Aarau

Ein Theater mit Affen, Anwälten und Fundamentalisten kommt

Brady (links, Marcel Trümpy) und Drummond (Matthias Bettschart) sind die grossen Gegenspieler. Daniel Ballmer

Brady (links, Marcel Trümpy) und Drummond (Matthias Bettschart) sind die grossen Gegenspieler. Daniel Ballmer

Nach der erfolgreichen deutschsprachigen Erstaufführung in Zürich kommt das Theaterstück «Inherit the Wind» nach Aarau. Eine Hauptrolle spielt – wenn auch nicht auf der Bühne – der Aarauer Daniel Ballmer.

Fast neunzig Jahre ist es her, seit in einer Kleinstadt in Tennessee ein Lehrer angeklagt wurde, weil er seiner Klasse von Darwins Ideen erzählt hatte. Der «Affenprozess» ging in die Geschichte ein und bewirkte, dass nun auch in den konservativsten Winkeln der westlichen Welt die Evolutionsgeschichte gelehrt wird.

«Inherit the Wind» (wer den Wind sät), das Theaterstück über den Prozess, ist in den USA längst ein Klassiker, ebenso die Verfilmung mit Spencer Tracy und Gene Kelly. Und doch werde man das Gefühl nicht los, dass sich diese Story genauso gut hier und heute abspielen könnte, sagt Daniel Ballmer, der das Stück übersetzt hat. Zusammen mit Regisseurin Samya Hamieda Lind inszeniert er das Stück erstmals überhaupt in einer deutschen Fassung.

Theatervirus in Aarau geholt

Daniel Ballmer ist in Aarau geboren und wohnt an den Wochenenden in Unterentfelden, die Woche über in Oerlikon. Der Student der Politikwissenschaften ist an der Neuen Kantonsschule Aarau vom Theatervirus befallen worden. «Die Neue Kanti ist bekannt für sein Schultheater und dessen Aufführungen», sagt Ballmer.

Vom Schauspieler mit meist schrägen Nebenrollen entwickelte er sich zum Autor, der zwei Stücke, unter anderem als Maturarbeit, verfasste. Das Stück «Die ArmSeligen», mit dem die Theatergruppe der Kantonsschule im Frühjahr 2011 Besucherrekorde einfuhr, stammt aus seiner Feder. Zudem ist er Mitbegründer der Improtheatergruppe Hirschwahn.

Dem Theater treu

Weshalb kein Theaterstudium? «Politik ist ja fast wie Theater», meint Ballmer mit einem Lachen und fügt im Ernst hinzu, dass er mit der Politikwissenschaft Plan B, den sicheren Weg, verfolge. Dem Theater wolle er dennoch treu bleiben.

Das Stück «Inherit the Wind» hat Ballmer vor vier Jahren während seiner Kantizeit entdeckt, im Englischunterricht. Die spannende Geschichte, die auf einem realen Gerichtsfall beruht, hatte ihn gepackt – und nicht mehr losgelassen. Da es keine deutsche Übersetzung gibt, übernahm er diese Arbeit selber.

Für die Produktion mit sechs Aufführungen in Zürich und einer am 26. Oktober in Aarau wurde eigens ein Ensemble zusammengestellt. Auf der Bühne stehen zwölf Schauspieler jeden Alters, sowohl Laien als auch Ausgebildete, die, so Ballmer, «voll und ganz in ihren Rollen aufgehen». Weitere Leute sind mit der Technik, mit Licht und Maske beschäftigt.

Das Ensemble nennt sich «Ballistic», ein Puzzle aus den Anfangsbuchstaben der Namen der Kerngruppe; «Ball» steht für Ballmer. Nach dieser Produktion wird «Ballistic» aufgelöst. Die Mitglieder des Ensembles hätten zu unterschiedliche Herkünfte und Hintergründe, sagt Ballmer. «Wir sind eine verstreute Truppe.»

Einige Mitwirkende kommen aus dem Aargau. Nebst Ballmer auch Filmemacher Christian Friedli («Paradise» und Marcel Trümpy («Dr Franzos im Ybrig»). Und Lukas Imboden, der den Schüler Howard spielt. Für den Dreizehnjährigen aus Suhr ist die Aufführung in Aarau ein Heimspiel. Lampenfieber? Von wegen. Souverän wie ein alter Hase meint er nur: «Wir sind die Ballistics, wir schaffen das.»

Religion oder Wissenschaft

Das Stück «Inherit the Wind» beginnt nach dem Gesetzesbruch: Rachel Brown, die junge Lehrerin, sitzt in Untersuchungshaft. Die strenggläubigen Einwohner von Hillsboro erwarten voller Vorfreude ihren Helden: Matthew Harrison Brady, dreifacher Präsidentschaftskandidat, ehemaliger Aussenminister und fundamentalistischer Anhänger der Schöpfungsgeschichte. Er steigt als Chefankläger in den Ring. Doch auch Rachel erhält gewichtige Unterstützung: Eine Zeitung aus dem Norden schickt ihr Henry Drummond, den berüchtigtsten Strafverteidiger seiner Zeit.

Aus einer Bagatelle entsteht eine der aufsehenerregendsten Gerichtsverhandlungen der Geschichte. Die Geschworenen sind befangen, das Publikum kocht, und der fanatische Pfarrer sorgt ausserhalb des Gerichtssaals für Aufruhr. Auch der Richter glänzt nicht gerade mit Parteilosigkeit. Doch als bereits alles verloren scheint, nimmt die Handlung eine abrupte Wendung.

«Auf welcher Seite die Zuschauer auch stehen mögen, Religion oder Wissenschaft: Das Stück macht ihnen Spass», sagt Ballmer. «Sie brechen in Gelächter aus, wenn sich Pfarrer Brown über seine übereifrigen Gläubigen nervt, die seine Predigt ständig mit Hallelujas und Hosiannas unterbrechen. Sie kichern, wenn der schmierige Journalist E.K. Hornbeck gegen die Rückständigkeit der Welt wettert, und fiebern mit, wenn die Angeklagte auf ihr Urteil wartet.»

Packend sei der Schlagabtausch zwischen Ankläger Brady (Trümpy) und Verteidiger Drummond (Bettschart), der durch die beiden über ein Meter neunzig grossen Schauspieler wortwörtlich zum Kampf der Giganten wird. (az/kel)

Aufführung: Inherit the Wind, 26. Oktober, 20 Uhr, Kultur- und Kongresshaus KuK Aarau. Ticketvorverkauf: aarau info, per Mail an tickets@ballistic.ch, unter www.ballistic.ch oder per Telefon an 077 42 777 07. www.ballistic.ch.

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