Aarau
Einige finden den Weg zurück: Auf verschlungenen Wegen zurück in die Kirche

Die katholische Pfarrei Peter und Paul in Aarau hat im letzten Jahr 99 Mitglieder verloren. Einige kehren aber auch zurück. Drei Frauen haben sich bewusst wieder für einen Kircheneintritt entschieden. Eine davon erzählt, warum.

Janine Müller
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Alice hat den Weg in die Kirche wieder gefunden.

Alice hat den Weg in die Kirche wieder gefunden.

Janine Müller

Sie ist in einem streng katholischen Umfeld aufgewachsen. In der Oberstufe einer Klosterschule gehörten die Beichte und das Gebet zum Alltag. Die heute 45-jährige, nenn wir sie Alice, denkt noch immer mit Unbehagen an diese Zeit zurück. Die Beichte musste sie bei Patern ablegen. «Da sie gleichzeitig auch unsere Lehrer waren, mussten wir ihnen am nächsten Tag wieder in die Augen schauen», erinnert sie sich. «Das war furchtbar.» Mit 23 gab sie den Austritt aus der Kirche. Und nun die Wandlung: Sie hat sich für den Wiedereintritt in die Kirche entschieden.

Alice äussert sich anonym. Nicht, weil sie sich für den Wiedereintritt schämt. Sie wolle nicht, dass ihre Daten in den Weiten des Internets herumschwirren, erklärt sie.

Alice ist eine von drei Frauen, die sich im Jahr 2013 bewusst für den Wiedereintritt in die Kirche entschlossen haben. Es sind die einzigen drei Eintritte, welche die Pfarrei Peter und Paul im letzten Jahr verzeichnen konnte – gegenüber 99 Austritten.

Von den Zwängen befreien

Die Gründe für die vielen Austritte sind längst bekannt: Die einen stören sich an der Institution Kirche an sich, stören sich an der Meinung, die Kirchenoberhäupter oftmals vertreten. Andere wollen keine Kirchensteuern mehr zahlen. Alice trat im Alter von 23 Jahren aus der Kirche aus. «Ich hatte eine Überdosis», sagt sie heute. Sie wollte sich von den Zwängen und Vorschriften der Religion befreien. Den Austritten versucht die Pfarrei Peter und Paul Gegensteuer zu geben. So gestaltete ein Seelsorge-Team am Valentinstag eine Segensfeier. Eingeladen waren alle Verliebten – auch gleichgeschlechtliche Paare.

Mit jenen, die den Austritt bekannt geben, werde trotzdem noch das Gespräch gesucht, sagt Seelsorger Beat Schalk. Ohne sie dabei unter Druck zu setzen.

Doch warum entscheidet sich jemand wieder für den Eintritt in die Kirche? Die ersten Gedanken über einen Wiedereintritt kamen Alice, als ihr Vater starb. Unerwartet wurde sie mit einer schweren Krankheit und dem Tod konfrontiert. Ihr wurde bewusst, dass sie als Konfessionslose eigentlich kein Anrecht mehr hat auf ein kirchliches Begräbnis, dass sie keinen Besuch eines Seelsorgers erwarten kann, wenn sie krank im Spital liegt.

Es war ein langsamer Prozess, der schliesslich über die Pfarrei Peter und Paul zum Wiedereintritt in die Kirche führte. «Ich suchte wieder einen spirituellen Halt», erklärt Alice Senn. Sie sehnte sich zurück zu den Wurzeln. «Und ich mag Kirchen», sagt sie. «Da fühle ich mich geborgen.» Überall auf der Welt seien die Kirchen gleich, die Rituale bekannt – ein Stück Heimat.

Mit ihrem Wiedereintritt will Alice auch die diakonische Arbeit unterstützen. «Es wird so viel wertvolle Arbeit geleistet, in der Alters- und Jugendarbeit und in vielen anderen
Bereichen.» Hier werde Geld investiert, welches der Staat nicht zusätzlich ausgeben müsse, sagt Alice. Deshalb sei sie auch bereit, die Kirchensteuer zu bezahlen. Sie schätze es, dass in der Pfarrei Menschen Raum finden, die sonst nirgends aufgenommen werden; Asylsuchende, Arme, Kranke.

Das sei heute die Stärke der Kirche, ist auch Seelsorger Beat Schalk von der Pfarrei Peter und Paul überzeugt. Die Humanität, die Nähe zu den Menschen.

Rückbesinnung auf Tradition

Alice möchte andere zum Wiedereintritt ermutigen. «Wir Schweizer dürfen doch nicht immer über Muslime jammern und dann unsere eigene Religion und Kultur vernachlässigen», findet die Aarauerin. Rückbesinnung auf eigene Traditionen und Werte – auch in der Kirche – seien doch wichtig. Für die Kirche wünscht sie sich mehr Lebendigkeit. «Es wäre schön, wenn wir die Religion genauso in unseren Alltag integrieren könnten, wie es die Menschen in Afrika tun.»