Eidgenössisches Turnfest

Einst war er der höchste Turner des Landes – diesmal verfolgt er den Grossanlass aus der Ferne

Hans Walti 1972 am Turnfest im Aarauer Schachen (rechts neben ihm der Turnverbands-Zentralpräsident René Schaerer).

Hans Walti 1972 am Turnfest im Aarauer Schachen (rechts neben ihm der Turnverbands-Zentralpräsident René Schaerer).

Beim letzten Fest in Aarau 1972 war er einer der wichtigsten Köpfe – diesmal verfolgt Hans Walti (91) den Grossanlass nur noch aus der Ferne.

«Komm, nimm Platz.» Freundlich und mit wachen Augen rückt Hans Walti einen Stuhl zurecht, schiebt seinen Rollator beiseite. Das «Du» ist in Turnkreisen selbstverständlich. Und wenn man einst auch noch zu ihm in die Schule gegangen ist, erst recht. Dann zeigt der alte Mann auf die ausgebreitete Zeitung auf dem Stubentisch. «Da steht gerade wieder etwas übers Eidgenössische drin.» Sagts und faltet das Blatt sorgfältig zusammen.

Plötzlich eine öffentliche Person

So gebrechlich sein Körper geworden sein mag, so fit geblieben ist der Kopf. Obwohl er seit 2009 in der Innerschweiz lebt – einige Jahre nach dem Tod seiner Frau ist er von Oberkulm nach Trachslau/Einsiedeln gezogen in die Nähe seiner Tochter –, weiss er immer noch genau, was im Aargau los ist. Und es scheint fast so, als mache ihn die in Aarau herrschende Vorfreude auf das diesjährige Fest von Tag zu Tag wieder ein bisschen jünger.

Hans Walti in seiner Wohnung in Trachslau SZ.

Hans Walti in seiner Wohnung in Trachslau SZ.

Das verwundert nicht. 1972, beim letzten «Eidgenössischen» in Aarau, war Hans Walti eine Hauptfigur. Als Eidgenössischer Oberturner war er verantwortlich für alles Technische, insbesondere die Abwicklung der Wettkämpfe. Das Fernsehen porträtierte ihn, den höchsten Turner des Landes; die «Schweizer Illustrierte» machte eine Homestory. Der damals 44-Jährige war eine öffentliche Person – im Zenit seines Lebens. Dabei hatte Hans Walti den grossen Auftritt nie gesucht.

Das Amt nie angestrebt

Er erzählt, wie er damals nach den aufreibenden Turnfesttagen vor 47 Jahren zum Abschalten jeweils spätabends mit seinem Hund spazieren ging – ganz allein. Oder wie beim Festumzug sein Platz auf der Ehrentribüne inmitten von Bundesräten und anderen Honoratioren leer blieb, weil er es nicht rechtzeitig vom Schachen durch die Menschenmenge in die Stadt schaffte – nachgetrauert hat er der Gelegenheit nie. Auch das Amt des Eidgenössischen Oberturners habe er nicht angestrebt, sagt er. Doch dann portierten ihn, der seine Sporen im damaligen Eidgenössischen Turnverein (ETV) und im Leichtathletikverband (ELAV) abverdient hatte, mehrere progressive Kantonalverbände. Sie wollten damit den offiziellen Kandidaten, einen Traditionalisten aus dem Solothurnischen, verhindern. Es kam zur Kampfwahl: Hans Walti obsiegte. «So war halt plötzlich ich der Boss», erzählt er achselzuckend.

Der pensionierte Sekundarlehrer und passionierte Leichtathlet, der in jungen Jahren einige kantonale Kränze gewann, gilt heute denn auch als Reformer. Er habe die strammen Marschübungen, wie sie noch bis Anfang 70er-Jahre das Bild prägten, aus dem Programm gekippt – und stattdessen lockere Laufübungen eingeführt, erinnert sich Max Haller (79), einstiger Weggefährte beim TV Oberkulm. «Er hat dem Turnen den militärischen Drill genommen und so den heutigen Show-Elementen den Weg bereitet.»

Geschadet hat diese Lockerung der Sitten nicht. Das «Eidgenössische» von 1972 ging als einfaches, aber einwandfrei organisiertes Fest über die Bühne.

«Heute noch Hühnerhaut»

Das Amt des Eidgenössischen Oberturners gibt es heute nicht mehr. Seit 2006 teilen sich drei Leute die Aufgaben. Auch sonst hat sich viel verändert: Längst turnen Männer und Frauen gemeinsam am gleichen Fest. Und aus dem Eidgenössischen Turnverein ist schlicht der Schweizerische Turnverband (STV) geworden. Was aber geblieben ist: Mit diesmal über 65 000 Aktiven ist das Eidgenössische Turnfest immer noch der grösste Breitensportanlass der Schweiz.

Das macht auch Hans Walti stolz. Wieder erinnert er sich an 1972. «Wenn ich an die Schlussvorführungen zurückdenke, bekomme ich heute noch Hühnerhaut», sagt der bald 91-Jährige. Und man merkt: Am liebsten würde er den verflixten Rollator in die Ecke schmeissen – und sich auf den Weg nach Aarau machen.

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