Maienzug
Ein Lenzburger machte Aarau zu «Granada»

Die korallenroten Blumen werden jeweils am Maienzug in Aarau und am Jugendfest in Lenzburg ans Revers gesteckt. Für denLenzburger Kurt Wernli hat dieses Brauchtum gerade in der heutigen Zeit einen wichtigen integrativen Charakter. Wernli hat 1000 Aarauer Schüler aufgeklärt und weissdeshalb, wie Granate auf Albanisch heisst.

Heiner Halder
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In Kurt Wernlis Garten in Lenzburg blühen zahlreiche Granatensträucher. Chris Iseli

In Kurt Wernlis Garten in Lenzburg blühen zahlreiche Granatensträucher. Chris Iseli

Chris Iseli

Die ehemaligen bernischen Munizipalstädte Aarau, Brugg, Lenzburg und Zofingen verbindet die Tradition der Jugendfeste.

Dieser uralte Brauch – in Lenzburg urkundlich erwähnt schon anno 1679 betreffend einen «Umzug zur Freud der Kinder» – hat sich in den vier Städten im Laufe der Jahrhunderte unterschiedlich entwickelt. Heute unterscheiden sich die Programme, doch einige Traditionen haben sich erstaunlich dem jeweiligen «Zeitgeist» widersetzt und sind nach wie vor präsent. In Brugg und Zofingen sowie vor allem in Lenzburg sind Kadetten nach wie vor mit im Spiel, im besonders traditionsbewussten Städtchen wird demnächst wieder das spektakuläre Landschaftstheater Freischarenmanöver über die Freiluftbühne gehen.

Ob Maienzug, Rutenzug, Kinderfest oder Jugendfest: Zum unverzichtbaren Rahmen gehören allenthalben die Umzüge durch blumen- und fahnengeschmückte Strassen, Ansprachen und sogar strenge Tenue-Vorschriften, sie haben allen modischen Strömungen standgehalten. So marschieren die Mädchen ganz in Weiss, Blumen im Haarkranz und im Bukett, die Knaben mit weissem Hemd und Blümchen an der Brust. Da und dort wird von den Honoratioren Frack und Zylinder getragen – und die Granate im Knopfloch ist Ehrensache.

Seit wann diese korallenrote Jugendfestblume obligatorisch zum männlichen Dresscode gehört, ist aus den Jugendfest-Annalen nicht genau ersichtlich. In Aarau erscheint ein Hinweis im Maienzugprogramm von 1861, in Lenzburg datiert man eine mündliche Erinnerung zurück auf 1890. Fest steht, dass dieses dekorative Inventar in beiden Städten strikte dem männlichen Geschlecht vorbehalten ist. Mit neuer Ausnahme bei den Lenzburger Kadetten, wo sie den Hut schmückt. Und den tragen seit dem Jahr 2000 eben auch Mädchen, welche seither gleichberechtigt mit den Buben uniformiert, behutet, bewaffnet und zu höchsten Chargen befördert werden.

Bedeutende Kulturpflanze

Der Granatbaum war schon bei den Assyrern, Arabern, Griechen, Byzantinern, Karthagern und Römern weit verbreitet. Der Granatapfel diente als Genuss- und Arzneimittel, bildliche Darstellungen kennt man bereits seit 2500 vor Christus auf ägyptischen Grabgemälden. Granaten waren auch beliebte Zierde an weltlichen und religiösen Gebäuden. Der Granatapfel wird schon im Alten Testament und im Hohelied erwähnt. Zweige galten als Sinnbild der Einigkeit, Demokratie und Freundschaft. Als Kübelpflanze kam der Granatbaum durch Handelsunternehmen im 19. Jahrhundert in unsere Herrschaftsgärten. HH.

