von 1991 bis 2007 arbeitete er ausserdem bei der reformierten Landeskirche Aargau, erst zuständig für den Religionsunterricht, später für die Erwachsenenbildung. Und seit sieben Jahren ist er in Aarau.

Bereut hat Bader seine Berufswahl nie. Bis heute ist er fasziniert von der Theologie, vom Übersetzen und der Entwicklung der Ideen über die Jahrtausende hinweg, von der Vielfältigkeit seiner Aufgaben, von der Verantwortung, der Gestaltungsfreiheit, vom Kontakt mit den Menschen, vom Zuhören. Aber manchmal, ja, da habe ihm seine Position auch Mühe bereitet.

«Man ist der Öffentlichkeit ausgesetzt, das ist die Kehrseite.» Er freue sich, durch die Stadt zu spazieren und viele Leute zu kennen. Er habe es gemocht, und es gehöre ja auch zum Beruf eines Gemeindepfarrers, sich mit Haut und Haaren in die Stadt zu stürzen, Teil von ihr zu sein. Manchmal aber, da wäre ihm ein mehr Anonymität lieb gewesen.

Diese Anonymität, die bekommt er jetzt. Mit seiner Frau Gabi Wartmann, bis Ende August ebenfalls als Pfarrerin in Aarau tätig, hat er die Altstadt in Richtung Bellach verlassen. Ein Dorf neben Solothurn, ebenfalls mit Jura und Aare, aber mit weniger Nebel.

«Weggehen ist gut», sagt Bader. «Wenn man bleibt, muss man sehr sorgfältig sein und darf seinem Nachfolger nicht reinfunken.» Sie hätten sich beide nicht vorstellen können, dass seine Frau nach seiner Pensionierung weiter in Aarau arbeite. «Dann wäre ich irgendwie immer noch präsent, das ginge nicht.»

«Das ist nicht lustig»

Gerade jetzt fällt es ihm aber schwer, das Fortgehen. Jetzt, da die Abschiedsbesuche anstehen, da er Adieu sagen muss. Seiner Gemeinde und seinem Team, in dem er sich so wohlgefühlt hat. «Das ist nicht lustig», sagt Bader. Und dann ist da doch die Vorfreude aufs Aufhören, auf das Neue, auf das Leben als malender Rentner, das Leben als Hausmann, das Leben bei Solothurn.

In Solothurn wurde er geboren, da war es oft bei seinen Grosseltern in den Ferien. Den Dialekt habe er im Ohr. «Bloss, eine so schöne Kirche wie die Aarauer Reformierten, haben weder die Solothurner noch die Bellacher. Die hat eigentlich keine andere Gemeinde.» Ja, die Stadtkirche zu verlassen, das tut ihm weh. Er liebt das wunderbare Innere. Diesen Raum, der sammelt, ohne einen einzusperren. «Man fühlt sich hier einfach geborgen.»

Und was wird aus ihm als Rentner? «Hausmann», sagt seine Frau – er muss sich erst noch daran gewöhnen. «Ich kann zum Beispiel keine Knöpfe annähen», sagt er und lacht. Träumen tut er aber noch von etwas anderem: dem Helfen in einer Beiz. «Ich würde hinter dem Tresen stehen und Kaffee machen und mit den Gästen schwatzen. Das wäre wunderbar. Und vielleicht würde ich auch noch lernen, Drinks zu mixen.»

Abschiedsgottesdienst von Gabi Wartmann und Christian Bader am Sonntag, 16. November, 10 Uhr, in der Stadtkirche

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