Isabella M. traute ihren Ohren nicht, als sie am 24. Juni vergangenen Jahres die Gerichtspräsidentin des Bezirksgericht Aarau sagen hörte: «Frau M. ist verpflichtet, die Liegenschaft in Unterentfelden Ende September zu verlassen.» Da ist wohl einiges schief gelaufen, dachte sie.

Rückblick: 2003 zog das Ehepaar M. mit seinen drei Kindern in ein Haus in Unterentfelden. Für Isabella M. ging ein kleiner Traum in Erfüllung. Zwei Jahre später kam das vierte Kind, 2011 die Scheidung. Ein Rosenkrieg entbrannte. Zuletzt erhielt die Frau das alleinige Sorgerecht für die Kinder und das Wohnrecht an der Liegenschaft bis ins Jahr 2023. Als Eigentümer des Hauses wurde indes der Mann bestimmt.

Die Frau war froh, mit den Kindern im Haus bleiben zu können. Die Miete war für sie dort viel tiefer, als wenn sie sich mit den vier Kindern eine neue Wohnung hätte suchen müssen. Der Mann jedoch ärgerte sich. Mehrmals versuchte er, die Frau aus dem Haus zu verbannen, scheiterte aber.

Mann wollte Haus verkaufen

«Mein Exmann hatte finanzielle Probleme und wollte das Haus verkaufen», sagt M. heute. Der Exmann will sich nicht zum Fall äussern und verweist auf seine Anwältin. Diese sagt, Isabella M. hätte das Haus ohnehin ab Juli 2014 verlassen müssen, «da dann die Hypothekargläubigerin ankündigungsgemäss die Zwangsversteigerung in die Wege geleitet hätte».

In einem noch laufenden Prozess strebt der Exmann an, das Scheidungsurteil zu ändern und Isabella M. das Wohnrecht zu entziehen. Dieses Hauptverfahren ist noch nicht abgeschlossen. Der Mann wandte sich dann im Dezember 2013 mit einem Gesuch an das Bezirksgericht: Die Frau solle die Liegenschaft schon jetzt, noch vor Ausgang des Hauptverfahrens, verlassen müssen. Das Bezirksgericht entschied zugunsten des Exmannes. M. musste raus. Sie verstand die Welt nicht mehr.

Neue Wohnung ist zu teuer

M. sitzt in ihrer neuen Wohnung nicht weit von dem Haus entfernt, wo sie elf Jahre lang gewohnt hatte. Sämtliche Möbel hier drin seien jene von ihrem Partner. «Nur der kleine weisse Esstisch ist von mir», sagt sie. Nach dem Entscheid des Bezirksgerichts legte M. mit ihrem Anwalt sofort Berufung ein.

Doch die Zeit verging und Ende September nahte. Schliesslich mobilisierte sie Freunde und Familie, die ihr beim Räumen des Hauses halfen. «Vieles musste ich wegschmeissen, das brach mir das Herz.» Wohin sie mit den vier Kindern gehen sollte, wusste sie nicht. M. stand auf der Strasse.

Sie kam bei ihrer Mutter, dann bei einer Freundin unter. Eine bezahlbare Wohnung für sie und ihre vier Kinder zu suchen, sei schwierig gewesen. Schliesslich zog die älteste Tochter in die Stadt, wo sie arbeitete, der 18-jährige Sohn kam bei einer Freundin unter.

Mit den 12- und 9-jährigen Töchtern zog Isabella M. in eine Viereinhalbzimmerwohnung. Glücklich ist sie nicht. «Ich kann die Miete jetzt schon kaum mehr bezahlen. Es ist viel zu teuer.» Knapp einen Monat, nachdem M. in die neue Wohnung gezogen war, kam am 24. November das Urteil des Obergerichts: Die Berufung der Frau wurde gutgeheissen, die Klage des Mannes abgewiesen. Der Entscheid des Bezirksgerichts war ungültig, Isabella M. hätte ihre Wohnung laut Obergericht nicht verlassen müssen. M. jubilierte.

Aber nicht lange. Ihr grösster Wunsch wäre es gewesen, zurück in das alte Haus zu ziehen. Mit allen vier Kindern. Das traute Heim, das «Mama-Nest», wie sie sagt, wieder herzustellen. Nur: Der Exmann hatte die Liegenschaft inzwischen verkauft. Seine Anwältin sagt, ihr Mandant habe das Haus aus Gründen verkaufen müssen, die dem Anwaltsgeheimnis unterliegen.

Wohnrecht nicht im Grundbuch

M. sagt: «Nach der Scheidung wurde offenbar mein Wohnrecht nicht ins Grundbuch eingetragen. Warum, weiss ich nicht.» Als sie dies bemerkte, habe ihr Anwalt versucht, das Wohnrecht rückwirkend eintragen zu lassen. Vergeblich. Wäre dies gelungen, hätte sie sofort nach dem Urteil des Obergerichtes wieder einziehen können.

M. ist verzweifelt. Sie muss nun noch den Hauptprozess zur Abänderung des Scheidungsurteils abwarten. Ob sie noch weiter um das Haus kämpfen soll, weiss sie nicht. «Irgendwann hat man keine Kraft mehr», sagt sie. Derzeit meide sie es, nur schon bei dem Haus vorbeizugehen. Wenn sie es sehe, breche sie in Tränen aus.