Aarau

Ein letztes «Chez Jeanette»-Pfännchen für zu Hause

Pfanne für Pfanne, Pfeffermühle für Pfeffermühle geht das Inventar über den Kassentisch.Annika Bütschi

Pfanne für Pfanne, Pfeffermühle für Pfeffermühle geht das Inventar über den Kassentisch.Annika Bütschi

Das ehemals renommierte Restaurant an der Vorderen Vorstadt wurde am Montag von Schnäppchenjägern leergeräumt. Der Andrang war gewaltig – Platz für Neues ist zweifellos vorhanden und mit ihm die Hoffnung auf eine Wiedereröffnung.

Sie lauern in Hauseingängen und drücken sich in den Schatten auf der gegenüberliegenden Strassenseite: Rund drei Dutzend Leute, bereit für den Sturm um 15 Uhr. Hier gilt das Recht des Schnellsten, bei der konkursamtlichen Liquidation des ehemals renommierten Restaurants Chez Jeanette an der Vorderen Vorstadt.

Eine Maschine für seinen Cateringbetrieb wolle er hier kaufen, sagt einer aus dem Baselbiet. Was für eine, verrät er nicht. Ein Konkurrent könnte ihn hören und ihm die Maschine streitig machen.

Andere sind aus lauter Gwunder gekommen – weil sie noch nie im Restaurant drin waren oder einfach mal gucken wollen, ob ein Schnäppchen für sie rausspringt.

Schnell, bevor ein anderer zugreift

Dann ist es 15 Uhr, Liquidator Jakob Aeschlimann öffnet die Tür. Allesamt drücken sie sich in den Gastraum, hinein in die stickige Hitze. Im Eingang klebt noch immer der Zettel mit der Fleischdeklaration, auf der Ablage liegen Zeitschriften, die oberste datiert vom September 2009.

Die Gastronomen eilen in die Küche, die anderen schwärmen im Haus aus. Da gibt es Tische für 4 Personen für 70 Franken, für 2 Personen für 50. Einen Stuhl gibt es für 35 Franken.

Die Tischplatten sind verstaubt, nur an den Ecken, wo die Preisschilder kleben, sind sie blank. Wie am Wühltisch graben sich die Schnäppchenjäger durch die Besteckschubladen, Tellerstapel und Gläserregale, stehen mit prüfendem Blick vor Bildern und Spiegel, lassen die vergilbten Plastikblumengestecke links liegen.

Ein kurzer Blick, ein schneller Griff, bevor es ein anderer tut. Von der steinernen Wendeltreppe her hört man das eilige Klatschen von Sandalensohlen auf nackte Fersen.

In der Küche geht es heiss zu und her. Es riecht nach abgestandenem Bratfett und frischem Schweiss. Liquidator Aeschlimann steht da umringt von aufgeregten Interessenten und versteigert eine Maschine.

680, 700, 750, zack, zack, alles muss schnell gehen. Ein Gehetz in einem Raum, in dem irgendwie die Zeit stehen geblieben scheint: Im Kühler reihen sich noch die Getränkeflaschen aneinander, an einem Chromstahlregal klebt der Zettel mit dem letzten Menü:

Maispoulardenbrust mit Marroni-Geflügelleberfüllung an Thymianjus mit Tomaten-Risotto.

Viele Leute für diese Jahreszeit

Die Schlange vor der Kasse reicht schnell bis zum Buffet. Viele Leute für diese Jahreszeit, meint Liquidator Aeschlimann. Ist er zufrieden? «Ich bin mit jedem Stück zufrieden, das verkauft werden kann.» In der Gastroszene sei es schwierig mit den Liquidationen, schliesslich würden viele Betriebe schliessen.

Im Gastraum im Erdgeschoss sitzt auch Hans-Peter Ruepp, der Besitzer der Liegenschaft. Er schaut zufrieden zu, wie eine Pfanne, eine Pfeffermühle und ein Weinglas nach dem andern das Haus verlässt.

Wehmut packe ihn nicht, sagt er. «Je mehr heute rausgeht, desto besser. Das schafft Platz für Neues.» Und Neues ist schon fast spruchreif, wie Ruepp verrät: Er sei guter Dinge, demnächst eine Lösung präsentieren zu können. «Wenn es ideal läuft, können wir im Februar oder März Neueröffnung feiern.»

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