Mit geübtem Blick wählt Andreas Bergamini ein Schilfbündel aus, schneidet das Band weg und schiebt die Schilfhalme unter die Bindestange. Dank des Standbaumes, eines im Dach befestigten Querbalkens, steht der Schilfdachdecker rund zwei Meter über der Dachkante. Mit den Knien stützt er sich am steilen Dach des Kölliker Strohhauses ab und richtet mit seiner behandschuhten Hand die nun lose liegenden Halme aus. Bergamini achtet darauf, dass die Schilfschicht nicht zu dick wird - aber auch nicht zu dünn.

Ausserdem soll das Dach auch nachdem die Schilfschicht aufgetragen ist noch im richtigen Winkel geneigt sein. «Das ist Erfahrungssache», meint der Dachdecker, der nach seiner Ausbildung in der Schweiz ein Jahr lang in Holland in die Lehre ging und dort das Decken von Schilfdächern gelernt hat. Heute betreibt er im basellandschaftlichen Lausen ein Geschäft, das auf Dach- und Fassadenbau spezialisiert ist - einer von zwei Handwerksbetrieben in der Schweiz, die noch Schilf- und Strohdächer decken können.

Nördliche Dachseite wird neu gedeckt

Bergamini und seine Mitarbeiter pflegen das Schilfdach des Kölliker Strohhauses im Rahmen der Sanierung und der Neugestaltung des Dorfmuseums. Sie putzen das Moos herunter, schneiden verfaulte Stellen weg und verstärken das Dach punktuell mit zusätzlichem Schilf.

Während dieser Arbeiten hat Andreas Bergamini festgestellt, dass es sich nicht mehr lohnt, die nördliche Dachseite zu flicken, weil diese zu sehr verwittert ist. Er empfahl deshalb, diese Seite neu zu decken. «So hat die Gemeinde hier für die nächsten paar Jahre keinen Ärger mehr», ist er überzeugt. Die Sanierung, die nun aufwendiger ist als ursprünglich geplant, wird rund 17000 Franken mehr kosten. Allerdings, so teilte die Gemeindeverwaltung mit, könne mit einem Beitrag der kantonalen Denkmalpflege gerechnet werden.

Obwohl das Kölliker Strohhaus ursprünglich mit Stroh gedeckt war, wird mittlerweile Schilf verwendet. Das habe verschiedene Vorteile, erklärt Bergamini. In Europa werde kaum noch Roggen angebaut, dessen Stroh lang genug sei, um ein Strohdach zu decken. Als weiteren Vorteil der Schilfdächer zählt Bergamini die Lebensdauer auf: «Ein Schilfdach hält 40 bis 60 Jahre, ein Strohdach nur rund 20 Jahre. Ausserdem können Schilfdächer einfacher geflickt werden.»

Er betont, dass ein Stroh- oder Schilfdach betreffend Isolation einem modernen Steildach entspreche - und auch die Sturmsicherheit gewährleistet sei. «Nach dem Sturm Vivian im Februar 1990 waren unzählige Ziegeldächer abgedeckt, nicht aber die von uns mit Stroh gedeckte Pfahlbauersiedlung am Zürichsee.»

Ein Strohhaus mit Schilfdach

Während Andreas Bergamini das Kölliker Strohhaus Schicht um Schicht mit Schilf deckt, trägt sein Mitarbeiter Matthias Schorsch Schilf aufs Dach. Langsam arbeiten sich die beiden Strohdachdecker von der Dachkante her hinauf zum First, verarbeiten Schilfbündel um Schilfbündel (Arbeitsablauf siehe unten). Bergamini kann sich auf 30 Jahre Erfahrung verlassen.

«Ein Schilfdach decken ist eine gefühlvolle Arbeit», meint er schmunzelnd, während er fast zärtlich mit der Hand gegen die Schilfhalme schlägt, sie ausrichtet und gleichzeitig verdichtet. «Sobald das ganze Dach gedeckt ist, werden wir uns um First und Walmspitzen kümmern», erklärt Bergamini und schaut nach oben, wo die Walmspitze nackt in den Himmel zeigt. Nur dort, zuoberst auf dem Dach des Strohhauses, das eigentlich ein Schilfdachhaus ist, wird noch mit Stroh gearbeitet, denn First und Walmspitzen werden mit Stroh gedeckt beziehungsweise umwickelt. Auf Wunsch der Denkmalpflege.