Seltener Beruf
Einer der letzten seiner Art: Der Tankwart von Aarau Rohr

Eugen Zgraggen ist ein Tankwart der alten Schule. Seine Kunden kommen zu ihm, weil sie den Service und den persönlichen Umgang schätzen – doch selbst fährt er nicht gerne Auto.

Sabine Kuster
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«Einmal voll!» – Eugen Zgraggen hat am Freitagnachmittag immer beide Hände voll zu tun.

«Einmal voll!» – Eugen Zgraggen hat am Freitagnachmittag immer beide Hände voll zu tun.

Sabine Kuster

Eugen Zgraggen steht auf einem Schemel und spult die Aufnahmen der Überwachungskamera zurück. Der Bildschirm hängt an der Decke in seinem winzigen Tankstellen-Kiosk in Aarau Rohr. Eine Frau ist darauf zu sehen, wie sie die Zapfpistole in der Hand hält. Tankt sie Diesel oder Benzin? Das ist die Frage. Ihr Auto ist nämlich kurz darauf stehen geblieben. Ausnahmsweise hat bei ihm eine Frau selber getankt – das Richtige, wie jetzt die Videoaufnahmen zeigen. Ihr Auto muss aus einem anderen Grund den Geist aufgegeben haben.

Immer wieder wird beim Tanken der falsche Sprit eingefüllt. Zgraggen ist das erst einmal passiert. Er ist schliesslich ein Profi. Einer der letzten in der Schweiz. Von den rund 3400 Tankstellen im Land sind noch 128 bedient, also nur 3,7 Prozent. Vor 15 Jahren bekam man noch an dreimal so vielen Tankstellen den Rundum-Service.

Bequem sitzen bleiben

Die Kontrolle von Öl-, Wasserstand und der Luft im Rad ist bei Zgraggen im Preis inbegriffen. Wer will, muss nicht mal aus dem Auto steigen. Zum Beispiel der Herr mit Sonnenbrille im schwarzen SUV. «Willst du voll?», fragt Zgraggen bloss. Einige reichen das Geld durchs Autofenster, von manchen kennt er den Code der EC-Karte. Von gewissen Firmen hat er die Tankkarte gleich bei sich. Wenn die Chauffeure bei ihm vorfahren, hupen sie bloss kurz, der Tankwart schaut auf die Autonummer, notiert den getankten Betrag und fertig. Andere wollen noch was dazu. Einer Seniorin bringt er mit ihrer Kreditkarte ein Vanillecornet zurück.

Essentiell ist Zgraggens Dienst für Rollstuhlfahrer. Bis sie ihren Rollstuhl aus- und wieder eingeladen hätten, würden sich die Autos bis zum alten Gemeindehaus stauen. Die letzten bedienten Tankstellen führt der Invalidenverband Procap deshalb auf einer Liste auf.

Der Primarschüler von nebenan legt einen Zweifränkler auf den Tisch. Für Süssigkeiten. Im Mini-Zimmer hinter den Zapfsäulen gibt es ausserdem Getränke, Zigaretten, Duftbäumchen, Zeitschriften und Seifen. Die Seifen hat seine Mitarbeiterin selber hergestellt.

Zgraggens Migrol-Tankstelle ist ein Zwei-Personen-Betrieb. Ist seine Mitarbeiterin in den Ferien, macht er beide Schichten und steht von 6 Uhr morgens bis um 19 Uhr hier. Das sei nur im Winter hart, findet er. Eugen Zgraggen hat die Tankstelle vor zehn Jahren von seinem Vater übernommen, davor war er der Angestellte seines Vaters.

Noch nie ist bei ihm einer weggefahren, ohne zu bezahlen. Nein, man kommt zu Zgraggen, weil man ihn kennt. Der Herr im Bayern-München-Shirt und Flip-Flops, der den grossen Bauch des Porsches gefüllt haben will, genau so wie der Nachbar, dem er ungefragt eine Marlboro Rot aus dem Gestell gibt. «Ich finde den Service super», sagt eine Seniorin, die aus ihrem grauen Sportwagen steigt. Sie gebe dafür gerne Trinkgeld.

Ob mit oder ohne Trinkgeld: Zgraggens Geschäft läuft. An einem Freitagnachmittag sowieso. Dann wollen alle ihren Tank auf dem Weg ins Wochenende füllen und die Rabatt-Coupons aus dem Migros-Magazin gilt es auch noch einzulösen. Auf einmal stauen sich drei Autos hintereinander, zwei Töffs bremsen. Gut, beherrscht Zgraggen auch das simultane Tanken.

Zgraggen mach seine Arbeit gerne. Den Kontakt mit den Leuten, dass er sein eigener Chef ist. Aber ein Auto-Fanatiker ist er trotz allem nicht. «Noch zehn Jahre, dann fahren wir alle elektrisch», sagt er. Wenn er das Geld hätte, würde er heute schon hybrid fahren. Öfter als sein Auto nimmt er seinen Roller oder fährt mit der Bahn. Er hat das GA, seine Frau arbeitet bei den SBB. «Ich fahre nicht mehr gerne Auto heute, es hat zu viel Verkehr», findet er.

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