Es wehte viel heisse Luft die Aare hinunter an diesem Samstagabend, und am sommerlichen Wetter allein lag das nicht. Ein Artikel in der Aargauer Zeitung vom 26. April schilderte, dass manche Aarauer die Zurlindeninsel unweit der Kettenbrücke meiden, seit sich dort vermehrt Asylsuchende aufhalten. Daraufhin riefen junge Leute in einem Chat zur «Rückeroberung» der Insel auf. In den anonymen Kommentaren war von «Pfefferspray», «Pöbelei» und «vernegert» die Rede. Ein Augenschein vor Ort zur angekündigten Zeit zeigte indes: von den Rowdys keine Spur.

Nicht zu übersehen waren jedoch die farbigen Luftballons an den Bäumen und die Banner mit der Aufschrift «Gemeinsam statt einsam» und «Refugees welcome». Und die rund 30 Leute im Alter zwischen 20 und 30, die es sich auf der Wiese gemütlich gemacht hatten.

19 Uhr, John Lennon singt «Imagine», auf dem Gras liegen Decken, Bierdosen, ein Aufkleber «No Nazis», man spielt Karten. Ein friedliches Sit-in. Organisiert hat es die 25-jährige Aarauerin Leona Klopfenstein mit zwei weiteren Frauen. Die Übrigen wohnen in Aarau und im Kanton, die meisten kennen sich. «Wir wollten zeigen, dass es noch andere Menschen gibt, die im Zeitungsartikel aber nicht zu Wort kamen», sagt Leona.

Und der 30-jährige Joshua Meier, der ebenfalls in Aarau wohnt, legt nach: «An der Demo gegen Fremdenfeindlichkeit letztes Jahr marschierten gut 3000 Leute mit, das ist repräsentativ für die Stimmung in der Stadt. Wir wollen ein Zeichen setzen für ein offenes Aarau. Jeder darf auf die Zurlindeninsel.» An die geplante «Rückeroberung» hat indes keiner von ihnen so richtig geglaubt. Sie rechneten von Anfang an damit, dass es sich bei den Chattern um Leute handle, «die sich bequem von zu Hause aus aufregen.»

Polizei ist präventiv vor Ort

Es ist kurz nach 19 Uhr. Die sechs Asylsuchenden, die sich zu diesem Zeitpunkt auf der Insel befinden, nehmen ihr Bier und verlassen die Insel. Ihre Erklärung in bruchstückhaftem Deutsch lässt darauf schliessen, dass ihnen die drei Polizisten, die bei den Sitzbänken in Reih und Glied stehen, nicht ganz geheuer sind.

Die Polizei ist auf der Insel vermehrt im Einsatz, seit Asylbewerber hier vor ein paar Wochen mit Messern aufeinander losgingen. Joshua Meier wertet dies als eine Überreaktion der Polizei, ihr Auftreten in übertriebener Zahl sei provokativ.

19.30 Uhr. Einer der Ordnungshüter erklärt, dass die Polizei auf der Insel präventiv Präsenz markiere und die Leute zudem ermahne, ihren Abfall einzusammeln. Da sich an den Hotspots der Asylsuchenden viele Leute auf engem Raum bewegten, könne dies zu Konflikten führen. Allerdings gebe es auf der Zurlindeninsel nicht mehr Probleme als anderswo auch.

Es ist acht Uhr, einige junge Asylbewerber queren die Brücke zur Insel. Die Polizei hält Stellung. Die jungen Leute auf der Wiese sind bester Laune. Von den «Eroberern» ist keiner aufgetaucht. Die Polizei sagt, sie sei an diesem Abend im Einsatz «solange es uns braucht.» Einer der Aktivisten lacht – auch sie bleiben heute «solange es uns braucht».