Fast hätte die Verhandlung vor dem Aarauer Bezirksgericht kurzfristig verschoben werden müssen. Als Gerichtspräsidentin Bettina Keller vom Beschuldigten Blerim (Name geändert) wissen wollte, ob er Schweizerdeutsch verstehe oder ob sie auf Hochdeutsch wechseln solle, fragte er nach einem Dolmetscher. Nach kurzer Diskussion entschied er dann aber, dass er es selber probieren möchte.

Der eigentliche Grund für die Verhandlung: Blerims Tochter hat in seinem Auftrag im vergangenen August ein Springmesser mit einer 8,5 cm langen Klinge in Deutschland bestellt. Anfang Oktober wurde die Sendung vom Zürcher Zollinspektorat beschlagnahmt. Der Zoll forderte eine Einfuhrbewilligung, welche Blerim aber nicht vorweisen konnte.

Daraufhin flatterte bei Blerim – Bauarbeiter, seit einem Unfall im letzten Jahr nicht mehr arbeitstätig – der Strafbefehl ins Haus. Dies aus zwei Gründen. Der Kauf und Import eines Messers mit einer solchen Klingenlänge ist in der Schweiz ohne vorliegende Bewilligung verboten. Zudem ist der 46-Jährige kosovarischer Staatsangehöriger und bräuchte daher ohnehin eine Ausnahmebewilligung, um eine Waffe in die Schweiz einzuführen. Für diese Verstösse legte der Staatsanwalt eine bedingte Geldstrafe und eine Busse fest. Diesen Strafbefehl focht Blerim an und landete damit vor dem Bezirksgericht Aarau.

Messer sei nicht für ihn

Dort erscheint er in kurzen Jeans, Shirt und Espadrilles. Er gibt zu, dass er seiner Tochter den Auftrag für die Bestellung gegeben hatte. Er habe zwar gewusst, dass man Waffen nicht importieren dürfe, habe aber gedacht, dies gelte nur für solche, die sehr gefährlich seien. Das Messer sei nicht für ihn bestimmt gewesen, sondern für einen Bekannten, der im Kosovo lebe.
«Wieso hat dann Ihr Kollege das Messer nicht selbst bestellt?», will die Richterin von Blerim wissen. «Weil der Shop nicht in den Kosovo liefert. Vielleicht wusste er ja auch, dass das verboten ist. Mir war es nicht klar», erklärt Blerim und gestikuliert dabei wild.

Auch bei seinem Schlusswort betont der Beschuldigte nochmals, dass er seine Handlung bereue: «Ich habe es wirklich nicht extra gemacht. Ich werde das sicherlich auch nie mehr tun, ich hatte keinerlei böse Absichten.» Seinen Kollegen in der alten Heimat habe er gebeten, schriftlich zu bestätigen, dass das Messer für ihn bestimmt gewesen sei. Dieser habe aber zu seiner Enttäuschung nicht auf die Bitte reagiert.

In ihrem Urteilsspruch anerkannte die Richterin die Reue von Blerim. Und: «Ich glaube Ihnen, dass Sie nicht aus böser Absicht gehandelt haben.» Trotzdem spricht sie den 46-Jährigen in allen Anklagepunkten schuldig – ganz nach dem Grundsatz «Unwissen schützt vor Strafe nicht». «Sie haben sich einfach nicht genügend informiert. Es wäre Ihre Pflicht gewesen, dass Sie den Sachverhalt abklären.»

Trotz des Schuldspruchs setzt das Bezirksgericht die vom Staatsanwalt verhängte Strafe ein wenig runter. Einzelrichterin Keller reduziert die bedingte Geldstrafe von 3500 Franken um 2000 Franken und die Probezeit von drei auf zwei Jahre. Auch bei der Höhe der Busse hat Blerim Glück: Anstatt 800 Franken muss er 300 Franken bezahlen. Dazu kommen die Verfahrens- und Parteikosten, die zu seinen Lasten gehen. Auch für Blerims Tochter hat die Bestellung des Messers Folgen. Ihr Fall wird von der Jugendanwaltschaft des Kantons Aargau in einem eigenen Verfahren behandelt.