Suhr

Eine Bratsche, aber prestissimo! Geigenbauer Mark Wilhelm und sein Team stecken mitten im «fiddle race»

In der Geigenbau-Werkstatt.

In der Geigenbau-Werkstatt.

16 Hände, 80 Stunden, ein Instrument: Mark Wilhelms Geigenbauer wagen diese Woche etwas Aussergewöhnliches: Im ersten «fiddle race» der Betriebsgeschichte bauen sie in Rekordzeit eine Kinderbratsche, die für die nächsten 400 Jahre halten soll.

Ein Königreich für eine Kinderbratsche, dachte sich Mark Wilhelm, als kürzlich ein Kunde an seiner Geigenbauwerkstatt anklopfte und der Geigenbaumeister feststellen musste, dass ihm die Kinderbratschen ausgegangen waren. Ein Königreich hatte er nicht, aber eine Idee: Er trommelte seine acht Mitarbeiter zusammen und lancierte das erste «fiddle race» in der 54-jährigen Betriebsgeschichte.

Die Idee stammt aus England und geht so: Die Geigenbauer legen ihre übrigen Arbeiten zur Seite und machen sich alle gemeinsam daran, als Team in Rekordzeit eine Geige zu fertigen. Genau wie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Berufsverbände der Geigenbauer (die sogenannten Innungen) aufgelöst wurden und jedermann Geigen bauen durfte.

16 Hände, 80 Stunden, 1 Bratsche: Der Suhrer Geigenbauer Mark Wilhelm und sein Team stecken mitten im «fiddle race».

16 Hände, 80 Stunden, 1 Bratsche: Der Suhrer Geigenbauer Mark Wilhelm und sein Team stecken mitten im «fiddle race».

In gewissen Regionen führte das dazu, dass Familien sich als Kleinmanufakturen betätigten und in ihren Häusern im Eiltempo Einzelteile für den Geigenbau herstellten. Ein Abwenden von der alten Geigenbauertradition, die vorsieht, dass ein Geigenbauer das ganze Instrument von A bis Z selber herstellt. «Eine traurige Zeit für den Geigenbau» sei das gewesen, sagt Mark Wilhelm. «Viele der Instrumente aus dieser Ära sind nicht mehr als Holzmüll.»


Das Buch der alten Bratschen

Wilhelm steht mitten in seiner Werkstatt an der Suhrer Bachstrasse. Um ihn herum werkeln seine Mitarbeiter hoch konzentriert an den Einzelteilen, die bis Ende Woche zu einer fertigen Bratsche zusammengefügt werden müssen. 80 Stunden Zeit hat ihnen der Chef gegeben, dann muss die Bratsche fertig sein. «Normalerweise brauchen wir für einen solchen Auftrag etwa 200 Stunden», erklärt Wilhelm, setzt sich eine Lupenbrille auf und macht sich am Steg zu schaffen: jenem Holzteilchen, das zwischen die Saiten und den Klangkörper gespannt wird.


80 Stunden statt 200? Da müssen die Geigenbauer also mehr als doppelt so effizient arbeiten. «Ja», sagt Wilhelm und blinzelt verschmitzt unter seiner Lupenbrille hervor. «Die Präzision bleibt dabei auf der Strecke.» Dem 8-jährigen Kind, für das er und seine Mitarbeiter die Bratsche herstellen, wird das ziemlich schnuppe sein. «Die Qualität des Instruments wird trotzdem weit über jener eines durchschnittlichen Schülerinstruments liegen», betont Wilhelm. Eine lebendige Machart sei sowieso viel wichtiger als Präzision bis ins letzte Detail. «Viele der tollsten Instrumente, die ich kenne, sind alles andere als perfekt in ihrer Machart.»


Im oberen Teil der Werkstatt steht Rose Handy. Die englische Geigenbauerin ist erst seit einer Woche in Suhr, das «fiddle race» ist ihre Feuertaufe. «Ich bin das aber gewohnt», sagt Rose und schlägt das riesige Buch mit Hunderten Fotos von alten Bratschen auf. «In England haben wir immer in der Weihnachtszeit fiddle races veranstaltet. Aber nicht mit 80 Stunden Zeit, sondern mit 24!» Rose misst die «f-Löcher» der Vorbildbratsche aus dem Buch ab (ein über 400-jähriges Modell eines Geigenbauers aus Brescia) und überträgt sie auf die Ahornplatte, aus der ihr Kollege Boris nachher die «Decke» der Bratsche fräsen wird. Florian nebenan macht sich derweil an den «Zangenkranz», Angela kümmert sich um die «Fugen», Niklaus wölbt den «Boden» und der Chef sitzt noch immer am «Steg».

Bernsteinpulver und Aloe

Und wer jetzt nur noch Bahnhof versteht, der stelle sich einfach eine schöne alte Werkstatt vor, an den Wänden glänzende Geigen und anmutige Celli, auf den Werkbänken feine Holzteilchen, in den Schubladen Zangen, Saiten, Scheren, aus dem Nebenzimmer immer mal wieder Violinenklänge von Kunden, die eines der Streichinstrumente ausprobieren, und mitten in der Szenerie eifrig feilende, schneidende, schleifende Geigenbauer mit dem einen Ziel vor Augen: die zusammengebaute Bratsche Ende Woche mit einer zauberhaft klingenden Mischung aus Kolophonium, Bernsteinpulver, Aloe und Leinöl zu grundieren, das fertige Instrument an den kleinen Kunden zu überreichen und Kinderaugen funkeln zu lassen.

Bis dahin sinds aber noch Hunderte Arbeitsschritte. Auf einen ist Wilhelm besonders gespannt: die Anfertigung des Griffbretts. Seit Jahrhunderten werden die Griffbretter aus exotischem, fast schwarzem Ebenholz hergestellt. Weil das immer knapper wird und Wilhelm eigentlich gegen die Abholzung tropischer Hölzer ist, verwendet er für das Griffbrett verdichtetes Ahornholz. Das ganze Instrument besteht somit aus einheimischen Hölzern. Die Decke ist ein Souvenir von einer Wanderung im Engadin, das Ahornstück hat Wilhelm auf einer Wanderung im Napfgebiet gefunden.


Für die nächsten 400 Jahre

Auf seine Idee, tropische Edelhölzer durch verdichteten einheimischen Ahorn zu ersetzen, wurden sogar ein paar Forscher der ETH aufmerksam. Gemeinsam mit ihnen arbeitet Wilhelm an einem Pilotprojekt, das die Schwingungseigenschaften einheimischer Hölzer untersucht. Wenn das Forschungsprojekt erfolgreich verläuft, könnte Wilhelms Idee den Geigenbau revolutionieren.


Und so weht durch diese traditionelle Werkstatt irgendwie ein Hauch von weiter Welt und von Zukunftsforschung. Ob das alles klappen und ob die revolutionäre Kinderbratsche rechtzeitig fertig wird? «Holz alänge, das wird schon», sagt Wilhelm und greift wieder zum Steg. Die Kinderbratsche übrigens, die soll bis mindestens ins Jahr 2400 halten, prophezeit Wilhelm. 80 Stunden Arbeit für 400 Jahre inspiriertes Musizieren: Das lohnt sich.

Offen bleibt, wie angetan der 8-jährige Kunde dann auch wirklich ist. Denn Üben, das macht auch auf den Instrumenten aus Wilhelms zauberhafter Geigenbauerei nicht immer nur Freude. Das weiss der Autor aus eigener, 17-jähriger Erfahrung.

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