Aarau
Eine Aarauer Rentnerin mitten im Nahostkonflikt

Die 68-jährige Mariette Patry lebte während dreier Monate in Palästina und kämpfte dort im Auftrag der Organisation Peace Watch Switzerland für die Rechte der einheimischen Bevölkerung.

Fabio Baranzini
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Mariette Patry vor dem Gerechtigkeitsbrunnen in Aarau. FBA Mariette Patry vor dem Gerechtigkeitsbrunnen in Aarau. FBA

Mariette Patry vor dem Gerechtigkeitsbrunnen in Aarau. FBA Mariette Patry vor dem Gerechtigkeitsbrunnen in Aarau. FBA

«Ich wollte noch einmal ein Abenteuer erleben, und ein Auslandaufenthalt reizte mich schon lange», sagt die Aarauerin Mariette Patry, die seit fünf Jahren pensioniert ist. Als die ehemalige Aarauer Einwohnerrätin in der Heks-Zeitung ein Inserat der Organisation PWS (Peace Watch Switzerland) sah, die freiwillige Helfer für Auslandeinsätze in Israel und Palästina suchte, meldete sie sich.

Im März 2010 begannen die Vorbereitungen für den Aufenthalt in Palästina mit zwei Kursblöcken à je vier Tagen. Dabei erhielt Patry eine Einführung in die Geschichte und die Kultur der Region. Im Februar war es soweit: Mariette Patry schlug ihre Zelte für drei Monate im palästinensischen Jayyous auf.

Präsenz und Augenzeugenberichte

Die Bewohner des kleinen Bauerndorfs im Westen von Palästina gehörten zu den Ersten, die internationale Hilfe anforderten, da durch den Bau der israelischen Mauer mehr als 80% ihres Ackerlandes auf der israelischen Seite zu liegen kamen. Gemeinsam mit drei weiteren freiwilligen Helfern versuchten Mariette Patry den Bewohnern von Jayyous und Umgebung zu helfen. «Dabei war es wichtig, dass wir Präsenz markierten. Wir schossen Fotos und verfassen Rapporte über die Vorfälle und zeigten damit den Opfern, dass ihr Leiden wahrgenommen wird», erklärt Patry ihre Kernaufgabe.

Während ihres Aufenthalts machte sie immer wieder unliebsame Bekanntschaft mit der Willkür der israelischen Armee. «Viermal erlebte ich einen Überfall auf ein palästinensisches Dorf», erzählt Patry. Dabei seien Bewohner mitten in der Nacht aus ihren Wohnungen geholt und das Inventar durchsucht und teilweise sogar zerstört worden. «Bei diesen Angriffen wurden immer auch Ausweiskontrollen durchgeführt und Personen verhaftet. Meistens traf es dabei die Söhne der Familien», so Patry. Oft waren diese erst 16 Jahre alt, denn die Israelis haben die Volljährigkeit für Palästinenser von 18 auf 16 heruntergesetzt.

Mauer sorgt für Probleme

Fast täglich besuchten Patry und ihre Kollegen die Checkpoints und Landwirtschaftsübergänge, welche die Palästinenser passieren müssen, um nach Israel zu gelangen. «An einem Übergang haben die Bauern jeweils nur eine Viertelstunde am Morgen, am Mittag und am Abend, um die Mauer zu passieren», beschreibt Patry die unbefriedigende Situation. Die Übergänge werden von bis zu sechs bewaffneten Soldaten bewacht, die sowohl die Bauern als auch alle Tiere und Fahrzeuge kontrollieren – ein Prozedere, das je nach Laune der Soldaten zur Tortur werden kann. Hinzu kommt, dass die Öffnungszeiten teilweise ohne Vorankündigung oder Angabe von Gründen geändert werden.

Noch schlimmer ist die Situation beim Checkpoint in der nahegelegenen Grenzstadt Qalqiliya, die beinahe komplett von der Mauer umgeben ist. Jeden Morgen müssen dort von vier bis sechs Uhr morgens zirka 3000 palästinensische Arbeiter durch zwei Drehkreuze nach Israel geschleust werden, um dort arbeiten zu können. «Die Leute werden immer gehetzt und erhalten über die Lautsprecher des Wachturms Befehle auf Hebräisch», schildert die Aarauerin die Geschehnisse.

Weiter engagiert

Mariette Patry war überrascht von der Gastfreundschaft und der grossen Herzlichkeit der Menschen. «Dennoch ist die Stimmung stets angespannt. Es ist Krieg und man weiss nie, wann wieder etwas passiert. Das macht den Leuten zu schaffen», beschreibt sie die schwierige Situation für die lokale Bevölkerung.

Patry war froh und dankbar, als sie im Mai wieder in der Heimat angekommen war. «Es hat mich beinahe zum Weinen gebracht, wie schön und ruhig hier alles ist», sagt sie. Ob sie noch einmal nach Palästina geht, weiss sie nicht, sicher ist aber, dass Patry mit Vorträgen und Infoveranstaltungen für PWS weiter für den Frieden und die Gerechtigkeit in Palästina kämpfen wird.

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