Aarau

Eine kleine Sensation: Unbekannte Meyersche Stollen entdeckt

Der aufgedeckte Stollenarm in der Swissgrid-Baustelle im August. Rolf Strebel

Der aufgedeckte Stollenarm in der Swissgrid-Baustelle im August. Rolf Strebel

Swissgrid baut den neuen Hauptsitz in Aarau über einem Arm des Meyerschen Stollens. Das Stollen-Systems aus dem 19. Jahrhundert ist ein nationales Zeugnis der Industriegeschichte erster Güte.

Es war eine echte Überraschung, als man Ende August des letzten Jahres bei den Aushubarbeiten für die Tiefgarage des neuen Swissgrid-Hauptsitzes auf einen unterirdischen Kanal stiess. Die Baustelle befindet sich auf dem ehemaligen Electrolux-Areal an der Bleichemattstrasse in Aarau.

Bekannt wurde die kleine Sensation für Aarau erst jetzt, weil bislang weder die Interessengemeinschaft Meyersche Stollen noch der Bauherr Credit Suisse Anlagestiftung (CSA) die Entdeckung kommunizierten.

Gefunden wurde eine Konstruktion, die laut Andreas Zimmerli, dem Präsidenten der IG Meyersche Stollen, «in ihrer Bauweise und Grösse nicht mit dem bislang bekannten Stollensystem übereinstimmt».

Mit einem Schnitt von 30 mal 40 Zentimeter war der Arm ausgesprochen klein und mit Holz ausgekleidet. Aufgedeckt wurden ein 54 Meter langes und ein 30 Meter langes Stück.

Vor der Baggerschaufel gerettet

«Nur dank der vorbildlichen Reaktion des Bauleiters vor Ort, der den Bagger sofort stoppen liess, konnte der Fund überhaupt untersucht werden», sagt Isabel Haupt von der Kantonalen Denkmalpflege. Den Fachleuten wurde rasch klar, dass es sich um einen weiteren Arm der Meyerschen Stollen handeln muss.

Er gehört zum südlichen Ende des gesamten Systems im Bereich des Bahnhofs, das bis jetzt aus fünf Zuflussfingern bestand. Der neu entdeckte Stollen, der sechste «Finger» also, verläuft zwischen der Hinteren Bahnhofstrasse und der Bleichemattstrasse Richtung Migros-Klubschule.

Dank dem aufmerksamen Bauleiter konnten Kantonsarchäologie und Denkmalpflege den neusten Teil dokumentieren. Dazu gehörte auch die dendrochronologische Untersuchung der Holzverschalung, die laut Rolf Strebel, dem Gewässerverantwortlichen der Sektion Tiefbau beim Stadtbauamt Aarau, «auf die Jahre 1801 oder 1802 zurückwies», genau auf die historisch erwiesene Bauzeit der Stollen.

Gemäss Isabel Haupt von der Denkmalpflege konnten immerhin «Teile dieses Stollenarms gerettet und vor Zerstörung bewahrt werden». Man habe für die Forschung, so Haupt, «im Zuge von laufenden Bauarbeiten ein Maximum herausgeholt», die eine Ergänzung des Plans für das Stollensystem erlaube.

Es ist keineswegs erstaunlich, dass man nicht bereits bei der Überbauung der Elcalor AG im Jahre 1941 an dieser Stelle den von Menschenhand geschaffenen Stollen gesichtet hat. Denn man ging nicht nur im Zuge der damaligen Aushubarbeiten unbedenklicher als heute mit dem historischen Erbe um.

Die Bedeutung der Meyerschen Stollen als nationales Zeugnis der Industriegeschichte erster Güte, das allerdings noch immer nicht unter Denkmalschutz steht, wurde über lange Zeit nicht erkannt oder gar schützend gewürdigt.

Immer noch offene Fragen

Erst der Abbruch der Gebäude, in denen bis 2011 als Nachmieterin die Firma Electrolux Professional AG tätig war, und der Aushub für eine Tiefgarage machten jetzt die Entdeckung dieses zusätzlichen Arms möglich. Dieser Fund, so Andreas Zimmerli, zeige, dass «rund um die Meyerschen Stollen trotz intensiver Bemühungen und Nachforschungen auch heute noch Fragen ungeklärt sind».

Gerade im bahnhofsnahen Gebiet sei man im Rahmen einer intensiveren Nutzung durch den Bau von mehreren Untergeschossen in tiefere Schichten vorgedrungen. Immerhin gelang es dank kräftiger Finanzhilfe durch die Stadt Aarau, unter dem neuen Bahnhof einen Aufschluss für die Meyerschen Stollen zu erhalten und öffentlich zugänglich zu machen.

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