Noch ist alles verhältnismässig ruhig in der Schachenhalle in Aarau. Es ist 19 Uhr, die meisten Sportler halten sich noch im Wettkampf-Zentrum auf und bereiten sich auf den Lauf vor. Diese Nacht ist für Aarau eine besondere: im Buechwald ob Aarau findet die Schweizermeisterschaft im Nacht-Orientierungslauf statt, die vom regionalen OL-Klub Argus organisiert wird.

«Eineinhalb Jahre Vorbereitung liegen hinter uns», sagt der Aarauer Jules Fricker, der verantwortliche Laufleiter. Es starten rund 680 Läufer in verschiedenen Kategorien, «Leute von zwölf- bis 80-jährig sind dabei», so Fricker weiter. Langsam kommt mehr Leben in die Halle, überall stehen oder sitzen Läufer und dehnen ihre Gliedmassen oder kontrollieren, ob die Stirnlampe auch richtig sitzt. Eine halbe Stunde später starten die ersten. Es regnet. Der Buechwald ist im März um dies Zeit schon stockfinster, nur Start und Ziel sind beleuchtet.

«Brauchen Sie Merfen-Spray?»

Eine Mutter ist mit ihrem Sohn für die Meisterschaft aus Fribourg angereist. Sie erzählt, es sei genau die Dunkelheit, die diese Art von OL für ihren 13-jährigen Sohn zum Abenteuer mache. «Seit drei Jahren ist er richtig angefressen!», sagt sie und lacht unter ihrem Schirm hervor. Es regnet immer noch. Hier, beim Alpenzeiger ist das Ziel, aber es ist noch nicht viel los. Die ersten Läufer werden in einer halben Stunde erwartet.

Die Freiwilligen, die Getränke ausschenken, wärmen sich mit Kaffee oder Tee. Auch die Sanitäter stehen vor ihrem Zelt und warten auf allfällige Verletzte. «OL ist im Prinzip kein gefährlicher Sport,» erklärt der Samariter Markus Wehrli aus dem solothurnischen Erlinsbach. Es seien typische Jogging-Verletzungen wie eingeknickte Füsse, die sie behandeln würden. «Heikel sind Äste, das kann dann wortwörtlich richtig ins Auge gehen!» Kaum gesagt, erfolgt schon das erste Aufgebot an die Samariter: Sie werden zu einer Tessinerin gerufen, die in der Nähe der Ziellinie auf dem dreckigen Waldboden sitzt und sich die zerkratzten Beine mit Wasser beträufelt. «kann ich mit Merfen-Spray helfen?», fragt Wehrli. Sein Buchser Kollege Roman Meier steht neben ihm. Die Tessinerin reagiert nicht – Wehrli zuckt mit den Achseln. Drei Sekunden später steht die Läuferin auf und verlässt mit ihren Kolleginnen das Ziel. Fehlalarm.

Mittlerweile haben die schnellsten Sportler die Ziellinie überschritten und stehen am Getränkestand, um sich zu verpflegen. Junge Tessinerinnen schnattert fröhlich in der Dunkelheit. Ihre Stirnlampen leuchten aggressiv und blenden. Daneben stehen zwei junge Frauen aus der Romandie: Sie fluchen auf Französisch, die Karte stimme nicht mit dem Gelände überein.

Kein Ende für die Samariter

Geht man einige Schritte in den Wald weg vom beleuchteten Ziel, ist es vollkommen finster. Von Weitem sind Läufer zu erahnen, doch auch nur wegen des weissen, kalten Lichts ihrer Stirnlampen. Ist man jetzt als Samariter mit dem Auto unterwegs, kommt es einem vor wie Safari. Die Jogger rennen kreuz und quer durch den Wald, lange ist niemand mehr zu sehen, dann schiessen plötzlich drei aufs Mal aus dem Gebüsch – schon hat auch sie wieder das Schwarz der Nacht verschluckt.

21 Uhr, es wird ernst für das Samariter-Team. Ein etwa 14-jähriger Junge beugt sich keuchend vornüber, seine Mutter bringt ihn ins Zelt. Und wirklich, zu Fuss wird er das Wettkampf-Zentrum im Schachen wohl nicht erreichen; ein blaues Sport-Tape am Fuss zeigt, dass der junge Läufer schon beim letzten Orientierungslauf Probleme hatte. Wehrli macht sich eine Notiz und rät dem Junior, die Ferse einem Arzt zu zeigen. Für den Verletzten ist erstmal Feierabend, der Samariter-Fahrer bringt den 14-Jährigen zurück in die Schachenhalle. Noch nicht Feierabend für Markus Wehrli, Roman Meier und alle anderen Beteiligten: Für sie heisst es weiterhin, Augen und Ohren offen zu halten.