Es ist bereits dunkel, als wir Funda Yilmaz vor dem Haus ihrer Eltern in Buchs treffen. Eigentlich hat sie mit den Medien abgeschlossen. Am Schluss stimmte sie einem letzten Treffen trotzdem zu. Mit Hündchen Bobby an der Leine spazieren wir ins Dorfzentrum. Dorthin, wo ihre beiden Einbürgerungsgespräche stattfanden, der Einwohnerrat den fragwürdigen Entscheid fällte und sie das erste Mal vor einer Kamera Fragen beantwortete. «Ins Dorf dauert es schon 20 Minuten», hatte Funda Yilmaz gewarnt. Sie wohne praktisch in Suhr. Bis zur Grenze seien es nur ein paar hundert Meter. Ein paar hundert Meter und eine andere Gemeinde hätte über ihr Einbürgerungsgesuch entscheiden müssen. Dann würde die Schweiz Funda Yilmaz heute vielleicht nicht kennen.

Funda Yilmaz blickt im Interview im Tele M1 auf ihr 2017 zurück: «Es hat mich selbstbewusster und mutiger gemacht»

Die ersten Journalisten vom Regionalfernsehen hätten im Mai an der Haustür geklingelt, erzählt Funda Yilmaz. Sie wollten ein Interview, weil sie aus der «Aargauer Zeitung» erfahren hatten, dass die Buchser Einbürgerungskommission ihr Gesuch zur Ablehnung empfahl.

Funda Yilmaz war überrumpelt, bat um Bedenkzeit und sagte später ab. Sie wollte das nicht, die Öffentlichkeit. Aber die Journalisten riefen sie vor der Einwohnerratssitzung erneut an, ob sie nicht doch damit einverstanden wäre. Nur ein kurzes Statement. Schliesslich stimmte sie zu. Es war ihr erstes Interview. Vor dem Gemeindesaal, nachdem die Mehrheit des Einwohnerrats beschlossen hatte, sie nicht einzubürgern. Während die Journalistin die Kamera einstellte, fragte sich Funda Yilmaz, warum sie bloss Ja gesagt hatte und vor allem, was sie denn jetzt sagen sollte.

«Nein, das sehen jetzt alle»

Funda Yilmaz, scheu und zurückhaltend, hatte sich nie aufgedrängt, das Rampenlicht nicht gesucht und war trotzdem plötzlich mittendrin. Das Interesse der Journalisten war nach den ersten Fernsehbeiträgen und Artikeln geweckt. Alle wollten ein Interview. «Es wurde mir schon etwas zu viel.» Mit Irène Kälin und Andreas Glarner diskutierte sie im «Talk täglich». Die Sendung schaute sie sich später allein an. «Ich dachte nur, ‹Nein, das sehen jetzt alle›.» Sie habe sich ein paar Mal an den Kopf gefasst, weil ihr im Nachhinein bessere Antworten auf die Fragen in den Sinn gekommen waren.

«Ich war extrem nervös»

Ausschnitte aus der Sendung «TalkTäglich» mit Funda Yilmaz und SVP-Asylstratege Andreas Glarner.(26.6.2017)

Inzwischen finden sich in der Schweizer Mediendatenbank zum Stichwort Funda Yilmaz 241 Artikel. Dazu kommen Fernsehbeiträge, Online-Artikel und Texte in internationalen Medien von Amerika bis China. Die Geschichte der jungen Türkin aus Buchs, deren Einbürgerungsgesuch abgelehnt wurde, interessierte. Sie interessierte, weil sie absurd war, weil sie Willkür und Missstände des Schweizer Einbürgerungssystems aufzeigte und weil sie dazu anregte, zu überlegen, was eine echte Schweizerin ausmacht.

Ein fehlerfreier Staatskundetest und das Beherrschen der Sprache schienen – zumindest im Fall Yilmaz – nicht zu genügen. Auch dass sie in der Schweiz geboren und aufgewachsen ist und die Türkei nur von den Ferien kannte, zählte nicht. Die Einbürgerungskommission warf ihr vor, den Brauch des Aarauer Bachfischet nicht zu kennen, nicht viel über Abfallentsorgung zu wissen und bei den Einkaufsmöglichkeiten in der Gemeinde bloss Migros und Aldi, nicht aber die Läden im Zentrum von Buchs zu kennen.

