Chronistengezwitscher

Eine «hübsche Anekdote»: Die schräge Nase und das Zugunglück

Das schwere Zugunglück im Aarauer Bahnhof.

Das schwere Zugunglück im Aarauer Bahnhof.

Jeden Monat werfen wir einen Blick in die Chroniken der Aarauer Neujahrsblätter. Wir schauen, was die Stadt vor 20, 50 oder 70 Jahren bewegt hat, und zeigen hübsche Trouvaillen zum Grinsen, Ärgern oder Besserwissen. Diesmal geht es um verschachtelte Züge und verschobene Nasen, um den vertrackten Coop-Neubau und versteckte Schätze.

Glück im Unglück hatten die Passagiere des Personenzugs, der am 19. September 1960, kurz vor 15 Uhr, im Aarauer Bahnhof einfahren sollte. Auf dem Areal des Güterbahnhofes Gais kam es zu einer heftigen Kollision mit einem Eil-Güterzug. «Der aus Richtung Brugg kommende Personenzug fuhr dem Güterzug schräg in die Seite und zertrennte ihn buchstäblich», schrieb das «Aargauer Tagblatt» tags darauf. «Nachdem einige Wagen des ausfahrenden Zuges seitlich aufgerissen und aus dem Gleis geworfen worden waren, prallte der Personenzug frontal gegen einen Postwagen. Hinter diesem wurden einige Güterwagen arg ineinandergeschachtelt und komplett zerstört», so der Bericht. Insgesamt zehn Güter- und Postwagen sowie eine Lokomotive wurden beim Zusammenstoss zum Teil schwer beschädigt. Mehrere Personen wurden verletzt, eine davon schwer.

Wenn es nicht wahr ist, ist es doch gut erfunden

Weniger glimpflich war ein Bahnunfall gut 70 Jahre früher ausgegangen, wie das AT im gleichen Bericht schreibt: 1899 war ein Schnellzug der Nordostbahn ungebremst in zwei wartende Lokomotiven der Centralbahn gekracht. Der Unfall forderte zwei Todesopfer, vier Schwerverletzte und einen Leichtverletzten. Vier Jahre lang wurde anschliessend um ein Urteil gerungen; der Zugführer beharrte darauf, die Bremsen hätten nicht funktioniert, die Verwaltung der Nordostbahn vermutete, hingegen behauptete, der Lokführer sei eingeschlafen. Die Verwaltung bekam recht, das Urteil wurde aber bis vor die Bundesversammlung weitergezogen. Ein Ringen, das die Öffentlichkeit laut AT-Artikel jahrelang beschäftigte. Das und die «hübsche Anekdote», so der AT-Redaktor, wonach einer der Verletzten, der von Natur aus eine schiefe Nase gehabt habe, vom Unfall profitiert habe: «Sie sei ihm beim Zusammenstoss geradegeschlagen worden, und dazu habe er erst noch ein namhaftes Schmerzensgeld ausbezahlt erhalten.» Eine Anekdote, die auch noch über 70 Jahre später am Familientisch erzählt worden sei. Immerhin fügt der Redaktor an: «Se non è vero, è ben trovato!»

«Harte Nüsse» wurden geknackt

50 Jahre ist es her, dass Coop sein Geschäft an der Igelweid eröffnet hat: Am 10. September 1970 wurde der «Coop City» mit viel Prominenz gefeiert – sieben Jahre nach Einreichen des Baugesuchs. «Eine lange Reihe von Hürden war zu nehmen gewesen», so der AT-Redaktor. Erst 1967 wurde die Bewilligung erteilt, nachdem verschiedene Einsprachen behandelt und «harte Nüsse» – in Bezug auf technische Herausforderungen – geknackt worden waren. Weichen mussten für den 8,7-Millionen-Bau verschiedene schmale Altstadthäuser. Zu den Baukosten kamen nochmals 3 Millionen für die Innenausstattung und 2,7 Millionen für das Land.

Grisaillemalereien unter der Gipsdecke versteckt

Ebenfalls vor 50 Jahren wurden im Schlössli die restaurierten Deckenmalereien aus einem abgebrochenen Gebäude des Oboussierguts (heute unter anderem Ludothek) montiert. Ein Schatz, der beinahe verloren war: Die südliche Gebäudegruppe des Oboussierguts musste weichen, um dem «Hübscherhaus» Platz zu machen (heute Stadtbibliothek, verschoben 1969). Davor waren zwar alle Öfen und kunsthistorisch wertvollen Gegenstände aus dem im 17. Jahrhundert errichteten Gebäude entfernt worden. Das Wertvollste aber war unter der Gipsdecke versteckt: sogenannte Grisaillemalereien, gemalt auf Deckenbretter. Ein kunstsinniger Malermeister entdeckte die Malereien im Bauschutt und konnte sie – dank einer mit Trinkgeld erwirkten Arbeitspause – retten. Er schenkte die Deckenbretter schliesslich dem Stadtmuseum Schlössli.

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