Aarau
Eine gescheiterte Sommerkolumne

SP-Einwohnerrätin und "We love Aarau"-Bloggerin Silvia Dell'Aquila über kleine Welten, Vorurteile und die Aarauer Stadtratskandidaten.

Silvia Dell’Aquila
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Oliver Hofer, bigfisch.ch

Dies hätte eine schöne Sommerkolumne werden sollen. Eine über Sommeraktivitäten in Aarau, einen erfrischenden Aareschwumm und fröhliche Menschen. Eine Kolumne darüber, dass das Aareufer einen Espresso-Truck vertrüge, mit Anregungen zu WC-Anlagen-Standorten oder auch Daydances in der Stadt. Und dann überrollt mich das Buchser Einbürgerungsdebakel.

Ohne noch auf den Fall der 25-jährigen Frau einzugehen, die von Dorfpolitikern gedemütigt wurde, mache ich mir Gedanken über Konformität und Konventionen, die uns beherrschen. Die Aussagen der Kommission und des Gemeinderats in Buchs, welchen der Einwohnerrat gefolgt ist, sagt mehr aus über diese selbst als über die Frau, welche wegen angeblich mangelnder Integration das Schweizer Bürgerinnenrecht nicht erhält. Es sagt über diese Leute aus, dass sie starre, enge Vorstellungen vom Leben haben, ausserhalb von Buchs wenig Kontakt zur Welt pflegen und innerhalb des Dorfes meistens unter ihresgleichen verkehren. Sie haben genaue Vorstellungen davon, wie man sich zu verhalten hat.

Der Entscheid und die Aussagen dazu sind Ausdruck einer Machtausübung von Leuten, die meinen, sie seien etwas Besseres und in ihrer kleinen Welt – ein Ausdruck übrigens, welchen sie selbst gerne gebrauchen – wohl auch darin bestätigt werden.

Ob, wann und wie ich mich unter Menschen verhalte und bewege, wie ich die Welt sehe, was meine Wünsche und Vorstellungen sind, ob ich gerne die Welt bereisen möchte oder lieber ein Leben lang in meiner Stube sitze, ob ich dumm oder intelligent bin, intro- oder extrovertiert, das ist ausschliesslich meine Sache und hat damit nichts zu tun, ob ich nun «gut integriert» bin oder welche Nationalität ich habe – und ob ich dazugehören «darf».

Denn Buchs ist kein Einzelfall, in allen Einbürgerungskommissionen werden Kandidaten und Kandidatinnen nach Eigenschaften, Hobbys, Tätigkeiten, Aussehen und weiteren Nebensächlichkeiten beurteilt, was plötzlich noch viel wichtiger wird als ein gut gelöster Einbürgerungstest, ein sauberer Leumund und weitere objektive Kriterien. Trotz aller Individualisierung halten wir uns immer wieder an Vorstellungen, wie man sein soll oder eben nicht – wie oft ertappe ich mich auch selber dabei, mir aufgrund von Geschlecht, Beruf, Aussehen oder sonstigen Merkmalen eine Idee eines Menschen zu machen.

Diese Konformitäten und Konventionen gibt es in allen Lebenslagen, aber gerade auch, wenn es um Macht- und Güterverteilung geht. Da hat man noch zu wenig erkannt, dass Verschiedenheit gewinnbringend ist, während Monokulturen keine Zukunft haben. Wir geben uns offen und diversitätsaffin, doch tappen wir immer wieder in die gleichen Fallen.

Nehmen wir unsere aktuelle Stadtregierung. Fünf der sieben Mitglieder sind im Zelgli/Gönhard wohnhaft, zwei in Rohr, da es sich auch gehört, den neuen Stadtteil einzubinden. Alle sind etwa gleich alt und bis auf einen Stadtrat haben auch alle «geregelte» Familienverhältnisse mit Kindern, wie es sich gehört. Man lebt in einem Häuslein mit einem Gärtlein. Das wird sich in der neuen Legislatur nicht ändern. Kandidaturen stammen mehrheitlich aus dem Zelgli/Gönhard, hinzu kommt noch ein Hungerbergler (ein Quartier mit einem ähnlichen Status) und jemand vom Stadtteil Rohr. Es schwebt uns offenbar ein gewisses Bild vor, wer eines Amtes würdig sein könnte, was denn für Attribute dafür nötig sind. Es ist schon so weit, dass ein Stadtpräsidiumskandidat im Interview seinen Zivilstand erklären muss, wenn dieser nicht zum Rest passt.

«Aarau wird vom Zelgli aus regiert», hört man seit Jahrzehnten – und das wird sich wohl in naher Zukunft nicht ändern. Ob das unserer Stadt guttut, ist eine andere Frage.

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