Bevor wir beim Gemeindehaus ankommen, ist die Leuchtreklame der Bäckerei Jaisli zu sehen. Junior-Chef Marc Jaisli sitzt für die SVP im Buchser Einwohnerrat, seine Schwester ist Mitglied der Einbürgerungskommission. «Ist das der Dorfbeck, den Sie im Gespräch nicht erwähnten?» – «Ja.» – «Hat der Bäcker mal etwas gesagt?» – «Er war froh, dass er in den Medien nicht so fest angegriffen wurde wie der Metzger.»

«Wie eine Ewigkeit»

Vor dem Gemeindehaus bleiben wir stehen. Hier hat alles angefangen. Hier hat Funda Yilmaz zweimal die Fragen der Einbürgerungskommission beantwortet. Nebenan, im Gemeindesaal, hat der Einwohnerrat auf Empfehlung der Kommission ihr Gesuch abgelehnt und im Oktober die Kehrtwende vollzogen. «Es kommt mir alles vor wie eine Ewigkeit. Unglaublich, dass das alles dieses Jahr war.»

An einem Schreibtisch im Gemeindehaus hat die Einbürgerungskommission den Brief verfasst, in dem sie ihren Entscheid begründete. Darin hiess es, Funda Yilmaz würde in einer kleinen Welt leben, mit keinem Schweizer einen Dialog führen. «Das hat mich enttäuscht und verletzt.» Das einzige Mal während des Spaziergangs wird Funda Yilmaz energisch, spricht lauter.

Was die Mitglieder der Einbürgerungskommission die 25-Jährige fragten und wie sie antwortete, ist bekannt. Die Schweizer Illustrierte hatte im Juli die Protokolle des Gesprächs veröffentlicht. Funda Yilmaz war gerade mit ihrem Verlobten in der Türkei in den Ferien. Ein paar Tage Sonne, Strand und Meer hatten sie noch vor sich. Doch mit der Publikation des Artikels endete die Ruhe. Ihr Telefon klingelte, Journalisten schrieben ihr SMS und E-Mails. Das Schweizer Fernsehen wollte sie als Gast in den «Club» einladen. «Sie haben mir sogar angeboten, meine Flüge in die Schweiz und zurück in die Türkei zu bezahlen.» Aber dieses Mal – und vielleicht war es das einzige Mal – liess sich Funda Yilmaz nicht umstimmen. Sie blieb in der Türkei, las aber jeden einzelnen Artikel. «Mein Verlobter nervte sich. Aber ich konnte nicht anders. Ich musste doch wissen, was über mich geschrieben wird.» Auch den «Club» schaute sie sich an. «Es war komisch, sechs fremde Leute über mich sprechen zu hören.»

Funda Yilmaz eingebürgert: Jetzt will sie Freund Nico heiraten

Endlich Schweizerin! Der Buchser Einwohnerrat hat Funda Yilmaz am Mittwoch im zweiten Anlauf eingebürgert. Was die 25-Jährige jetzt vorhat. (19. Oktober 2017)

«Ich konnte helfen»

Funda Yilmaz hat der Veröffentlichung der Protokolle zugestimmt, obwohl sie es am Anfang nicht wollte. «Aber es gab Leser, die kommentierten, sie wüssten ja gar nicht, was genau abgelaufen sei.» Sie fühlte sich zu Unrecht beschuldigt und entschied, alles offenzulegen. Hoffte, dass damit endlich Ruhe einkehren würde. Das Gegenteil geschah.

Trotzdem bereut sie es nicht, dass ihre Geschichte öffentlich wurde. «Ich konnte damit anderen Leuten in einer ähnlichen Situation helfen. Und zu wissen, dass ich geholfen habe, kann ich nicht bereuen.» Aber auch sie persönlich hat eine Entwicklung durchgemacht. Es habe sie viel Überwindung gekostet, Interviews zu geben, vor die Kameras zu stehen. Sie sei definitiv über sich hinausgewachsen, mutiger geworden. «Vor einem halben Jahr hätte ich noch nicht so locker erzählt.» Wer sie von Anfang an begleitet und beobachtet hat, kann dem nur zustimmen.

Nächstes Jahr zieht Funda Yilmaz mit ihrem Verlobten in eine gemeinsame Wohnung, weg von Buchs, und sie wird heiraten. 2018 verspricht erneut ein ereignisreiches Jahr für die junge Frau zu werden. Dieses Mal verzichtet Funda Yilmaz jedoch dankend auf Journalisten an ihrer Seite. «Davon hatte ich dieses Jahr wirklich genug.»

Buchser Einwohnerrat sagt Ja zu Funda Yilmaz: