Aarau
Eine Broschüre erklärt die Stadt der schönen Giebel

Eine neue Broschüre zeigt, warum der Aargauer Hauptort zu Recht als die «Stadt der schönen Giebel» gilt. Ein paar Sujets tauchen dabei immer wieder auf.

Hermann Rauber
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Der Name der einstigen Besitzer Hunziker mit Bäcker und Trachtenfrau an der Metzgergasse
6 Bilder
Messerschmiede an der Vorderen Vorstadt
Metzger-Beile
Kamm und Messer als Zeichen des Coiffeurmetiers an der Rathausgasse
Eine Auswahl der Aarauer Giebel
Enziane an einem Haus an der Pelzgasse

Der Name der einstigen Besitzer Hunziker mit Bäcker und Trachtenfrau an der Metzgergasse

Philipp Husistein

Vor einem halben Jahrhundert kam Aarau zum Werbeslogan «Stadt der schönen Giebel», eine Affiche, die heute noch Gültigkeit hat. Die Bemalung der Dachhimmel reicht weit in die Berner Zeit, wahrscheinlich bis ins 17. Jahrhundert zurück. Sie ist auch heute noch ein sichtbares Zeichen des Wohlstandes und des Stolzes der Hauseigentümer, vornehmlich in der Alt- und Vorstadt.

Seit wenigen Wochen liegt ein fotografisches Inventar mit insgesamt 89 abgebildeten Dachgiebeln vor. Die Broschüre ist dank einer privaten Initiative des Aarauer Architekten Philipp Husistein in Fronarbeit entstanden und unter anderem im Verkehrsbüro aarau info an der Metzgergasse und im Stadtbüro im Unteren Rathaus zu beziehen, gratis notabene.

Husistein selbst durfte im Rahmen der Umgestaltung der Mall im City-Märt im zentralen Oberlicht den jüngsten Aarauer Giebel gestalten. Das zeige, so der Architekt, dass solche Bemalungen zwar historisch belegt, aber auch «dynamisch» sind, sich verändern und «aktuelle Strömungen und Ereignisse einbeziehen». Auch wenn die originalen Malereien aus früheren Jahrhunderten, vermutlich in der Berner Zeit in der damals beliebten Grisaille-Technik gestaltet, wegen der zersetzenden Witterung allesamt längst verschwunden und ersetzt oder übertüncht worden sind.

Deshalb ist die in Fronarbeit geleistete Übersicht zu den ganz unterschiedlichen Giebeln verdienstvoll. Allerdings lässt er den geneigten Stadtwanderer und «Hans-guck-in-die Luft» verschiedentlich ratlos auf dem Trottoir oder Gassenpflaster zurück. Der Betrachter der Dachhimmel möchte nämlich zu gerne mehr von der Symbolik hören und wissen, aus welchem Grund ein ganz bestimmtes Sujet ausgewählt worden ist.

Mehr als die Hälfte des aufgelisteten Hausschmucks wirkt allein durch die Optik, erklärt sich also leicht. Es sind Ornamente, schlichte Grafik oder Dekormalereien, die dominieren. Dazu gehören auch Objekte aus der Flora, zum Beispiel ein Edelweiss (Bild 1, Haus Pelzgasse Nr. 6) oder prächtige Rosen (Adelbändli Nr. 9) als Symbol für Prosperität und Liebe. Beliebt waren im frommen 17. und 18. Jahrhundert religiöse Darstellungen und Motive aus der Bibel. Diese sind heute mit wenigen Ausnahmen fast ganz verschwunden. Eine ziert den Giebel am Erkerhaus (Rathausgasse Nr. 10). Wer genau hinschaut, entdeckt den mahnenden Spruch «Gott sieht alles» samt hebräischen Schriftzeichen. Diese beziehen sich möglicherweise auf den Aarauer Apothekersohn Daniel Egglin, der in diesem Eckhaus wohnte und 1549 als Jüngling zu einer sieben Jahre dauernden Reise ins Heilige Land aufbrach, die ihn bis Jerusalem führte.

Neueren Datums ist der bemalte Spruch am Haus Vordere Vorstadt Nr. 16 (ehemals Apotheke Fehlmann), nämlich «Omnia Vi Divina», was aus dem Lateinischen übersetzt «Alles durch Gottes Macht» heisst (Bild 2). Gängig war bei der Sujetwahl auch der Hinweis auf das Gewerbe, das unter dem jeweiligen Dach betrieben wurde. Zu sehen etwa am Haus Rathausgasse Nr. 21, an dem Kamm und Messer auf das einstige Coiffeurmetier hinweisen (Bild 3). Oder das Berufsemblem des Metzgers (zwei weisse Beile auf rotem Grund) an der Vorderen Vorstadt Nr. 13, wo bis vor rund vierzig Jahren tatsächlich eine Metzgerei das Parterre belegte (Bild 4). Ebenfalls an der Vorderen Vorstadt (Haus Nr. 29) prangt am Giebel noch der Hinweis auf das einstige Versammlungslokal der historisch bedeutenden Innung der Aarauer Messerschmiede samt zwei Darstellungen aus der Werkstatt dieses alten Handwerks, das im kommenden Sommer endgültig aus dem Stadtbild verschwinden wird (Bild 5).

Natürlich lag und liegt es auch nahe, den Dachhimmel mit dem Familienwappen des Eigentümers zu schmücken. Das gilt etwa für das Haus Rathausgasse 29 (Apotheke Göldlin von Tiefenau) oder für die Liegenschaft Rathausgasse 17 mit dem Emblem der Familie Gloor aus Leutwil. Besonders originell ist schliesslich das «sprechende» Wappen am Fassadenabschluss an der Metzgergasse Nr. 22. Es zeigt im Heimatstil einen Bäcker und eine Trachtenfrau, die den Hinweis auf den einstigen Besitzer mit dem Namen Hunziker («Huntzigker» mit der Jahrzahl 1621) umrahmen (Bild 6).«Sprechend» ist das Wappen deshalb, weil es laut dem ehemaligen Stadtarchivar Martin Pestalozzi einen Hund zeigt, der den Namen «Hund-ziker» heraldisch darstellen soll.

Solche «Geschichten» sucht auch Philipp Husistein, der das von ihm in Angriff genommene Inventar der Aarauer Giebel laufend ergänzen und erklärende Texte «in eine zweite Auflage der Broschüre einfliessen lassen will».