Zum Jubiläum allen eine Granate

Ihre Hochblüte in unserer Region erlebte die bildschöne exotische Pflanze am Aarauer Maienzug 1998. Zum Jubiläum 200 Jahre Helvetische Republik wurden als Spezial-Attraktion sämtliche Knaben für den Umzug mit Granaten ausgerüstet. Die Idee für diesen in seinem Umfang ausserordentlichen Schmuck hatte Doris Mayr, Bezirksschullehrerin und Mitglied der Maienzugkommission. Zur Umsetzung des Gross-Projektes wurde als Fachmann der damalige Leiter der Sektion Friedhof, Kurt Wernli, beigezogen. Nicht von ungefähr war es ein Lenzburger, welcher Aarau für einen Tag zur «Granatenstadt» (Granada) verwandelte. Er erinnert sich gut und gerne an die Aktion, die er akribisch vorbereitet und dokumentiert hat.

Unterstützt wurde Wernli von Mitgliedern des Gemeinnützigen Frauenvereins Lenzburg, welche jeweils am Vortag zum Jugendfest mit Müttern und Töchtern «Chränzli winden und Strüssli binden» und damit ein gewisses Know-how mitbrachten. Zu Hilfe kamen auch «Gemeinnützige» und Sängerinnen vom Reformierten Kirchenchor Aarau sowie Mitarbeitende vom Friedhof. Insgesamt waren es rund 45 Freiwillige, welche sich am Maienzug-Vortag im Gönhardschulhaus an die Arbeit machten. Immerhin galt es, gemäss den von der Lehrerschaft gelieferten Personallisten, an die 1050 Anstecker mit Granat-Blumen, Knospen und Blättern anzufertigen. Diese Sträusschen wurden dann einzeln in Plastiksäckchen verpackt und die geforderte Anzahl an die Klassen verteilt. In zweieinhalb Stunden sei die Arbeit erledigt gewesen, erinnert sich Wernli. Die Granaten wurden dann am Donnerstagmorgen an der Hauptprobe zur Telli-Morgenfeier abgegeben.

Granate in Fremdsprachen

Bekanntlich ist es nicht immer ganz einfach, Eltern von zugezogenen Schulkindern die hiesigen Gepflogenheiten zu erklären. Besonders dann nicht, wenn sie fremdsprachig sind. In Lenzburg gibt es dafür extra eine Liste (herausgegeben von Kurt Wernli), auf der die «Granate» in mehreren Sprachen aufgeführt ist.

- Deutsch: Granatapfelbaum

- Albanisch: Mushmulla

- Englisch: pomegranate (blossom)

- Französisch: le grenadier

- Italienisch: la meta granata

- Slowenisch: Granatno jobolko

- Kroatisch: Nar- šitak

- Portugiesisch: romanzeira

- Serbisch: Nar

- Spanisch: granada

- Türkisch: Nar Ağaci

- Bosnisch. Nar-Drvo

«Beipackzettel» in 12 Sprachen

Wichtig war es Wernli, die stolzen Träger dieses natürlichen Schmuckes über die Geschichte der Granatpflanze aufzuklären (vgl. Box). Und damit es auch alle Schüler verstanden, liess er den Begriff «Granate» in deren Muttersprachen übersetzen – ein Dutzend Bezeichnungen von Albanisch bis Griechisch. Heute wären es noch bedeutend mehr.

Für den Gärtner wurde die Granate damit über den blossen Blumenschmuck hinaus eine «sinnvolle Symbolik, weil dieser etwas Völkerverbindendes zukommt: Der Granatbaum ist eine bedeutende Kulturpflanze in den mediterranen und vorderasiatischen Mittelmeer-Anrainerstaaten, von wo die Familien zahlreicher Aarauer Schülerinnen und Schüler herkommen. Blumen und Früchte haben schon vor Urzeiten denselben Weg zu uns genommen.»

Und Kurt Wernli freut sich, dass die Granaten-Sträucher wenigstens in Lenzburg noch durchaus heimisch sind: Zahlreiche Kübelpflanzen stehen in Privatgärten wie dem seinen sowie in Parkanlagen (Müllerhaus, Burghaldenhaus, Schloss). Just jetzt vor Jugendfest und Maienzug beginnen sie zu blühen und fördern die Vorfreude auf die Feste.