Aarau
Ein Präsident muss den Maienzug opfern

Das Maienzug-Open Air «Chrutwäje» ist älter und ein bisschen anders geworden – drei Generationen OK-Präsidenten erzählen.

Katja Schlegel
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Michael Fasler, Christoph Henzi und Raffaele Castellani haben das Chrutwäje als OK-Präsidenten geprägt.Chris Iseli

Michael Fasler, Christoph Henzi und Raffaele Castellani haben das Chrutwäje als OK-Präsidenten geprägt.Chris Iseli

Am Open Air «Chrutwäje» auf der Aarauer Pferderennbahn langweilen sich die Sicherheitsmänner. Das Maskottchen ist ein lebensgrosses Plastikpferd, Sanitäter müssen höchstens mal ein Pflaster auf eine Brandblase kleben und der eine oder andere Besucher schleicht am Morgen danach schlaftrunken von der Tribüne. Und so ist es genau richtig.

Chrutwäje: Das Programm 2014

19 Uhr: Pinut Die Aarauer Band räumte eben mit ihrer Mischung aus Jazz, Rock und Rap den ersten Preis des Nachwuchsfestivals bandXaargau ab.
20.15 Uhr: Yokko Die Berner gelten als Hoffnung der Schweizer Gitarrenmusik und wurden bei den Swiss Music Awards als «Best Talent» ausgezeichnet.
21.55 Uhr: The Bianca Story Die Basler zementieren mit ihrem dritten Album «Digger» den Ruf als aktuell wichtigste Band der Schweiz.
23.30 Uhr: Terribly Overrated Youngsters Die neun Berliner heizen mit elektronischen Hits live und ohne Konserve ein.
00.50 Uhr: We Love Machines Das Berner DJ-Duo präsentiert den Aarauern ein spezielles Live Set mit Schlagzeug.
02.20 Uhr: Gypsy Bros. Das DJ-Duo gehört zu Aarau wie der Maienzug.

«Die Besucher kommen ans Chrutwäje, um den Maienzug ausklingen zu lassen und alte Freunde zu treffen. Wer auf der Bühne steht, ist zweitrangig», sagt Raffaele Castellani. Hauptsache, die Aarauer gehen um 3 Uhr zufrieden nach Hause. Er und seine beiden Kollegen am Tisch müssen es wissen. Michael Fasler (45), Raffaele Castellani (34) und Christoph Henzi (26) haben das Chrutwäje als OK-Präsidenten geprägt: Fasler von 2006 bis 2009, Castellani von 2010 bis 2012 und Henzi seit 2013.

Auch Traditionen ändern sich

Ein Job, der Opfer fordert: Für ein OK-Mitglied ist am Vorabend zeitig Feierabend, es gibt keinen Maienzug und kein Bankett. «Für ein OK-Mitglied fängt das Chrutwäje am Freitagmorgen mit den Lieferantenlieferungen an und endet am Samstagmorgen mit dem Wischen des Platzes», sagt Castellani. «Da bleibt keine Zeit zum Feiern.» Und doch haben sie alle drei dem Anlass zuliebe jahrelang darauf verzichtet – oder verzichten darauf. «Ich habe es früher auch geschätzt, dass jemand die Arbeit macht und den Aarauern diesen Abend schenkt. Jetzt mache ich sie und kann damit eine schöne Tradition weiterführen», sagt Christoph Henzi, der aktuelle OK-Präsident.

Auch wenn an diesem Tag alles auf Tradition bedacht ist, so hat das Chrutwäje in seinen 31 Jahren die eine oder andere sanfte Veränderung erlebt. War es zu Beginn ein familiärer Anlass mit zwei- bis dreihundert Besuchern, sind es heute zwei- bis dreitausend. Verändert hat sich auch das Sponsoring: Nicht die Suche, die ist seit jeher ein Krampf, sondern die Art der Sponsoren: «Unsere Vorgänger hatten mit Bier- und Zigarettenherstellern grosse Sponsoren und konnten sich damit Namen wie Massive Töne und Thomas D. leisten», sagt Fasler. Als er das Chrutwäje 2006 übernahm, habe das OK beschlossen, künftig auf solche Sponsoren zu verzichten und das damals Hip-Hop-lastige Open Air für andere Stile zu öffnen. Wieder verabschiedet wurde das Konzept mit zwei Bühnen, keine Chance hatte auch die definitive Einführung eines Kinderkonzerts am frühen Abend.

Verändert hat sich zudem die Auswahl der Musiker: Schleppten die OK-Mitglieder früher jeweils säckeweise CDs ins Restaurant Weinberg und hörten diese allesamt innert eines Abends durch, reicht dafür heute ein Mausklick: «Die Agenten schicken heute einen Link mit Listen möglicher Bands», sagt Henzi, der dieses Jahr wieder vermehrt auf massentaugliche Musik setzt. Das Indie-lastige Jubiläums-Open-Air vom letzten Jahr hat nicht allen gepasst. «Die Besucher wollen nach einem solchen Tag nicht zuhören, sie wollen einfach nur Tanzen und eine gute Zeit haben.»

Eines aber hat sich über die Jahre nicht verändert: Ohne die Hilfe dutzender Freiwilliger und Beat Blank, Platzwart und gute Seele der Rennbahn, ginge es nicht. Und noch etwas ist immer gleich geblieben: Das Chrutwäje ist für alle gratis. Rund 12 000 Franken tragen verschiedene Kommissionen der Stadt, das Kuratorium und die Kulturgesellschaft, gut 8000 Franken ortsansässige Unternehmen.