Aarau
Eine «Kampforganisation» wird 150 Jahre alt

Der Gewerbeverband Aarau feiert dieses Jahr sein 150-Jahr-Jubiläum. Der Verband gilt als Kampforganisation, musste er sich doch unter anderem gegen die als «aggressiv» empfundene Verkaufspolitik von Warenhäusern wehren.

Hermann Rauber
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Um der Weltwirtschaftskrise entgegenzuwirken, gründete der Gewerbeverband Aarau 1937 den MAG. az-Archiv/

Um der Weltwirtschaftskrise entgegenzuwirken, gründete der Gewerbeverband Aarau 1937 den MAG. az-Archiv/

Annika Bütschi

Handwerk hatte längst nicht immer «goldenen Boden», mindestens nicht im 19. Jahrhundert. Der Aargau bemühte sich zwar seit 1852 um eine «Gewerbeordnung», die aber erst Jahrzehnte später Realität wurde.

Lokale Handwerks- und Gewerbevereine (in Aarau ist ein solcher bereits um 1845 kurzlebig bezeugt) übernahmen die Interessen des beruflichen Mittelstandes. Der Wohlstand des ausschliesslich vom regionalen Binnenmarkt lebenden Gewerbes variierte je nach Branche erheblich. Ein Gefälle gab es zudem zwischen Stadt und Land.

Um die eigenen Interessen wirkungsvoller zu vertreten, entstand 1863 der Handwerks- und Gewerbeverein des Kantons Aargau, der sehr rasch zwölf Kreisvereine zählte, darunter ab 1864 auch jenen in der Stadt Aarau. Im Vordergrund stand die Idee der «Selbsthilfe», etwa durch die Möglichkeit günstiger Kreditaufnahmen, die Errichtung von Gewerbehallen oder die Aus- und Weiterbildung.

Allerdings löste sich der erste aargauische Gewerbeverband laut Heinrich Staehelin (Geschichte des Kantons Aargau, Band 2) «nach 1870 unter nicht näher bekannten Umständen wieder auf». Die Neugründung erfolgte erst 1894.

Die Probleme von Handel und Handwerk wurden nach der Wende zum 20. Jahrhundert nicht kleiner. 1907 kam es zur Gründung des Gewerbeverbandes Aarau als Rechtsnachfolger des alten Kreisvereins von 1864. Es handelte sich «nicht nur um eine Interessenvertretung, sondern um eine eigentliche Kampforganisation», stellt Margareta Edlin in ihrem Kapital der Geschichte der Stadt Aarau fest.

Primär ging es um die «heftigste Auseinandersetzung bei der Neugestaltung der Arbeitsverhältnisse». Schon damals war auch die Frage nach den Ladenschlusszeiten heiss diskutiert. Der Erste Weltkrieg lähmte zusätzlich die Wirtschaft, später sah sich das Gewerbe im Clinch mit der als «aggressiv» empfundenen Verkaufspolitik von Warenhäusern, Konsumgenossenschaften und aufkeimenden Grossverteilern.

Lokalpolitischer Machtfaktor

Einen weiteren Rückschlag löste die Weltwirtschaftskrise der Dreissigerjahre aus. In diese schwierige Zeit fiel 1937 die Gründung des MAG, des Marktes Aarauer Gewerbetreibender, mit dem man in die Gegenoffensive ging. Der MAG blieb in all den Jahren zwar eine selbstständige Organisation, doch zeigte man sich dem Gewerbeverband stets mehr oder weniger eng verbunden.

Nach 1945 profilierte sich das Gewerbe in Aarau zu einem lokalpolitischen Machtfaktor und griff immer wieder in die Debatte ein, vor allem bei Verkehrs- und Infrastrukturaufgaben, zum Beispiel beim Neubau der Kettenbrücke 1948/49. Im Jahre 1956 beteiligte sich das Gewerbe aktiv und nicht ganz uneigennützig an der Gründung des Busbetriebs Aarau (BBA).

Der Gewerbeverband war auch regelmässig im siebenköpfigen Aarauer Stadtrat vertreten. Man denke beispielsweise an den Getränkehändler Eugen Nil, an den Silberschmied Rudolf Widmer oder an den Spenglermeister Eduard Kull. Noch heute nennen die Statuten im Artikel 1 diesen Bereich: «Der Verband bezweckt, die beruflichen und ökonomischen Interessen seiner Mitglieder zu wahren und ihre standespolitischen Anliegen in der Öffentlichkeit zu vertreten». So gehört der Gewerbeverband (GVA) zur Trägerschaft des Vereins Aarau Standortmarketing. Allerdings versteht man sich zunehmend auch als Plattform für geschäftliches Netzwerk und als Schoss für gesellschaftliche Anlässe.

Nicht mehr nur Gwerbler

Schleichend verändert hat sich auch die personelle Struktur, zu den klassischen «Gewerblern» gesellten sich Vertreter der Dienstleistungsbranche (Banken und Versicherungen) oder Rechtsanwälte. Gemäss Marc Landolt, Vorstandsmitglied des GVA, ist die Mitgliederzahl mit rund 300 in den letzten Jahren konstant geblieben. Auf eine Jubiläumsschrift oder einen separaten Festakt zum 150. Geburtstag hat man bewusst verzichtet. «Wir leben in der Gegenwart und befassen uns mit der Zukunft», erklärt Landolt den Grund dafür.

Politisch nimmt das organisierte Gewerbe, das unter dem Präsidium von Thomas Hilfiker (Generalagentur Aarau der AXA Winterthur) steht, aber immer noch Stellung vor Sachabstimmungen und Wahlen in der Stadt Aarau. So wandte man sich jüngst vor dem 9. Februar dieses Jahres gegen den Kredit für die Erweiterung des Aareraums Ost, mit Erfolg.

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