Adventsgeschichten

Ein Stöhnen im Dunkeln, ein trockener Braten und eine besorgte Mutter – diese Anekdote geht unter die Haut

Susi Hongler an der Stelle am Kirchweg, wo der alte Mann im Graben lag.

Susi Hongler an der Stelle am Kirchweg, wo der alte Mann im Graben lag.

Während sich Susi Hongler daheim in Unterentfelden sorgte, retteten ihr Mann Röbi und die beiden Buben einem Betrunkenen das Leben.

So trocken war der Weihnachtsbraten nie. Nie davor und nie danach. Aber dieser Heiligabend war auch einfach anders als alle anderen. Dabei hatte doch alles so ruhig begonnen.

Die Familie Hongler aus Unterentfelden wohnte damals, Anfang der Siebzigerjahre, an der Quellmattstrasse direkt an der Bollwiese im Osten des Dorfes, angrenzend an das Wiesland gegen Suhr hin. Heute komplett überbaut, war die Wiese damals wirklich noch eine Wiese. «Man sah hinüber bis zum Wald», erinnert sich die heute 80-jährige Susi Hongler. Der Wald, den die Familie gerne besuchte. Insbesondere am Heiligabend; dann jeweils nahm Vater Röbi die beiden Buben mit, um den Tieren im Wald in einem selbstgezimmerten Verschlag hartes Brot zu deponieren.

So auch an diesem Heiligabend Anfang der Siebzigerjahre: «Es war eine bitterkalte Nacht, der Schnee lag hoch», erinnert sich Susi Hongler. Doch wie jedes Jahr zog Röbi Hongler (heute 88) mit den beiden Buben nach dem Eindunkeln in den Wald, jeder mit einer Petrollampe in der Hand. Im Rucksack das Säcklein mit dem alten Brot. «Damit die Tiere auch ein bisschen Weihnachten hatten», erzählt Susi Hongler. Für sie bedeutete der Ausflug eine Stunde Zeit und Ruhe, der Festtafel den letzten Schliff zu verpassen und die bei der Nachbarin versteckten Geschenke zu holen.

Da stöhnte jemand im Dunkeln

Doch nach dieser gewohnten Stunde stand keiner vor der Haustür. Die Minuten verstrichen, eine nach der anderen. Immer wieder trat Susi Hongler vor die Haustür, hielt Ausschau nach Mann und Buben. «Ich hatte Angst um sie, so etwas war noch nie passiert.»

Derweil erlebten die drei im Wald etwas, was noch heute an jedem Fest wieder erzählt wird: Nachdem sie das Brot deponiert hatten, stapften sie weiter und kamen auf den Kirchweg, der von Unterentfelden nach Suhr führt. Da hörten sie ein Stöhnen.

«Mit unseren Lampen suchten wir den Weg ab und fanden im Strassengraben einen alten Mann, der mächtig einen über den Durst getrunken hatte», sagt Röbi Hongler. «Ich habe das Bild heute noch vor Augen, wie er da ausgestreckt im Schnee lag.» Er stellte den Mann auf die Beine, klopfte ihm den Schnee aus den Kleidern. «Auf die Frage, wer er sei und was er hier an Weihnachten im Wald mache, hat er nur gestottert, er müsse zu seiner Schwester nach Suhr.» Weil der Mann nicht im Stande war, alleine bis nach Suhr zu gehen, begleiteten die drei ihn bis zum Haus der Tochter. «Es war so bitterkalt; wir konnten ihn unmöglich sich selbst überlassen. Er wäre schlichtweg erfroren.»

Die Buben konnten das Erlebte kaum fassen

Mit einer Stunde Verspätung trafen die drei dann daheim bei Mutter Susi ein. «Als sie endlich zurückkamen, mit roten Backen und leuchtenden Augen, redeten alle wild durcheinander», sagt sie und lacht. «Immer wieder sagten sie, Mami, mir händ ame alte Maa s’Läbe grettet!». Da habe es auch keine Rolle gespielt, dass der Braten viel zu lange im Ofen gewesen und staubtrocken war.

Wer der Mann war, wissen die Honglers bis heute nicht. Auch das Haus in Suhr, an dessen Tür der Mann schliesslich anklopfte, steht längst nicht mehr. Aber noch immer ist diese Geschichte ein Thema bei jedem Weihnachtsessen.

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