Baubeginn für die erste Wohnzeile an der Rütmattstrasse in der Telli war Mitte Januar 1972. Die Begleitmusik lieferte der Aarauer Einwohnerrat mit einem heftigen Disput über die «bau- und planungsrechtliche Hauruck-Übung», der ohne Folgen blieb. Der 250 Meter lange, in der Mitte leicht abgewinkelte Block erreichte im obersten 19. Stockwerk eine maximale Höhe von 50 Metern. Die oberen Silhouetten wurden treppenartig abgestuft und nehmen damit die Horizontlinien der Juraketten im Hintergrund auf.

Die Arbeiten kamen rasch voran, weil man einheitlich den von der ausführenden Firma Horta entwickelten Wohnungstyp «Rastel-Granit» verwendete, mit vorfabrizierten Teilen. Das galt auch für die Fassadenelemente und die beidseitig durchgehenden Balkone der insgesamt 417 Wohnungen der Zeile A. Möglich machte die «rekordmässige Geschwindigkeit» bei der Realisierung auch die Tatsache, dass «zeitweilig bis zu 500 Arbeiter auf der Baustelle beschäftigt waren, die in drei Schichten rund um die Uhr eingesetzt waren», wie der ehemalige Stadtbaumeister Felix Fuchs in den Aarauer Neujahrsblättern 1998 festgehalten hat.

Diese Lärmimmissionen riefen erneut das Aarauer Stadtparlament auf den Plan. Im Rahmen einer Anfrage «betreffend eine Sonderbewilligung des Stadtrates für Nacht- und Sonntagsarbeit in der Telli» musste sich die Behörde rechtfertigen und versprach, «die Arbeiten mindestens in der Nacht während einiger Stunden ruhen zu lassen». Auf den Baufortschritt hatte dies keinen Einfluss. Bereits im Frühling 1973 bezogen die ersten Mieterinnen und Mieter ihr neues Zuhause in «idyllischer Lage im Grünen», hatte der Architekt doch die gesamte verkehrsmässige Erschliessung in den Untergrund verlegt.

Historische Bilder von Aarau: Wie sich die Kantonshauptstadt in 150 Jahren verändert hat:

Experten waren begeistert

Die erste Wohnzeile erregte in den Medien und der Fachpresse grosse Aufmerksamkeit und ein überwiegend positives Echo. Der Volksmund war bedeutend kritischer und apostrophierte den langgezogenen Betonbau rasch als «Staumauer». Was allerdings in den wenigsten Fällen der Gemütslage der Bewohnerschaft entsprach, die der Telli zum Teil über Jahrzehnte treu blieb. Die Nachfrage nach Wohnraum an der Peripherie blieb hoch, die zweite Etappe mit der Wohnzeile B wurde deshalb nahtlos in den Jahren 1973 und 1974 realisiert.

Im Rathaus zeigte man sich mit Blick auf die Telli nach wie vor überzeugt von einer «wachsenden Bedeutung der Kantonshauptstadt mit einer quantitativen Zunahme der Bevölkerungszahl». Die Prognosen erwiesen sich allerdings als falsch: Am 1. Januar 1975 registrierte man mit 16'438 Einwohnerinnen und Einwohnern zwar eine Steigerung, bereits ein Jahr später ging der Wert aber wieder auf 16'122 zurück.

Die Gebäudehüllen in der parkähnlichen Satellitenstadt standen nun zur Hälfte, gefragt waren noch soziale Institutionen zur Integration nach innen und nach aussen, zum restlichen Aarau. Zu diesem Zweck gründeten die Landeigentümer zusammen mit kirchlichen Kreisen 1974 das Gemeinschaftszentrum, gleichzeitig formierte sich ein Quartierverein mit dem Publikationsorgan «Telli-Post». Um die Jahrtausendwende rumorte es im Neubauquartier. Die Stadt Aarau nahm deshalb 2001 mit dem Bundesamt für Gesundheit das Siedlungsentwicklungsprojekt «allons-y Telli!» in Angriff. Der Pilotversuch mit dem Schwerpunkt «Wohnen und Wohlbefinden» endete im Juli 2006 mit der Erkenntnis, dass «eine angemessene soziale Integration wichtige Voraussetzung für eine attraktive Siedlung darstellt».

Pause nach Konkurs

Nach dem Konkurs der Horta Holding AG und mit einer vorübergehenden Sättigung des Wohnungsmarktes liess die Fortsetzung der Grossüberbauung auf sich warten. Die Wohnzeile C an der Delfterstrasse wuchs erst ab 1979 in die Höhe, die vierte und letzte Etappe an der Neuenburgerstrasse schliesslich gelangte in den Jahren zwischen 1987 und 1990 zur Ausführung. Die Firma Metron regte dafür eine Abkehr vom ursprünglichen Konzept auf «neue Siedlungsformen» an, ohne durchschlagenden Erfolg. Für die Ausführung der Wohnzeile D zog die Ortsbürgergemeinde Aarau, die an diesem Ort ihre Millionen-Erträge aus dem Kiesabbau reinvestierte, das Aarauer Architekturbüro Aeschbach, Felber, Kim bei.

Konzept nicht geändert

Fachmann Felix Fuchs räumt in seinem Beitrag in den Aarauer Neujahrsblättern 1998 rückblickend zwar ein, dass «sich die Anordnung und Dimension von Grossüberbauungen grundlegend verändert haben». Er kommt aber zum Schluss, dass es «gesamtheitlich von Vorteil gewesen sein dürfte, die in sich geschlossene Planung in der Telli nicht nachträglich zu sabotieren und die 1971 getroffene Entscheidung konsequent zu Ende zu führen».

Diesem Prinzip treu bleiben will nun auch die Eigentümerin der Wohnzeilen B und C, die AXA Winterthur. Sie plant ab 2019 eine Sanierung der insgesamt betroffenen 581 Mietwohnungen und verspricht, dass «das bekannte Erscheinungsbild und dessen schweizweite Einzigartigkeit» der Telli-Überbauung «beibehalten wird», obwohl sämtliche Fassadenelemente der Gebäudehülle sowie die Fenster ersetzt werden (siehe Box unten).

Aus Anlass der Renovation der Häuser an der Delfterstrasse stellt die AZ die Geschichte der Telli vor. Bisher erschienen: «Als in der Telli noch Kühe grasten»