Theater
Ein raffiniertes Spiel mit der Sehnsucht und den Geschmacksnerven

Das Theater Marie verführt im Theater Tuchlaube in Aarau mit flüchtigen Düften. Das Musiktheater «Von der schleichenden Vanillisierung der Gesellschaft» pendelt zwischen Erfahrungen und Theorien.

Julia Stephan
Drucken
Teilen
Philippe Meyer und Pascal Nater und der vor sich hinschmelzende Vanille-Eiscreme-Block.

Philippe Meyer und Pascal Nater und der vor sich hinschmelzende Vanille-Eiscreme-Block.

Andreas Zimmermann

Für den Konsumenten von heute ist der Vanillegeschmack ein Gedicht, eine Verheissung. Für die Industrie ist er ein Verführer, der jede Nase rumkriegt. Warum ist das so?, fragt sich das Theater Marie im diskursiven Musiktheater «Von der schleichenden Vanillisierung der Gesellschaft».

In einer mit Luftpolster-Folie ausgekleideten Bühne thront ein riesiger Vanille-Eiscreme-Block auf einem Podest. In den folgenden eineinhalb Stunden wird er sich langsam in eine tropfende Sauce verwandeln – und immer noch betören. Denn an der Vanilleschote, einem mexikanischen Exportschlager, deren Aroma Vanillin seit 1874 auch synthetisch hergestellt wird, scheiden sich Geschmäcker und Geister: Heilsversprechen, Märchen und sogar Sexpraktiken hängen an diesem Duft.

Rückerts Liebesgedicht

All diesen Diskursen hat das Theater Marie einen Platz eingeräumt. Und weil man dem flüchtigen Duft im visuellen Theater so schwer beikommt, wählen die drei Akteure, Michael Glatthard, Bariton Philippe Meyer und Pascal Nater zunächst den Zugang über die Musik. Friedrich Rückerts Liebesgedichtzeilen «Du bist der Duft, der meine Seele speiset» auf den Lippen, versenkt Glatthard singend seine Nase im Vanilleeis und entlarvt das Vanillearoma als zeitlosen Sehnsuchtsort, der sogar die Geliebte ersetzt.

Den Zugang in der Gegenwart fand das Team im Internet, wo Anhänger des Migros-Joghurts «Léger Vanille» seiner Abschaffung nachtrauern. Mit sechs Experten-Interviews fühlt das Team dieser Sehnsucht auf den Zahn. Dabei bleiben die Experten – wie der Duft – körperlos. Als mannshohe Lautsprecher tragen die Schauspieler sie auf die Bühne, zapfen sie mit einem Kabel an und ringen ihnen Beiträge zu einer absurden gesellschaftlichen Debatte ab: Vanille gebe einem das Gefühl, dass man berührt werde, weiss eine Duft-Expertin zu berichten, während der deutsche Professor Hanns Hatt uns diese Berührung nüchtern auf molekularer Ebene erklärt.

Den dramaturgischen Effekt der Vanille, der in Kaufhäusern und Zahnarztpraxen Kaufkraft und Seelenruhe erhöhen soll, nutzt das Theater Marie gleich mit, und besprüht das Publikum mit künstlichem Vanille-Aroma. Dessen allgegenwärtige Präsenz, so wird deutlich, vereinheitlicht nicht nur unseren Geschmack, sondern unsere Gedanken. Die grossen Lebensmittelkonzerne wollten gegenüber dem Theater Marie dazu keine Stellung nehmen. Dass Philippe Meyer die Absagen der PR-Abteilungen im Stil eines Rezitals vorträgt, gibt dem Stück eine besonders originelle Duftnote.

Das Ende der Illusion

Den Blick in die Zukunft wagt schliesslich Michael Glatthard mit einer Lesung aus Stanislaw Lems Science-Fiction-Roman «Der futurologische Kongress»: Dort wird eine Welt des Elends mit «Psychemikalien» erträglich gemacht. Auf der Tuchlaube-Bühne findet diese Illusion mit dem Herunterreissen der Plastikfolien ihr vorläufiges Ende. Die menschliche Sehnsucht nach Verführung und nach dem Verführtwerden, der diese originelle Inszenierung auf so verschiedenen Pfaden nachgeht, übersteht jedoch auch diesen köstlichen Desillusionierungsversuch.

Aarau Theater Tuchlaube, Sa, 18. Mai. später Tournee. http://www.theatermarie.ch/termine/

Aktuelle Nachrichten