Aarau
Einsprecher: «Wir sind die Störenfriede bei der Stadt»

Kurt Rietmann und weitere 70 Anwohner haben sich gegen ein Restaurant und einen Saal beim Kraftwerk gewehrt. Ihr Erfolg war kein Zufall.

Sabine Kuster
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Das Flusskraftwerk der IBAarau (Gebäude hinten mit Turm) wird umgebaut. Ein Restaurant auf der Insel ungefähr beim grossen Busch (Bildmitte) haben Anwohner verhindert, indem sie den Zonenplan genau studierten.

Das Flusskraftwerk der IBAarau (Gebäude hinten mit Turm) wird umgebaut. Ein Restaurant auf der Insel ungefähr beim grossen Busch (Bildmitte) haben Anwohner verhindert, indem sie den Zonenplan genau studierten.

Mario Heller

Die meisten Einsprecher in Aarau sind scheue Gesellen. Sie fürchten den Zorn jener, die ein Projekt gerne realisiert gesehen hätten. Auch Kurt Rietmann drängte nicht an die Öffentlichkeit. Doch auf Anfrage der Aargauer Zeitung legt er dar, warum er gegen zwei Teilprojekte zum Kraftwerksneubau der IBAarau war und was ihn manchmal am Verhalten der Stadt stört.

Im letzten Sommer wurde bekannt, dass es auf der Kraftwerkinsel kein Restaurant geben wird. Das Energieunternehmen IBAarau hatte ein solches im Rahmen der Neukonzessionierung des Kraftwerks und der Umgestaltung der Umgebung geplant gehabt.

70 Anwohner des Hungerbergs wehrten sich mit einer Einsprache erfolgreich dagegen. IBAarau-CEO Hans-Kaspar Scherrer sagte damals, er fände es schade, dass nun die Bevölkerung nicht vom Kraftwerkumbau profitieren könne. Nicht einmal ein WC werde es neben dem Spielplatz geben.

Rietmann sagt jedoch, die Anwohner wären mit Toiletten, Wickeltisch und auch einer Imbissbude einverstanden gewesen. «Um den geplanten Spielplatz ging es uns nie.»

Nicht nur das Restaurant konnten die Anwohner verhindern: Den geplanten Versammlungssaal im Kraftwerksneubau musste die IBAarau von 200 auf 100 Sitzplätze verkleinern.

Kenner der Reglemente

Dass die IBAarau bei beidem einlenken musste, hatte einen Grund: Die Gegner kennen die Gesetze der Stadt. Weiss man Bescheid über die Paragrafen und Reglemente, so gelingt es häufig, Projekte zu bodigen.

Im Falle des Vogelinseli war es der Zonenplan. Kurt Rietmann sagt: «Das Restaurant war in der Zone für öffentliche Bauten und ausserdem in der Uferschutzzone geplant.»

Entlang von Fliessgewässern gelten laut der Übergangsbestimmung des Bundes 20 Meter breite Schutzstreifen. Die IBAarau stellt sich auf den Standpunkt, in der neuen Vorlage des Bundes könne der Mindestabstand an technischen Gewässer wie dem Kanal aufgehoben werden.

Darüber allerdings hat der Grosse Rat noch gar nicht befunden. Die IBAarau habe sich einfach das Recht ausgenommen nicht zonenkonform zu planen, ohne dass die Stadt eingeschritten wäre, sagt Rietmann. Und: «Der Kanton hätte das Gesuch der IBA nicht bewilligen dürfen.»

Rietmann erinnert an die 2007 geplante Sommerbeiz am nördlichen Aareufer. Der Stadtrat hatte das Gesuch abgelehnt, die damalige «Erlebnisoase» vom südlichen aufs nördliche Ufer hinüberzuretten. Dies mit der Begründung, es entspreche «keinem öffentlichen Interesse». «Nun soll es plötzlich eines geben?», fragt Rietmann.

Rietmann hat kein Verständnis für mehr Beizen in der Umgebung. «Es gibt rund um die Aare Restaurants in Hülle und Fülle», findet er. In der warmen Saison herrsche unten an der Aare täglich «ein Zirkus». «Eine weitere Lärmquelle wollen wir nicht», sagt Rietmann, «die letzten 45 Jahre konnten wir im Sommer das Fenster offen lassen, jetzt ist das nicht mehr möglich.»

«Grundskepsis ist gut»

Die Stadt hätte sich besser verhalten können, findet er. «Sie ignorierte zuerst alle Beschwerden.» Man habe von Anfang an das Gespräch gesucht, aber vom damaligen Stadtrat nie eine Antwort erhalten. Jolanda Urech habe nun geantwortet – wenn auch nicht in seinem Sinne.

Er ist sich bewusst: «Wir sind die Störenfriede bei der Stadt.» Er hat mit dieser Rolle kein Problem. Eine Grundskepsis gegenüber der Stadt sei nicht schlecht. Das hat Rietmann festgestellt, als er Einwohnerrat war: «Ich habe die verlangten Dokumente damals immer anstandslos erhalten, aber man muss selber merken, wenn man nicht alles bekommt, was man hätte erhalten können. Sie sind Schlaumeier.»

Dass die Bewohner des Hungerbergs Erfolg hatten, liegt auch an ihren finanziellen Möglichkeiten. Obwohl Rietmann die Materie kennt, so musste er für die Einsprache doch einen Anwalt beiziehen. «Es braucht Geld», sagt er, «man muss sich das leisten können.» Er und ein paar andere Anwohner haben die fünfstelligen Kosten bezahlt.

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